ABNEHMEN

FotoS: Adobe stock/ Knut Wiarda

Abnehmen im Schlaf

GESUND&LEBEN-Autorin Eva Kohl wollte dem Winterspeck den Kampf ansagen und hat sich zu einem Selbstexperiment motiviert.

GESUND&LEBEN-

Autorin Eva Kohl

Bisher habe ich sie immer belächelt, die Frauen, die alljährlich im Frühling eine neue Diät beginnen. Doch dann zwickte plötzlich die Lieblingshose nach den Feiertagen. Schnell war klar: Zehn Kilo müssen weg. Bloß wie? Der Plan: Jojo-Effekt vermeiden, nicht hungern, kein intensives Sportprogramm in der kalten Jahreszeit durchziehen – und keine Experimente. Eine App für mein Smartphone schien all das zu berücksichtigen: Das „Gewichts- und Wellness-Programm“ distanziert sich von Diäten und verspricht, die Nutzerinnen und Nutzer bei der Veränderung ihrer Lebensgewohnheiten zu unterstützen. Ab- nehmen und gesünder leben –  das war meins.


Wellness statt strenger Diät

Wahre Veränderungen in meinem Leben erreichen zu können klang verheißungsvoll. Also startete ich mit dem Programm. Ein umfangreiches Info-Paket erklärte mir, wie. Die Mahlzeiten müssen gewissenhaft mitgeloggt werden, auch die Snacks, die sich in Bezug auf die Kalorienzufuhr als recht gewaltig erwiesen. Mein kleiner Trick, gegen den Hunger zwischendurch einen raschen Kaffee zu genießen, erwies sich als Falle: Ich schüttete nicht nur zu viel Zucker in den Kaffee, auch die Milch gibt ganz schön Energie, wenn man die Angaben studiert.

Hinzu kamen ein Schrittzähler für die tägliche Bewegung und die Aufforderung, sportliche Aktivitäten getrennt einzugeben. Tägliche zwei bis drei Informations-Mails sollen für Motivation und das nötige Wissen für einen gesunden Lebensstil sorgen. Regelmäßiges Wiegen, ein persönlicher Coach und die Vernetzung mit Gleichgesinnten in einem eigenen Chat unterstützen beim Durchhalten.


Abnehmen braucht Zeit

Eigentlich lebte ich bisher halbwegs gesundheitsbewusst, so dachte ich jedenfalls. Nur die Bewegung kam in letzter Zeit ein wenig zu kurz. Nach der Arbeit, dem Hobby und dem Haushalt blieb abends gerade noch genug Zeit und Energie, ein Stück Fleisch in der Pfanne zu braten und mit einer Handvoll Nudeln oder Reis zu servieren. Salat aus dem eigenen Garten dazu, der Vitamine wegen. Doch Halt: Da war sie schon, die erste Warnung vom Kalorienzähler. Weniger Fleisch und Sätti- gungsbeilagen sollten es sein, dafür fehle ordentlich Gemüse. Gemüse muss frisch gekauft, geputzt und gekocht werden. Das bedeutet Zeit- und Energieaufwand.

Auch der Schrittzähler schraubte die Anforderungen an mich ständig hoch. War er anfangs mit 2.000 Schritten zufrieden, sollten es letztlich tägliche 10.000 Schritte werden. Mit dem Weg bis zur Busstation war es längst nicht mehr getan. Inzwi- schen gehe ich täglich etwas früher los und winke unterwegs dem Bus nach, der an mir vorbei fährt. Dafür beginnt jeder Ar- beitstag mit dem Gesang der Vögel, an denen ich vorbeieile. Und ich schaffe Zeitlücken, in denen ich doch noch ein oder zwei Stunden Sport pro Woche unterbringe.


Abnehmen ohne Hungersnot

In täglichen Informations-Mails erfahre ich beispielsweise, dass mein Körper eine zu heftige Reduktion der Kalorien als per- sönliche Hungerkatastrophe fehlinterpretieren könnte. Er würde dann vorsorglich jede zugeführte Kalorie effizienter auswer- ten. Nach einigen Tagen wäre eine Gewichtszunahme die Folge. Als ich letzte Woche kurz vor Mitternacht mit einem intensi- ven Arbeitstag, 5.000 Schritten, einer kurzen Runde mit dem Rad und dem Gemüse-Kochen fertig war, widmete ich mich den Wellness-Infos des vergangenen Tages. Und musste schmunzeln, als ich las: „Schlafmangel wurde in verschiedenen Studien mit Gewichtszunahme in Verbindung gebracht.“  Denn Stress oder Schlafmangel können zu einer vermehrten Aus- schüttung des Stresshormons Cortisol führen. Das machen Wissenschaftler auch für unerwünschte Gewichtszunahme ver- antwortlich. Mittlerweile habe ich es verstanden: Abnehmen braucht vor allem viel Zeit, vielleicht sogar den Rest meines Le- bens. Doch meine Lieblingshose passt mittlerweile wieder und bis zur Bikini-Figur habe ich ja noch ein paar Wochen Zeit.


eva kohl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019