EHRENAMT

Mut kennt keine Grenzen

Der gemeinnützige Verein „Kampf.Kunst.Schule“ in Melk bringt geistig beeinträchtigten Menschen die Kampfkunst „Wing Chun“ bei. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, wie sie sich im Ernstfall selbst verteidigen.

Konzentriert und voller Motivation lernt die geistig beeinträchtigte Gruppe, sich selbst zu verteidigen.

Konzentriert und voller Motivation lernt die geistig beeinträchtigte Gruppe, sich selbst zu verteidigen.

Konzentriert und voller Motivation lernt die geistig beeinträchtigte Gruppe, sich selbst zu verteidigen.

Konzentriert und voller Motivation lernt die geistig beeinträchtigte Gruppe, sich selbst zu verteidigen.

Konzentriert und voller Motivation lernt die geistig beeinträchtigte Gruppe, sich selbst zu verteidigen.

FotoS: Philipp Monihart

Sin Nim Tao. Diese erste Form des Wing Chun, einem Kung Fu-System, steht als Erstes auf dem Programm. Lehrer Christoph Scheuch erklärt die wichtigsten Bewegungsmuster und zeigt sie immer wieder vor. Reihum folgen Franz, Harald, Stefan und Christina gemeinsam mit ihren Betreuerinnen Nina und Katrin den Anweisungen. Es ist ruhig in den lichtdurchfluteten Räumen der Kampfkunstschule Melk, einem gemeinnützigen Verein, der sich im ehemaligen Bischöflichen Seminar befindet. An jenem Samstag findet eine besondere Wing Chun-Stunde statt: Die Teilnehmer kommen mit dem Treffpunkt Melk, einem Freizeitbe- reich der Caritas, zur Kampfkunstschule. Sich körperlich zu bewegen fällt ihnen nicht schwer. Geistig erfordert es etwas mehr Anstrengung, denn alle Teilnehmer der Stunde sind geistig beeinträchtigt.


Opferrolle verlassen

Drei bis vier Mal im Jahr macht sich die Gruppe des Treffpunkt Melk auf den Weg in die Kampfkunstschule. Manche Teilnehmer des samstäglichen Wing Chun-Trainings machen schon seit Jahren mit. Franz ist einer davon. Er freut sich das ganze Jahr auf die Trainings, erzählt seine Betreuerin Katrin. Vor drei Jahren startete Lehrer Christoph Scheuch gemeinsam mit dem Leiter der Kampfkunstschule, Armin Haiderer, das Training für geistig beeinträchtigte Menschen. Wing Chun macht den Teilnehmern nicht nur besonders viel Spaß, sondern wirkt sich auch auf den Alltag der Menschen aus: „Diese Menschen haben auch gewisse Kräfte oder Aggressionen, die sie sinnvoll nutzen können. Wir leiten sie ein Stück weit an, um die Opferrolle zu verlassen. Wir trainieren zum Beispiel, wie man artikuliert, wenn einen jemand belästigt“, sagt Armin Haiderer. Dafür ist Wing Chun ideal: Die- se Kampfkunst ist eine realistische Selbstverteidigung und funktioniert mit wenig Kraft. Wing Chun entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts innerhalb chinesischer Geheimgesellschaften und wurde der Legende nach von zwei Frauen entwickelt. Wing Chun ist kein Sport, daher finden auch keine Wettkämpfe statt. Es ist so konzipiert, dass körperliche Unterlegenheit ausgegli- chen wird. Daher ist es ideal für Kinder, Frauen und eben die Gruppe des Treffpunkt Melk.

Als nächstes kommt der Fauststoß an die Reihe. Zuerst drehen die Teilnehmer die Handfläche nach oben, danach die Finger- spitzen akkurat nach unten. Immer wieder wiederholen sie die Bewegung. „Wie geht es euch damit?“, fragt Christoph. Gut, lau- tet der Tenor seiner Schüler. Ins Schwitzen kommen nach dieser Übung die meisten. Als nächstes holt Christoph einen Schlag- polster. Er hält ihn und Ronald, ein weiterer Trainer, zeigt kraftvoll den Fauststoß vor. Dann kommen die Teilnehmer an die Reihe: Christina versucht zunächst zaghaft, mit ihren Fäusten auf den Polster zu schlagen. „Hau drauf!“, motiviert er die einzige Dame in der Runde. Sie schlägt kräftig zu. „Schneller, schneller!“ bringt Christoph die zierliche Frau im hellblauen Trainingsanzug dazu, ihrer Kraft freien Lauf zu lassen. In der nächsten Runde verändert sich nicht nur der Fauststoß der Teilnehmer: Sie wirken motivierter, die Blicke sind entschlossener. Und die Gesichter rot vor Anstrengung.


Den Anderen wahrnehmen

Übungen wie der Fauststoß helfen körperlich unterlegenen Menschen wie Christina, sich im Ernstfall verteidigen zu können. Das Wissen über solche Bewegungen, die sie jederzeit anwenden können, verändert sie in ihrer ganzen Wahrnehmung: „Man merkt einen totalen Unterschied. Die Menschen wachsen über sich hinaus und werden mutiger“, sagt Betreuerin Katrin. Viele ihrer Klienten arbeiten tagsüber in Tagesstätten und kommen abends in ein Wohnheim. Sport steht meistens nicht auf dem Pro- gramm. In einem Rahmen, den sie kennen – in diesem Fall das Wing Chun-Training – bewegen sich die Menschen

hingegen gerne und probieren etwas aus.

Im neu renovierten Trainingsraum üben die Teilnehmer einstweilen immer noch den Fauststoß. Harald mit dem Rapid-Shirt sticht dabei besonders heraus: Er kämpft unermüdlich mit dem Schlagpolster. Danach steht die nächste Übung auf dem Programm. Trainer Christoph sucht einen Freiwilligen, Stefan meldet sich. Die beiden zeigen eine Übung vor, die die Teilnehmer nun zu zweit üben. Stefan findet sich mit Franz zusammen, Harald mit Christoph. Bei dieser Paarübung ist es wichtig, den anderen wahrzunehmen und seine eigene Kraft zu dosieren.


Eigene Grenzen kennenlernen

„Das wichtigste ist, dass es Spaß macht“, sagt Lehrer Christoph Scheuch. Der Pädagoge und Horterzieher trainiert nicht nur die Klienten der Caritas, sondern auch Erwachsene und Kinder. Zusätzlich gibt er einen Kurs für Gewaltprävention. Gerade die Wiederholung der Übungen helfe dabei, dass sich die Teilnehmer etwas einprägen. Wenn dann ein Bösewicht auftaucht, ha- ben sie dank Wing Chun mehr Selbstbewusstsein und können sich wehren. Die chinesische Kampfsportart ist aber viel mehr als Selbstverteidigung, denn diese fängt meist erst an, wenn es zu spät ist und man schon gepackt wird, ergänzt Armin Haide- rer. Bei Wing Chun geht es viel darum, die eigenen Grenzen kennenzulernen. „Was lasse ich zu und wo stehe ich auf? Es geht viel ums Nein-Sagen und darum, dass andere Menschen nicht die eigene Grenze überschreiten“, sagt Christoph Scheuch. Die Treffpunkt-Gruppe der Caritas lernt im Wing Chun-Kurs, sich etwas zu trauen und sich selbst etwas zuzutrauen. Auch wenn der Fauststoß Spaß macht: Ziel ist es dann doch, die Selbstverteidigungsstrategien des Wing Chun im Alltag nicht einsetzen zu müssen.


Stopp sagen

Nach der Paarübung spielen die beiden Trainer Ronald und Armin Situationen im Alltag durch. Armin erklärt, wann es an der Zeit ist, Stopp zu sagen und seinen Bereich zu kennzeichnen. Er appelliert an die Teilnehmer, die ihm aufmerksam zuhören: „Es darf euch niemand schlagen!“ Sie sollen in brenzligen Situationen immer die Hände in die Höhe geben, um sich notfalls vertei- digen zu können. Armin Haiderer erklärt den Teilnehmern außerdem, wie wichtig es ist, Stopp oder Halt zu sagen. Eine weitere, gute Übung für das eigene Selbstbewusstsein ist es, laut zu sein und etwas laut zu sagen, ergänzt Christoph.

Zum Abschluss der zweistündigen Wing Chun-Stunde stehen Tritte auf dem Programm. Zunächst übt der Trainer mit der Grup- pe, auf einem Bein zu stehen, den anderen Fuß ziehen sie angewinkelt nach oben. Danach kommt wieder der Schlagpolster zum Einsatz: Ähnlich wie beim Fauststoß treten Christina und ihre männlichen Kollegen kraftvoll auf den rechteckigen Polster. Und dann ist die Wing Chun-Einheit schon wieder vorbei. Müde, aber glücklich posieren die Teilnehmer gemeinsam mit ihren Betreuerinnen Katrin und Nina und den Trainern Armin und Christoph für ein Selfie. Fast alle ballen dabei die Hände zu Fäus- ten. Und man sieht ihnen nach zwei Stunden Selbstverteidigung an: So schnell lassen sie sich künftig nichts mehr gefallen.



Daniela Rittmannsberger


Informationen:

www.kampfkunstmelk.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2019