IMPFEN

Wunderwaffe Impfen?

Rund um das Thema Impfen ranken sich viele Mythen, die Impf-Befürworter und -Skeptiker allzu leicht für bare Münze nehmen und so Unsicherheit verbreiten. GESUND&LEBEN hat nachgefragt, was es bei Impfungen zu beachten gilt.

Tagtäglich wird der menschliche Körper zahllosen Viren und Bakterien ausgesetzt – sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz oder zu Hause. Viele davon sind für uns harmlos, denn unser Immunsystem schützt uns vor vielen Krankheitserregern. Dr. Karl Zwiauer leitet die Klinische Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum St. Pölten. Was genau bei einer Impfung im Körper passiert, erklärt er so: „Der Impfstoff ahmt einen Erreger nach und ruft eine immunologische Reaktion im Körper hervor. Die Impfung macht im Körper also das, was eine Infektion macht, nur ohne die nachteilige Wirkung einer Krankheit.”

Dass Impfungen seit ihrer Erfindung für Millionen von Menschen lebensrettend waren, ist unumstritten. Wie bei vielen kontroversen Themen finden sich auch zum Impfen allerlei Gegenargumente von Skeptikern und Gegnern. So heißt es zum Beispiel, dass das Immunsystem verkümmern könnte, wenn man Kinder im jungen Alter impft. Für Zwiauer ist das „schlicht falsch, denn dieser Behauptung fehlt jegliche wissenschaftliche Grundlage”. Gerade Kinder tragen das größte Risiko, bei einer Auseinandersetzung mit Viren oder Bakterien schwer zu erkranken.


Schlaue Erreger

Man unterscheidet zwischen Lebend- und Tot-Impfungen. Zwiauer bezeichnet Viren als „sehr geschickt”, denn sie vermehren sich unaufhaltsam im Körper der infizierten Person. Darum muss man raffiniert vorgehen, um die schlauen Krankheitserreger wirkungslos zu machen. Lebend-Impfungen tricksen sie aus, indem abgeschwächte Viren oder Bakterien eingeimpft werden, die sich, ganz wie ihre bösartigen Kollegen, im Körper des Impflings vermehren. Das Immunsystem erkennt die gespritzten Störenfriede, bekämpft sie und speichert den Prozess ab. Damit weiß es, was es zu tun hat, wenn es zu einer Infektion kommt. Tot-Impfstoffe wirken nach demselben Prinzip. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass er aus Teilen von Krankheitserregern, wie etwa der Zellwand, besteht. Auch hier bekämpft das Immunsystem die Eindringlinge und merkt sich die Vorgehensweise für das nächste Mal.


Keine Angst vor Impfungen

Die Angst einiger Eltern vor möglicherweise schädli- chen Impfstoffen will Zwiauer entkräften: Alle in Ös- terreich zugelassenen Präparate könnten „mit großer Zuversicht verabreicht werden”. Auch Schwangere brauchen nicht davor zurückschrecken, sich impfen zu lassen. Die Scheu vor einer Impfung während der Schwangerschaft sei veraltet und könne aus heutiger Sicht medizinisch nicht mehr begründet werden, meint der Facharzt. Dennoch sei es besser, sich bei Kinderwunsch schon vor der Schwangerschaft imp- fen zu lassen. Der Impfschutz der Mutter überträgt sich nämlich in gewissem Maße auf das Kind, das zum Zeitpunkt der Geburt sozusagen immunologisch naiv ist. Eine geimpfte Frau kann ihrem Baby also schon einen kleinen Startvorteil ins Leben geben, wenn sie sich impfen lässt. Trotzdem können alle Impfungen, außer Lebend-Impfungen, auch während der Schwangerschaft ohne Bedenken verabreicht werden.Damit es bei einer Immunisierung zu keinen ungewollten Komplikationen kommt, sollten sich vor allem Allergiker vor einer Impfung genau über die In- haltsstoffe informieren, um einer allergischen Reakti- on vorzubeugen.


Nicht überimpfen!

Dass es nicht zielführend ist, sich so oft wie möglich impfen zu lassen, erklärt Zwiauer so: „Wird das Immun- system zu oft einem gewissen Erreger ausgesetzt, sei es auch gewollt durch eine Impfung, sinkt die Zahl der Antikörper und die Wirkung des Impfstoffes nimmt ab.“

Grundsätzlich gäbe es aber keine weiteren Möglichkeiten, die Wirksamkeit eines Impfstoffes zu schmälern. Personen mit einem geschädigten Immunsystem wird jedoch von Lebend-Impfungen abgeraten. Genauso sollte bei bestimmten Erkrankungen oder Therapien, wie etwa einer Chemotherapie, der Impfschutz schon rechtzeitig vor dem Behandlungsstart erfolgen. Nach einer Impfung sollte man auf körperliche Höchstleistun- gen verzichten, schließlich verrichtet der Körper schon ganze Arbeit mit der Abwehr der Erreger-Imitate.

Vermerkt werden alle Impfungen im Impfpass. Ein gelegentlicher Blick in das kleine Büchlein schadet also nicht, um sicherzustellen, dass man den vollen Impfschutz genießt.


Theresa Adelmann

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019