PARASITEN

Blinde Passagiere

Sie verschaffen sich Zugang zu unserem Körper, leben auf unsere Kosten und können sogar unser Verhalten steuern: Parasiten sind Überlebenskünstler.

Obwohl er eigentlich ganz friedlich ist: So einen Bandwurm will niemand  in seinem Darm beherbergen.

Nicht hübsch anzuschauen, aber sehr zäh: Sein Hunger auf Blut macht den Floh zum Parasiten.

Die beeindruckenden Mundwerkzeuge der Krätzmilbe sind nicht nur Zierde. Mit ihnen bohrt sie Gänge unter der Haut, wo sie ihre Eier legt.

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Renate S. fühlt sich nicht wohl. Immer wieder hat sie leichte Bauchkrämpfe. Eines Morgens wirft sie nach dem Stuhlgang einen Blick zurück in die Schüssel. Erschrocken sieht sie kleine weißliche Stückchen im Stuhl. Sie drückt die Spülung und macht sich auf den Weg zu ihrer Hausärztin. In der Ordination schildert Renate S. ihre Beobachtungen. Ob sie denn häufig nicht durchgegartes Fleisch esse, fragt die Ärztin. Renate S. nickt, sie esse für ihr Leben gerne Beef Tatar. Die Ärztin gibt Renate ein Gefäß mit nach Hause, in das sie eine Stuhlprobe füllen soll, spricht jedoch schon einen Verdacht aus: In Renates Darm könnte ein Rinderbandwurm leben.


Ein Paradies für einen Wurm

Die Vorstadien des Wurms, die sogenannten Finnen, hat Renate wahrscheinlich über rohes oder nicht ausreichend durchgegartes Fleisch aufgenommen. Hierzulande wird Rindfleisch gründlich kontrolliert, bevor es verkauft wird. Einzelne Finnen können dennoch übersehen werden. Aus einer Finne entwickelt sich im Darm des Menschen dann der erwachsene Bandwurm. Er haftet sich mit seinen Mundwerkzeugen an der Darmwand fest und kann bis zu fünfzehn Meter lang werden. Im menschlichen Darm hat er seinen idealen Lebensraum gefunden: konstante Temperatur und abwechslungsreiche Verpflegung. Bei den kleinen weißen Stückchen im Stuhl handelt es sich um die Endglieder des Wurms, die seine Eier enthalten.


Sammelsurium

Obwohl sie sehr prominente Vertreter sind, machen Würmer nur einen Teil des bunten Sammelsuriums aus, das man unter dem Begriff Parasiten zusammenfasst. Per Definition ist ein Parasit ein Lebewesen, das auf Kosten eines anderen Körpers auf oder in diesem lebt. Meist zum Schaden des Wirts. Würmer, wie Bandwürmer oder Spulwürmer, zählen genauso zu den Parasiten wie Läuse und Flöhe. Auch die Erreger der Malaria oder die Toxoplasmen gehören dazu. Sie sind Vertreter der einzelligen, also der allerkleinsten Parasiten.

Einer, der sie alle kennt, ist Univ.-Prof. Dr. Herbert Auer. Er leitet die Abteilung für Medizinische Parasitologie des Instituts für Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien. Es ist das einzige Zentrum für parasitäre Erkrankungen in Österreich. Im nördlichen Niederösterreich betreibt Auer außerdem ein parasitologisches Beratungszentrum. Dort berät er besonders gefährdete Berufsgruppen. Dazu zählen Pädagogen, Landwirte, Tierärzte oder Jäger. Hunde- und Katzenhalter können ebenfalls Parasiten von ihren Vierbeinern bekommen, mit regelmäßigem Entwurmen können sie sich aber gut davor schützen.


Mit Parasiten im Bett

Ein parasitisch lebendes Spinnentier macht in unseren Breiten immer wieder Schlagzeilen. Es fühlt sich wohl, wo viele Men- schen nah beieinander leben und die Hygiene darunter leidet. Besonders in Kindergärten, Schulen und Altersheimen ist sie gefürchtet: die Krätzmilbe. Sie bohrt sich unter die Haut ihres Wirts und legt dort ihre Eier ab. Der Körper reagiert darauf mit Entzündung, Juckreiz und Schmerzen. Zu jucken beginnt es meist nachts, im warmen Bett, wenn die Milben aktiv werden. Er- kennen kann man ihre Anwesenheit außerdem an den geröteten Gängen, die sie direkt unter der Haut hinterlassen. Die Krätzmilbe wird durch intensiven Hautkontakt übertragen, ohne Menschen ist sie allerdings verloren. „Eine Krätzmilbe über- lebt höchstens zwei Tage außerhalb des Körpers“, erklärt Auer. „Bettwäsche einige Tage an die frische Luft zu hängen reicht schon aus, um die Milben darin zu töten.“ Die Haut kann mit Spray und Cremen von der Krätzmilbe befreit werden. In man- chen Fällen ist auch ein Medikament zum Schlucken notwendig.


Therapie

Die meisten Parasiten verursachen zwar Krankheiten, können aber erfolgreich therapiert werden. Fatal kann Parasitenbefall für Menschen mit schwachem Immunsystem sein, wie zum Beispiel für Neugeborene, Menschen mit Aids oder nach Organ- transplantationen. Professor Auers Ratschlag an alle, die frei von Parasiten bleiben wollen: „Kein Fleisch, Fisch oder Meeres- früchte roh oder schlecht durchgegart essen, besonders in Ländern mit niedrigen Hygienestandards. In den Tropen sollte man außerdem nie ohne Schutz in der Dämmerung spazieren und sich nicht von Mücken stechen lassen.“ Und in Öster- reich? „Hier sollte man nicht mit den Händen im Erdboden hantieren und dann die Finger zum Mund führen.“ Denn durch Tierkot landen in der Erde besonders viele Eier von verschiedenen Parasiten. Die des Fuchsbandwurmes zum Beispiel.


Hände waschen!

Die Gefahr, ihn aufzunehmen, ist nicht besonders groß. Wenn es doch passiert, allerdings umso schlimmer. Vermutlich jeder hat schon einmal die Warnung vor rohen Heidelbeeren oder Bärlauch aus dem Wald gehört. Weil sie so nah am Boden wach- sen, seien sie besonders häufig mit Eiern des Fuchsbandwurmes verunreinigt. Laut Auer sind es aber meist nicht die Beeren selbst, auf denen die Eier haften: „Beim Schwammerlsuchen, Holzsammeln oder durch Liegestütz im Wald kommen die Eier aus dem Erdreich auf die Finger“, warnt der Experte. Zusammen mit den frisch gepflückten Beeren wandern auch die Eier von den Fingern in den Mund. Im Darm schlüpfen daraus Larven, die sich durch die Darmwand bohren. So gelangen sie übers Blut in das nächstgelegene Organ, die Leber. Dort zerstören sie Gewebe und lösen Entzündungen aus, zunächst unbe- merkt. Über viele Jahre hinweg schädigen sie die Leber und breiten sich in benachbarte Organe wie Zwerchfell und Lunge aus. Die Erkrankung heißt alveoläre Echinokokkose. Vollständig heilbar ist sie nur, wenn sie früh erkannt wird. Die Echinokok- kose ist zwar nach wie vor selten, seit etwa zwei Jahrzehnten nehmen die Fälle in Europa jedoch stetig zu. Auch in Öster- reich breitet sich der Fuchsbandwurm seit einiger Zeit stark aus. „Wir hatten von 1980 bis 2010 im Jahr durchschnittlich zwei bis drei Fälle von alveolärer Echinokokkose in Österreich. 2018 waren es 16 Fälle, heuer bereits im Frühsommer schon über 14 Fälle“, berichtet Auer. Auch wenn es nicht leicht fällt: Die Heidelbeeren im Wald sollte man lieber am Strauch lassen. Oder sie mit nach Hause nehmen und zu Kuchen oder Einkoch verarbeiten. Nach zehn Minuten bei mindestens 70 Grad ist kein Bandwurm-Ei mehr am Leben. Waren die Hände mit Erde in Kontakt, sollte man sie danach in jedem Fall waschen. Das gilt auch für die Gartenarbeit, rät Parasitologe Auer.


Toxoplasmen

Renate S. sitzt wieder im Wartezimmer ihrer Ärztin und hat eine Stuhlprobe mit. Sie ekelt sich, ist aber froh darüber, was die Ärztin ihr letztes Mal über die Behandlung gesagt hat: Durch die einmalige Einnahme eines Medikaments löst sich der Rin- derbandwurm von der Darmwand und verlässt beim nächsten Stuhlgang den Körper. Während sie wartet, sieht sich Renate um. Außer ihr sitzen noch vier andere Patienten im Wartezimmer. Was Renate S. nicht weiß: Statistisch gesehen trägt einer von ihnen Toxoplasma gondii in sich, den Erreger der Toxoplasmose. Wer einmal mit einer Katze unter demselben Dach ge- lebt hat, beherbergt mit einiger Wahrscheinlichkeit Toxoplasmen. Die einzelligen Parasiten lassen sich im Gehirn ihrer Wirte nieder. Dort kapseln sie sich in winzigen Zysten ab, richten aber keinen offensichtlichen Schaden an, sofern das Immunsys- tem des Wirts intakt ist. Gefährlich ist die Toxoplasmose für Menschen mit schwachem Immunsystem, Neugeborene und Schwangere, die noch nie mit Toxoplasmen in Kontakt waren. Sie sollten den Umgang mit Katzen vermeiden.


Fremdgesteuert?

Toxoplasmen im Gehirn machen in der Regel zwar nicht krank, sie haben aber eine ganz besondere Fähigkeit: Sie können das Verhalten ihrer Wirte beeinflussen. Mäuse und Ratten machen die Parasiten furchtloser und risikofreudiger. Forscher fan- den auffällig oft Toxoplasmen, als sie die Gehirne von Verkehrsunfallopfern untersuchten. Es könnte also sein, dass auch manche Menschen zu riskantem Verhalten neigen, wenn sie Toxoplasmen beherbergen. Auch ob die Parasiten bei der psy- chischen Erkrankung Schizophrenie eine Rolle spielen könnten, wird derzeit erforscht.

Renate S. ist nach der Therapie wieder vollkommen beschwerdefrei. Sie ist erleichtert, dass es nur ein vergleichsweise harm- loser Rinderbandwurm war. Nach einer ausgiebigen Internetrecherche zu Parasiten weiß sie: Es hätte weit schlimmer kom- men können. Wenn sie einen blinden Passagier von ihrer letzten Afrikareise mitgebracht hätte zum Beispiel. Obwohl Parasi- ten von der Arktis bis zum Regenwald in allen Gebieten der Erde zu finden sind – tropische Länder sind wahre Hotspots, was Parasiten anbelangt. „Parasiten als unfreiwillige Urlaubssouvenirs kommen heute trotzdem nur noch selten vor“, betont Auer. „Wenn etwas aus den Tropen mitgebracht wird, dann meist Durchfallerkrankungen oder Malaria.“ Die Parasiten der tropi- schen Länder könnten noch weitere Seiten füllen. Unter ihnen finden sich die tödlichsten Vertreter ihrer Art. Aber auch in hei- mischen Wäldern warten Parasiten darauf, unsere Körper für sich zu nutzen – manchmal mit schweren Folgen, wie das Bei- spiel des Fuchsbandwurms zeigt. Es ist eine unendlich vielfältige Welt, die unseren Augen verborgen bleibt. Heute konnten wir einen kleinen Blick hinein werfen.


Jana Meixner



Beratung & Hilfe


-Hausärztin, Hausarzt

-Institut für Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien

-Homepage von Dr. Herbert Auer: www.parasitenberatung.at

-Parasitologische Diagnostik gibt es in Österreich ausschließlich an der Meduni Wien.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019