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IM PORTRÄT

Wirklich Leben heißt entscheiden

Tom Gschwandtner musste schon viele schwierige Situationen meistern.  Seine Erfahrungen hat er in zwei Büchern

zusammengefasst.

Ein schöner Herbstausflug im September 1995 endete in einem schweren Autounfall. Seither sitzt Tom Gschwandtner im Rollstuhl. Der Niederösterreicher, damals gerade 26 Jahre jung, hatte die Ausbildung zum Milizoffizier absolviert und war in seinem Beruf als pharmazeutischer Außendienst-Mitarbeiter stän- dig auf Achse. „Es kommt, was kommen will“, ist der 50-Jährige heute überzeugt.

Aus seinem Unglück hat er das Beste gemacht, hat sich aus eigener Kraft beruflich komplett neu orien- tiert. Während er ein barrierefreies Eigenheim für seine Familie baute, machte er sich als Grafiker selbst- ständig und schrieb sein erstes Buch „Gelähmt ist nicht gestorben“. Ungewöhnlich heiter für so eine tra- gische Geschichte schildert er darin die Wochen nach dem Unfall.


LERNEN BEIM SCHEITERN

Dass das Leben „nicht immer superlustig“ ist, weiß Tom Gschwandtner nur zu gut. „Nur im Scheitern kann man lernen“, erkannte der Grafiker aus Horn in diesen schweren Jahren. Heute ist er in einer glück- lichen Beziehung, hat zwei Kinder. Gschwandtner rät aus seiner Erfahrung als durch seine Querschnitt- lähmung eingeschränkter Mensch dazu, sich folgende Fragen zu stellen, um die kraftraubenden Beden- ken kleiner werden zu lassen:

-Stimmen diese Gedanken?

-Will ich sie denken?

-Kann ich etwas anderes denken?


„Die Realität ist schon genug“, meint der Autor. Es nütze seiner Ansicht nach also nichts, sich mit Hirn- gespinsten auseinanderzusetzen. Denn Energie darauf zu verschwenden, die dann verfliegt, sobald sich das Gedanken-Wirrwarr von selbst löst, werfe einen nur drei Schritte zurück.


KEIN „WAS WÄRE, WENN …?“

Daher stellte Gschwandtner nach seinem Unfall nicht die Frage: „Was wäre, wenn …?“ Man könne sich viel wünschen, aber nur weil ein Unglück vermieden worden wäre, hieße das nicht, dass etwas Besseres stattdessen gekommen wäre. „Hätt’ ich nicht den Unfall gehabt, hätt’s ja sein können, dass ich in der nächsten Kurve ein Kind überfahr“, bringt es der Autor auf den Punkt. Mit dieser Art machte sich der 50- Jährige nicht unbedingt bloß Freunde, wie er erzählt: „Ich bin aus allen Behinderten-Plattformen ausge- stiegen. Wieso? Die wollten sogar den Mount Everest barrierefrei machen und da hab ich g’sagt, ich muss da nicht hinauf.“


ALLES EINE MENTALE GESCHICHTE

Sportliche Höchstleistungen sind nicht (mehr) ganz so seines. Umso mehr sind sie es für den mehrfa- chen Freitauch-Weltmeister und Stuntman Christian Redl, mit dem Gschwandtner sein neues Buch „Wirklich leben heißt entscheiden“ geschrieben hat. Beide haben es geschafft, sich aus den schwierigs- ten Situationen selbst herauszuholen. Redl beispielsweise taucht freiwillig minutenlang ohne Sauerstoff unter Eis. Er muss auf sich selbst vertrauen können, muss seine eigenen Grenzen überwinden. Auch Gschwandtner musste das wiederholt nach seinem Unfall tun. Aber „man bringt mehr z’sam, als man sich zutraut“, weiß er. Denn die meisten Dinge entscheiden sich, sagt er, im Kopf. Ob das Buch noch ein Ratgeber im breiten Spektrum der Lebenshilfe ist? Nein, sagt Gschwandtner, „kein oberg’scheiter Ratge- ber“, von denen hat er ja schon genug. Das Buch soll vielmehr aufzeigen, wie diese beiden außerge- wöhnlichen Menschen sich durch schwierige Situationen kämpfen und gekämpft haben. Sie wollen nie- mandem sagen, wie er oder sie sein Leben am besten lebt. Vielmehr wollen sie zeigen, dass man schwierigen Situationen gegenübertreten muss und kann. Das schaffen sie ähnlich wie in „Gelähmt ist nicht gestorben“ mit einer ordentlichen Portion Humor und Augenzwinkern.


Theresa Adelmann

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2020