ergotherapie

Ergotherapie kann entwicklungsverzögerten

Kindern einen Evolutionsschub verpassen.

Selbständiger und sicherer im Alltag:

Ergotherapie unterstützt dabei.


FotoS: sos, istockphoto/ Katarzyna Bialasiewicz, istockphoto: Fred Froese, kali9

Die goldene Mitte

Ergotherapie verhilft zu mehr Selbständigkeit und Lebensqualität und ermöglicht einen leistungsstärkeren, aber gleichzeitig entspannteren Alltag.

Nichtstun macht krank. Tun wollen und es nicht können macht auch krank. Zu viel tun macht ebenso krank. Und genau hier setzt die Ergotherapie an. „Jeder Mensch benötigt Aufgaben, die er bewältigen kann und die ihn einerseits nicht überfordern und anderer- seits nicht unterfordern. Der Alltag muss ein guter Mix aus Beanspruchung und Entspan- nung sein“, erklärt Ergotherapeutin Helga Sos aus Wiener Neustadt. „Im Grunde geht es in der Ergotherapie darum, dass die Klientinnen und Klienten ihre Handlungsfähigkeit und ihre Teilhabe am Leben – sei das nun im Job, im Haushalt oder in Bezug auf soziale Be- ziehungen – verbessern und dadurch mehr Zufriedenheit erlangen, sodass Herausforde- rungen bewältigbar sind“, sagt Sos. Die Ergotherapie kann beispielsweise Schlaganfallpa- tientinnen und -patienten, chronisch Kranken oder schwer Verunfallten einen Weg zurück in ein selbständiges Leben aufzeigen, entwicklungsverzögerten Kindern einen Evolutions- schub verpassen, Schwerstbeeinträchtigten zu mehr Lebensfreude verhelfen und Stress oder Traumata ausgesetzten Personen Methoden zeigen, wie sie ihr Leben erfüllend be- wältigen können.

Egal welche Probleme es betrifft, die Ergotherapie setzt stets in folgenden drei Bereichen an: An der Person selbst, also was kann sie an sich verändern, damit ihre Ziele erreicht werden. An der Umwelt beziehungsweise am Umfeld, damit die Umsetzung leichter ge- lingt. Und an der Betätigung und an der Teilhabe im Alltag, denn diese kann die gesund- heitliche Situation enorm verbessern. Und wie funktioniert das ganz konkret? „Nehmen wir eine Klientin, die als Therapieziel hat, Mahlzeiten für sich selbst zuzubereiten. Dann geht man in der Ergotherapie wie folgt vor: Mit verschiedenen Übungen erlangt die Klientin die Fähigkeiten, um ein Rezept sinnerfassend zu lesen, Gemüse geschickt zu schneiden und mit dem Herd und den Kochutensilien sicher umzugehen“, erklärt Helga Sos jenen Thera- piebereich, der die Person selbst betrifft. In Bezug auf die Umwelt kann die Ergotherapeu- tin Hilfsmittel vorschlagen, welche die Nahrungszubereitung dauerhaft erleichtern, wie beispielsweise einen elektrischen Zwiebelhacker verwenden, anstatt selbst zu schneiden oder helfende Personen hinzuziehen, die Tätigkeiten übernehmen. „Während an den bei- den ersten Säulen gearbeitet wird, überlegen Ergotherapeutin und Klientin gemeinsam, welche Alternativen vorübergehend zum Ziel führen. In diesem Beispiel könnte das sein, ein Fertiggericht aufzuwärmen oder Essen zu bestellen. Alle Interventionen können auch parallel ablaufen“, sagt Ergotherapeutin Sos. Oftmals wird erst im Rahmen der Ergothera- pie deutlich, welche Ziele die Klientin oder der Klient eigentlich hat, meistens verändern

sich diese im Laufe der Zeit.


Entwicklungsverzögerung

Vielfach besuchen Kinder und Jugendliche die Ergotherapie-Praxis von Helga Sos. So etwa die fünfjährige Anna, deren Un- geschick Eltern und Kindergartenpädagogin auffällt. Eine Entwicklungsstörung wird diagnostiziert. Anna schafft es nur mit großer Mühe, die Knöpfe ihrer Jacke zuzumachen. Sie ist unkoordiniert beim Klettern und verletzt sich häufig am Spielplatz. „Anna erhebt mit ihren Eltern und mir, was ihr im Alltag schon gut gelingt und was nicht so gut klappt. Gemeinsam werden Ziele festgelegt, die in der nächsten Zeit erarbeitet werden. Bei Anna sind das die Jacke schnell und alleine schließen und das Klettergerüst am Spielplatz lustvoll und ohne Verletzungsgefahr zu benützen“, erklärt Sos. Schritt für Schritt übt die Ergo- therapeutin mit Anna, wie sie den Knopf durch das Loch bringt und wo die linke oder rechte Hand hingreifen muss. Das Mäd- chen lernt zu fühlen, was seine Finger machen und mit welchen Tricks das Ganze leichter geht. Lustige Spiele fördern Moto- rik und Kognition und machen Anna so viel Spaß, dass sie sich jede Woche auf die Ergotherapieeinheit freut.


Lernen mit Spaß

Häufig ist die Ergotherapiepraxis eine Mixtur aus Indoor-Spielplatz, Turnsaal, Seminarraum und Kochstätte, die für Kinder und Erwachsene die jeweils passenden Hilfsmittel bietet, um sämtliche Therapieziele nicht nur zu verfolgen, sondern so zu gestal- ten, dass das Üben Freude bereitet. Am Beispiel von Anna wird viel an der Sprossen- und Kletterwand geübt. „Sie weiß nun, dass mindestens ein Fuß und eine Hand in Kontakt mit dem Klettergerüst sein muss, damit sie sicher hinauf und hinunter klet- tern kann. Während der Therapie ist ihre Mutter anwesend und lernt, wie sie Anna unterstützen kann. Außerdem bekommen sie Aufgaben für zu Hause“, sagt Helga Sos. In einigen Fällen können scheinbare Entwicklungsverzögerungen mittels Ergo- therapie rechtzeitig aufgeholt werden und einem ganz normalen Großwerden steht nichts mehr im Wege. Falls das nicht ge- lingt, dann erleichtert die Ergotherapie den Alltag.


Sozialen Umgang pflegen

Der gesunde und positive soziale Umgang mit anderen betrifft aber nicht nur Kinder, sondern ebenso Erwachsene. Probleme zu haben, Beziehungen aufzubauen, egal ob freundschaftlicher oder amouröser Natur – oder einfach nur im beruflichen Um- feld –, kann für viele Menschen eine Herausforderung darstellen. Ebenso ist es nicht immer einfach, mit starken Gefühlen wie Wut, Aggression, Frust, Trauer oder Müdigkeit umzugehen und sie richtig zum Ausdruck zu bringen. Die Ergotherapie entwi- ckelt mit den Klientinnen und Klienten individuelle Lösungen und hilft bei der realen Umsetzung.


Produktivität steigern

Im Übrigen kann jeder und jede seine eigene Produktivität steigern, oft durch ganz einfache Kniffe. Expertin Helga Sos: „Pro- duktivität betrifft die Schule, bezahlte Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, wie die Pflege von Angehörigen, das Aufpassen auf Enkelkinder oder den Spagat aus Familienversorgung, Haushalt und Job zu meistern.“ Der Alltag kann für jeden, egal ob ge- sund oder krank, zur Herausforderung und physisch wie psychisch zur Belastung werden. Die Konsequenzen können Bur- nout, Angstzustände und Depression sein. „Vielfach kann in Gesprächen herausgearbeitet werden, wie man die genannten Probleme löst. Wir Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten helfen, eine ausgleichende Freizeitgestaltung zu schaffen, Sport

zu betreiben, Hobbys auszuüben und Freude an sozialen Kontakten zu finden. Auch virtuel- le Aktivitäten können dabei manchmal hilfreich sein“, erklärt Sos.


Vielfach unterschätzt

Nach wie vor ist es nicht selbstverständlich,

dass die Krankenkassen einen Teil der Thera- piekosten übernehmen, wenn, dann muss in jedem Fall eine eindeutige Diagnose sowie eine Überweisung einer Ärztin, eines Arztes erfolgen.

„Leider werden die Kompetenzen der Ergo- therapie in Österreich noch viel zu wenig ge- nutzt. Sie könnten an Kindergärten und Schu- len unterstützen und vor allem als Expertinnen und Experten hinzugezogen werden, etwa bei der Gestaltung von Barrierefreiheit, betriebli- cher Gesundheitsförderung, Integrationspro- jekten von Flüchtlingen, in Bezug auf Arbeits- lose und in der Angehörigenarbeit von Pfle- genden“, wünscht sich Sos.


Lisa Strebinger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021