MOBBING

Wege aus der Mobbing-Hölle

Foto:  adobe stock/ vectorfusionart, Hilfswerk NÖ

Mobbing betrifft uns alle. Jeder kann Opfer, jeder kann Täter werden. Wichtig ist, darüber nicht zu schweigen. Das gilt besonders bei Mobbing in der Schule.

Mit Gruppen ist es so eine Sache: Die meisten von uns lieben und brauchen sie, andererseits aber wurden Menschen in Gruppen auch immer schon ausgegrenzt, an den Rand gedrängt oder gar fertig gemacht. Seit 1969 gibt es für das Phänomen, dass Gruppen von der Norm abweichende Personen attackieren, den Begriff „Mobbing“. Der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann verwen- dete das Wort als Erster und meinte damit „das wiederholte und re- gelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verlet-

zen eines Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe“.  Mobbing kann überall dort stattfinden, wo Menschen zusammenkommen. Besonders häufig passiert es in Schulen. Die Pädagogin und Sozialarbeite- rin Doris Fleischer-Wiesgrill vom Hilfswerk NÖ, die in mehreren Landesberufsschulen im Waldviertel Mob- bingopfer und -täter betreut, weiß: „Mobbing kann auf vielen verschiedenen Ebenen passieren: Worte, Ta- ten und Blicke können verletzen, aber auch, wenn etwa

persönliche Dinge eines Schülers versteckt oder weggeworfen werden, oder wenn einer Schülerin wichtige Informationen vorenthalten werden, kann das den oder die Einzelne demütigen.“


Einmal im Netz, immer im Netz

Besondere Brisanz bekommt das Thema Mobbing durch ein Phänomen unserer Zeit: Die nahezu ununter- brochene Präsenz vor allem junger Menschen in den sozialen Medien führt dazu, dass viele Menschen in- nerhalb kürzester Zeit Zeugen einer solchen Demütigung werden können. Handyvideos von körperlichen Attacken oder sexuellen Übergriffen oder freizügige Videos, die im verliebten Überschwang ausgesendet wurden, können zur gefährlichen Waffe werden, die sich nicht selten gegen den Sender selbst richten. Und: Einmal im Netz, ist der Schaden kaum wieder gutzumachen.


Gesellschaftliche Ursachen

Dass Mobbing in letzter Zeit immer häufiger vorkommt, hat laut Doris Fleischer-Wiesgrill mehrere Ursachen: Da seien einerseits gesellschaftliche Individualisierungs-Tendenzen: „Auch unter Erwachsenen sind Worte wie Solidarität oder Nächstenliebe nicht wirklich populär, und achtsam ist man nur in Bezug auf die eigene Person. Viele sehen sich als Einzelkämpfer und versuchen, sich auf Kosten anderer zu profilieren.“ Außer- dem leben wir in einer angstbesetzten Zeit. „Die Informationsflut, die auf uns niederprasselt, persönlich empfundene Unsicherheit, Angst vor Veränderung und Furcht vor dem Fremden lassen den Einzelnen manchmal zu unlauteren Mitteln greifen, auch weil man sich überfordert fühlt in einer Welt, in der man sich hauptsächlich über den persönlichen Erfolg, die berufliche Position und den Besitz definiert.“


Jeder kann Opfer werden

So entsteht ein dichter Nährboden für Tendenzen wie Mobbing, und tatsächlich kann jeder und jede Opfer werden – nicht nur die sogenannten „Schwachen“. Mobbing betrifft schon die Kleinsten in der Volksschule und zudem mitunter die „Starken“, berichtet Doris Fleischer-Wiesgrill: „Eine Schülerin etwa, die besonders begabt, hübsch und begehrt ist, kann genauso gefährdet sein wie jemand, der sich nicht an Konventionen hält oder in der Erscheinung nicht der Norm entspricht.“ Die Mobbing-Expertin betont außerdem, dass auch jeder Täter werden kann. „Wenn man sich der eigenen Position nicht sicher ist und bedroht fühlt, ist die Versuchung groß, Anerkennung und Aufmerksamkeit auf Kosten anderer zu suchen.“ Oft beginnt das unbedacht. Mobbing kann auch durch eine unachtsame Bemerkung eines Lehrers oder einer Lehrerin aus- gelöst werden, wie zum Beispiel: „Du schon wieder!“


Nicht aus Scham schweigen

46 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler haben schon einmal Mobbing erlebt, ergab eine Befragung der Notrufeinrichtung „Rat auf Draht“ und des SOS Kinderdorfs. Die meisten trauen sich aber nicht, um Hilfe zu bitten. Was kann man tun, wenn man gemobbt wird? Alles hinnehmen, verstummen und warten, dass es vorübergeht ist jedenfalls die schlechteste Devise. Doris Fleischer-Wiesgrill empfiehlt Be- troffenen, sich Verbündete zu suchen. „Bittet Freunde, Lehrer und Eltern um Hilfe und wendet euch an uns, aber schweigt bitte nicht aus Scham!“ Der Hilferuf bringe oft positive Auswirkungen, denn wenn sich eine Person an die Seite des Mobbingopfers stellt, folgen meist rasch noch andere. Und es wird damit auch ein Signal an den Täter gegeben: Jenes, dass das Opfer nicht allein gelassen wird.

Die Expertin rät auch dazu, präventiv gegen Mobbing tätig zu werden: „Alles, was den Selbstwert stärkt, tut hier gut. Auch eine aufrechte Körperhaltung oder das Aufzeigen der eigenen Grenzen mit Bestimmtheit können helfen.“

Auch Lehrpersonen können etwas tun, wenn ein Schüler gemobbt wird. „Sie können intervenieren und Stel- lung beziehen, den Kindern und Jugendlichen den Wert von Vielfalt aufzeigen, ihre Neugier wecken und sie bestärken. Ganz konkret können Lehrer zum Beispiel auch Gleichaltrige und Freunde des Mobbingopfers aktivieren und sie stärken. Sie können klare Regeln festlegen und einen Klassenvertrag aufsetzen und un- terzeichnen lassen. Nicht zuletzt können sie Eltern oder andere Angehörige hinzuziehen.“


Was Schulsozialarbeit tun kann

Unterstützung bietet auch die Schulsozialarbeit, die etwa Doris Fleischer-Wiesgrill betreibt. „Wir fördern die Kommunikation zwischen den Betroffenen und beraten Einzelne und Gruppen wie auch Eltern. Außerdem unterstützen wir die Vernetzung im System Schule und nach außen hin, um Hilfe zu organisieren. Mit alldem wollen wir Verständnis und Versöhnung ermöglichen.“

Ein wichtiger Teil der Schulsozialarbeit ist auch die Prävention, etwa durch Workshops und Gespräche in den Klassen. „Dabei betonen wir immer, dass Mobbing nie nur ein Problem zwischen Opfer und Täter ist. Denn Mobbing funktioniert nicht, wenn der Rest der Klasse richtig reagiert.“ Falsch sei, dass sich Opfer und Täter die Sache allein ausmachen müssten und Außenstehende sich nicht einmischen sollten. „Manche schauen auch weg, da sie nicht in den Konflikt hineingezogen werden wollen oder  weil sie selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aber: Wer Gewalt übersieht, verstärkt sie und stärkt den Täter. Bei Mobbing ist also Zivilcourage besonders wichtig.“ Denn sobald andere ins Spiel kommen, ist der erste Schritt aus der Mobbing-Hölle schon getan.


Gabriele Vasak



Was ist Schulsozialarbeit?


Das NÖ Hilfswerk bietet Schulsozialarbeit bereits seit zehn Jahren an. In erster Linie ist diese „=MYWAY“- Schulsozialarbeit für Kinder und Jugendliche da, direkt in der Schule. In den wöchentlichen Anwesenheits- zeiten können sich die Schülerinnen und Schüler direkt an die Schulsozialarbeiterinnen wenden. Diese ar- beiten mit all jenen Personen zusammen, die für eine ganzheitliche Beratung und Begleitung der Kinder und Jugendlichen wichtig sind, also Lehrkräfte, Eltern oder Personen aus dem schulischen Umfeld.


Informationen:

„=MYWAY“-Schulsozialarbeit,

Tel. 0676/8787 42 104, www.hilfswerk.at/niederoesterreich

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2019