im gespräch

Foto: ulrike rauch

„Lachen befreit!“

Mit seinem erfolgreichen Autoren-Debüt „Der hippokratische Neid“ möchte Kabarettist und Musiker Paul Pizzera eine Lanze für seelische Gesundheit und Psychotherapie brechen – mit reichlich Humor und Wortakrobatik.

Stimmt es, dass „Der hippokratische Neid“ auf dem Smartphone entstanden ist?

Mein rechtes Daumengelenk weiß immer noch, dass ich ein Buch geschrieben hab! (lacht) Ich besitze weder Fernseher noch Laptop und mache deshalb wirklich alles mit dem Handy. Es war praktisch, weil ich so überall an meinem Buch schreiben konnte, zum Beispiel irgendwo draußen gemütlich auf einer Parkbank.


Es ist ungewöhnlich, dass ein 32-jähriger Mann ein Buch über seelische Gesundheit schreibt ...

Ich habe mich für das Thema aus persönlichen Gründen entschieden. Vor fünf Jahren war ich zwar noch alleine auf der Bühne, hatte aber bereits großen Erfolg. Objektiv gesehen hatte ich mit 27 Jahren alles, was man zum Glücklichsein braucht. Ich war es aber nicht. Ich habe mich nicht gut gefühlt und wollte nicht mehr auf die Bühne gehen. Also habe ich mich überwunden und mich an einen Psychotherapeuten gewandt. Im Rahmen von vier Sitzungen hat er mir die richtigen Fragen gestellt, auf die ich mir selbst die richtigen Antworten geben konnte. Es imponiert mir bis heute, dass man die richtigen Antworten auf quälende Fragen eigentlich eh schon in sich trägt – man braucht nur jemanden, der einem den richtigen Denkanstoß gibt. Dabei hat sich heraus- kristallisiert, dass ich damals in einer falschen Beziehung war. Ich selbst hab’s nicht gesehen. Man verbiegt sich so lang, bis es nicht mehr geht.


Und aus den Therapiestunden ist jetzt ein Buch entstanden ...

Mir hat damals das Klient-Therapeut-Setting sehr gut gefallen. Während des Lockdowns habe ich dieses Setting zu einem Buch verarbeitet. Mir geht es in ers- ter Linie darum, Menschen zu unterhalten und sie zum Lachen zu bringen. Aber ich möchte auch die Bedeu- tung von psychischer Gesundheit unterstreichen und vor allem die Angst vor therapeutischen Gesprächen nehmen.


Gab es neben der unglücklichen Beziehung auch noch andere Gründe für die Depression?

Ich habe nicht gut genug auf mich selbst gehört. Seit dieser Zeit bin ich viel sensibler, was Einschränkungen bezüglich meiner Arbeit betrifft. Meine Arbeit ist ein Teil von mir – und dafür entschuldige ich mich nicht mehr.


Du möchtest vor allem die männliche Bevölkerung für das Thema Psychotherapie sensibilisieren ...

Ich glaube, dass Männer sich tendenziell nach wie vor schwerer tun als Frauen, eine Therapie in Anspruch zu nehmen. Zuzuge- ben, wenn das Herz oder die Seele schmerzt, ist das für viele mit Schwäche verbunden. Das ist aber absoluter Blödsinn! Im Ge- genteil: Es bedarf wahrer Größe und Mut, zu sagen: „Es geht mir nicht gut, ich brauche Hilfe!“ Unterdrücken und ignorieren ver- stärkt die Probleme nur.


Wieso ist es in Österreich mitunter immer noch tabu, einen Psychologen aufzusuchen?

Ich weiß es nicht. Es muss irgendwas geben, das uns glauben lässt, es würde uns dabei ein Zacken aus der Krone fallen. Viel- leicht hat es etwas mit unserem angestrebten Perfektionismus zu tun. Es ist auf jeden Fall sehr schade, dass es so ist.


Ist Humor für dich eine weitere Strategie, mit Problemen umzugehen?

Ich brauche meinen schwarzen Galgenhumor. Wenn man zurzeit in der Früh die Nachrichten liest, würde man am liebsten gleich wieder weiterschlafen. Wenn man über zweifellos schreckliche Dinge auch mal Witze macht, kann man besser damit umgehen und es stärkt die eigene Resilienz. Mit Humor geht man einfach lockerer und beschwingter durch den Alltag. Auch Selbsthumor ist wichtig: Mal darüber zu lachen, was für ein Depp man eigentlich ist, wirkt befreiend.


Stefan Stratmann

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020