Schädel-Hirn-Trauma.

FotoS: Heinz Bidner, optimamed Kittsee, istockphoto/ DrAfter123

Traumatisiert

Autounfälle und Stürze haben oft schwere Folgen, die unterschätzt werden. Rund 600.000 Men- schen leben in Österreich mit einem Schädel-Hirn-Trauma.

Es geht meist von einer Sekunde auf die andere: ein Aufprall bei einem Autounfall, ein Sturz von der Leiter oder ein Schlag bei ei- ner Gewalttat. Gewalteinwirkungen auf den Kopf bleiben nicht ohne Folgen und reichen von zeitlich begrenzten Kopfschmerzen über Lähmungen bis zum Tod. Expertinnen und Experten sprechen dabei von einem Schädel-Hirn-Trauma, einer äußerlich un- sichtbaren oder offenen Schädelverletzung. Diese kann zu Schädelfrakturen, einer Hirnschwellung oder auch zu Blutungen führen.


Folgeschäden

Pro Jahr erleiden etwa 64.000 Menschen in Österreich ein Schädel-Hirn-Trauma (kurz: SHT). Mehr als die Hälfte davon geht auf das Konto von Autoun- fällen, gefolgt von Stürzen, Ge- walttaten, Sport- und Freizeitun- fällen. Das zeigt die Statistik der Österreichischen Gesellschaft für Schädel-Hirn-Trauma (ÖGSHT). Insgesamt leben demnach hierzulande rund 600.000 Personen mit SHT. Da- bei werden drei Schweregrade unterschieden: Bei der leichten Form treten nur ein kurzer Be- wusstseinsverlust, Übelkeit, Er- brechen oder Müdigkeit auf. Es gibt in der Regel keine bleiben- den Schäden. Die Gefahr neu-

rologischer Spätfolgen birgt hingegen ein mittleres SHT, denn dabei wird die Hirnsubstanz verletzt. Bei einem schweren SHT sind die Auswirkungen am gravierendsten. Pro Jahr sind rund 2.000 Menschen davon betroffen. Hiervon sterben knapp 900 Personen – davon beinahe 400 gleich am Unfallort und über 500 im Krankenhaus. Ein schweres SHT ist damit die häufigste Todesursache für Menschen bis zum 40. Lebensjahr. Die Überlebenden leiden an weiteren sekundären Erkrankungen, ausgelöst durch das SHT. Die Bandbreite reicht von diversen Lähmungen über Sprachstörungen und Persönlichkeitsver- änderungen bis zu Epilepsie und Wachkoma.


Erstversorgung & Rehabilitation

Drei Viertel der Überlebenden würden aber ein relativ „gutes“ Ergebnis schaffen, sagt Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff, ÖGSHT-Präsident und Ärztlicher Direktor des Neurologischen Rehabilitationszentrums Kittsee. Und das vor allem dank einer – im internationalen Vergleich – sehr guten Erstversorgung und Rehabilita- tionskette in Österreich. „Der optimale Verlauf ergibt sich aus einem bestmöglichen neurologischen Casemanagement und individuellem Reagieren auf die beeinflussenden Faktoren“, meint der Spezialist. Dazu zählt er etwa primäre und sekundäre Verletzung, Training, Familie, Neuropsychologie sowie die Belastbarkeit und Reaktionen des Körpers. Steinhoff ortet auch Trends: Durch die zunehmende Überal-

terung der Bevölkerung gebe es auch immer mehr alte Menschen mit SHT. Deutliche Zunahmen sieht er bei den Sportverletzun- gen – besonders beim immer beliebter werdenden Radfahren und Rollerfahren. Und: Männer sind davon häufiger betroffen als Frauen – vor allem bei Gewalttaten.


Heinz Bidner

•INTERVIEW

Harald Pfeifer und seine Tochter Kathi, Ylvies Schwester, im Hof einer alten Mühle in Breitenwaida, die bis zum Sommer

2021 zum Projekt „Ylvie“ umgebaut wird

Würdevolles Leben

Ylvie Pfeifer ist Namensgeberin des Projekts „Ylvie“, Österreichs

erstem Urlaubs-, Therapie- und Beratungszentrum für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma, das in Breitenwaida bei Hollabrunn entsteht (www.ylvie.at). GESUND & LEBEN sprach mit Ylvies Vater Harald Pfeifer über ihren schweren Autounfall und wie sich das Leben der gesamten Familie verändert hat.

Im Jahr 2016 hat sich das Leben Ihrer Familie von einer auf die andere Sekunde völlig verändert. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Ylvie ist eine fantastische junge Frau, die mit 18 Jahren einen folgenschweren Verkehrsunfall erlitt: schweres Schädel-Hirn-Trauma, zwei Drittel der Hirnmasse zerstört, monatelanges Bangen um ihr Leben. Uns wurde geraten, unsere Tochter in ein Heim zu geben, weil sich der vegetative Restzustand nicht mehr wesentlich verbessern würde.


Sie haben einen anderen Weg gewählt …

Ylvie ist ein organisch gesunder Mensch und hat ein langes Leben vor sich. Nur die Software, das Gehirn, ist schwer beschädigt. In Österreich haben wir eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Das Wesentliche, was fehlt, sind Zeit und Personal sowie Liebe, Empathie und Zunei- gung. Wir haben uns daher entschieden, die Pflege selbst zu übernehmen.


Wie hat sich Ihr soziales Umfeld verändert?

Der Zuspruch des Freundeskreises ist am Anfang enorm. Viele haben dann die Scheu, darüber zu sprechen oder wollen das Leiden nicht se- hen. Die Welt dreht sich schließlich weiter. Dadurch entwickelt sich Einsamkeit. Auch Ylvie hatte sehr viele Freunde. Sie haben uns in der ersten Zeit begleitet und waren eine wichtige Stütze. Nach einiger Zeit waren dann fast alle Freunde – bis auf zwei – plötzlich weg. Bei Gleichbetroffe- nen ist das genauso. Aber auch wir haben uns verändert.


Wie geht es Ylvie heute?

Ich glaube, es geht ihr gut. Inzwischen ist eine verbale Kommunikation da. Vom körperlichen Entwicklungsstand sind wir aber bei einem vier Mo- nate alten Kleinkind. Das heißt auch: kein selbstständiges Aufsetzen oder Umdrehen. Sie wird mit einer Sonde ernährt. Dennoch übertrifft die bisherige Entwicklung alle Erwartungen. Wir machen sehr viele Therapien mit ihr. Ganz wichtig ist die Liebe der Familie. Wir sind auf einem gu- ten Weg. Uns ist aber bewusst, dass Ylvie nie ein selbstständiges Leben führen wird.


Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der in die gleiche Situation gerät?

Erstens: Es ist, wie es ist. Zweitens: Nimm es an. Drittens: Frag nicht, warum. Wenn man diese drei Punkte beachtet, hat man Kraft und Energie, das durchzustehen. Wir wollen unserem Kind ein würdevolles Leben bieten. Wir sind nicht arm, weil wir dieses Schicksal haben. Man muss auch dankbar sein, dass man so eine große Aufgabe auferlegt bekommt.


Sind Sie religiös?

Jeder, der am Abgrund seiner Existenz steht, wird gläubig. Ich wurde zwar katholisch erzogen, aber tiefer Glaube und Spiritualität sind in den Monaten entstanden, in denen ich gebettelt habe, dass mein Kind am Leben bleibt. Ylvie ist dageblieben und dadurch habe ich eine Verantwortung.


Die Verantwortung, auch anderen zu helfen?

Es gibt viele Ylvies und Familien wie unsere. Gemeinsam geht es leichter – daher dieses Projekt „Ylvie“. Diese Kombination – Urlaub mit Thera- pie und Beratung für Betroffene und Angehörige – ist einzigartig. So auch diese kleine Form mit nur zwei Appartements, wodurch wir uns indivi- duell um die Familien kümmern können. Das ist natürlich nicht ökonomisch, weshalb wir auf Spenden angewiesen sind. Ich bin fasziniert und dankbar, dass wir viel Unterstützung bekommen. Ich finde toll, dass auch das Interesse da ist, hin- anstatt wegzuschauen.

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2020