SEHEN

Blind im

Straßenverkehr

fotoS: adobe stock/ Leonid

Blinde und sehbehinderte Menschen haben es schwer im Straßenverkehr. Zwar hat sich in der letzten Zeit vieles zum Besseren verändert, aber es bleiben noch genug Stolperfallen.

Rund 318.000 Menschen in Österreich sind dauerhaft sehbeeinträchtigt. Das heißt, sie können trotz Brille, Kontaktlinsen oder Sehhilfe nicht gut oder gar nicht sehen. Denn ihre Sehschärfe bzw. das Gesichtsfeld sind stark eingeschränkt, und manche von ihnen können nicht einmal einen Lichtschein wahrnehmen. Diese Menschen haben es im Straßenverkehr schwer. Der öffentliche Raum ist für viele noch immer eine gefährliche Falle.

„Hat ein blinder oder sehbehinderter Mensch eine Begleitperson, so ist das alles kein Problem, aber wenn es nicht so ist, lauern viele Gefahren“, sagt Elisabeth Bernoth, Leiterin der Selbsthilfegruppe Zentralraum des Österreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes für Wien, Niederösterreich und Burgenland.

Tatsächlich sind etwa Elektroautos eine echte Gefahr für Blinde und Sehbehinderte, denn man hört sie nicht. Und sehbehinderte Menschen verlassen sich oft auf ihr Gehör als jenen Sinn, der ihnen sonst oft weiterhilft. Auch fehlende taktile Bodeninformationen oder schlecht angebrachte Verkehrszeichen und Postkästen, die mit dem Blindenstock nicht ertastbar sind, machen ihnen das eigenständige Leben schwer.

Ein anderes Thema ist der öffentliche Verkehr. In Zügen etwa, in denen die Ausstiegsrichtung links oder rechts nicht durchgesagt wird, aber beide Türen zu öffnen sind, kommt es immer

wieder zu lebensgefährlichen Situationen, wenn blinde Menschen auf der falschen Seite

aussteigen.


Verbesserungen

Andererseits betont Elisabeth Bernoth, dass sich in den letzten Jahren vieles verbessert hat. „Sehr gut und hilfreich sind zum Beispiel die Ampelsignale für Blinde, die ihnen anzeigen, wann sie die Straße gefahrlos überqueren können. Niederösterreich ist relativ gut ausgestattet mit diesen Ampeln.“ Auch habe sich das öffentliche Bewusstsein für die Probleme von blinden und sehbeeinträchtigten Menschen verbessert. „Früher waren Sehbehinderte oft von vielem ausgeschlossen, und viele Sehende hatten eine große Hemmschwelle, Blinde anzusprechen. Heute gibt es immer mehr sehende Menschen, die helfen wollen. Ich bemerke das auch selbst oft: Wenn ich etwa im Supermarkt einkaufen gehe, kommt immer eine Verkäuferin und bietet mir Unterstützung an.“


Hilfe gefragt

Im Alltag sind blinde und sehbeeinträchtigte Menschen oft auf die Hilfe Sehender angewiesen. Dabei ergibt sich für sie manchmal ein schwieriger Spagat: Einerseits brauchen sie Unterstützung, andererseits wollen sie auch ihre Eigenständigkeit und Selbständigkeit wahren und autonom sein. Elisabeth Bernoth kennt das Problem auch von vielen Gleichbetroffenen. Sehende sind hier gefragt, sensibel zu reagieren und auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen einzugehen.

„Es genügt, wenn man angesichts eines Sehbehinderten im Straßenverkehr fragt, ob man behilflich sein kann. Etwa wenn er oder sie eine Straße überqueren oder in ein öffentliches

Verkehrsmittel einsteigen bzw. daraus aussteigen will“, sagt die Selbsthilfegruppen-Leiterin. Sie empfiehlt zum Beispiel, dem oder der Blinden anzubieten, die Hand zum Haltegriff zu führen, zu sagen, wie viele Stufen da oder dort zu überwinden sind oder genaue Wegbeschreibungen anzugeben. „Dabei sollte man so exakt wie möglich sein und links, rechts, vorne, hinten etc. eben genau bezeichnen.“


Verständnis gefordert

Und noch etwas betont Elisabeth Bernoth: Sehende, die Hilfe anbieten, sollten es verstehen, wenn ihr Hilfsangebot vom Sehbehinderten abgelehnt wird. „Viele Betroffene sind stolz auf die Eigenständig-keit, die sie sich oft schwer erarbeitet haben. Sie wollen es allein schaffen. Auch das sollte man als Sehender respektieren.“ Sie weiß auch, dass manche Scheu haben, um Hilfe zu bitten, und: „Es macht auch einen großen Unterschied, ob jemand von Geburt an blind ist oder sein Sehproblem erst später entwickelt hat. Menschen, die nie die Welt gesehen haben, kennen nichts anderes und tun sich oft leichter mit den Dingen, während später Betroffene oft sehr kämpfen müssen.“

Als Sehender sollte man auch Verständnis dafür haben, dass blinde Menschen einem nicht in die Augen schauen können. Elisabeth Bernoth weiß, dass das bei Gesprächen mitunter gar nicht so

leicht ist, denn unsere Welt ist auf Bilder und Sehen ausgerichtet – Blickkontakt ist etwas ganz Wichtiges im Miteinander. Genau das aber können blinde Menschen nicht, und Sehende sollten das bedenken.


Gegen drohende Einsamkeit

Was das Leben vieler blinder Menschen laut Elisabeth Bernoth noch kennzeichnet, ist Einsamkeit und Isolation. „Sehbehinderte können meist nicht selbst ein Auto lenken. Aber gerade am Land ist man oft auf den eigenen Pkw angewiesen, und wer das nicht kann, ist von vielem ausgeschlossen und rutscht oft schnell in die Einsamkeit.“ Dagegen will die Selbsthilfegruppe von Elisabeth Bernoth etwas tun. Das Angebot besteht darin, dass Sehbehinderte sich einmal im Monat zum Erfahrungsaustausch treffen, manchmal werden auch gemeinsame Ausflüge unternommen. „Der Erfahrungsaustausch ist für viele sehr hilfreich. Da kann man in lockerer Atmosphäre über Probleme reden und sich Tipps von Gleichbetroffenen holen, die mit mancher schwierigen Situation vielleicht schon besser umgehen können.“

Übrigens: Der Österreichische Blinden- und Sehbehindertenverband bietet auch Seminare für Sehende über den Umgang mit ihren sehbeeinträchtigten Mitmenschen an. Viel-leicht sollten wir alle uns auch einmal dafür interessieren.


Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019