tier-therapeuten

LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf (am Bild mit Prim. Assoc. Prof. Dr. Paulus Hochgatterer, Leiter der

Abteilung Kinder- und Jugendpsychia- trie und Psychotherapie, und Psycho- therapeutin Mag. Katharina Mares- Schrank): „Therapiehunde sind nicht nur Seelentröster, sondern auch Ku- scheltier und Spielgefährte zugleich. Die pelzigen Therapeuten bringen Ab- wechslung und Freude in die Kran- kenhauszimmer und sorgen so für ei- nen besonderen Moment am Kranken- bett. Ich bin allen Beteiligten

dankbar für ihr Engagement für die Patientinnen und Patienten. Gerade in

Corona-Zeiten, wo Besucherinnen

und Besucher im Krankenhaus leider seltener sein müssen, sorgen die

Fellnasen für sozialen, liebevollen Kontakt.“

Mag. Katharina Mares-Schrank und ihre Hündinnen Tanja und Lina sind

ein eingespieltes Team.

Mag. Katharina Mares-Schrank und ihre Hündinnen Tanja und Lina sind

ein eingespieltes Team.

fotoS: Philipp Monihart

Tierisch gut

Wenn der Körper oder die Seele wieder zu Kräften kommen muss, können flauschige Therapeuten helfen.

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Die Samojede-Hündin Tanja ist eine aufge- weckte Flauschkugel in Weiß. Sie ist offen und direkt – und für jeden Spaß zu haben. Die Husky-Dame Lina hingegen ist sehr vorsichtig, was Besuch angeht. Sie beäugt ihr Gegenüber zuerst mit ihrem blauen und ihrem braunen Auge. Eines aber haben die zwei Hündinnen gemeinsam: Sie begleiten Psychotherapeutin Mag. Katharina Mares- Schrank abwechselnd zu ihrem Arbeitsplatz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Tulln. Denn Tanja und Lina sind Therapiehunde.


Unbefangener Zugang

Tanja ist noch ein kleiner Welpe, als Mares-Schrank die Hündin zu sich nimmt. Von klein auf kommt sie mit ihrem Frauchen in die Arbeit. Schnell ist die Kinder- und Jugend- psychiatrie das zweite Zuhause des schneeweißen Hundes. Parallel dazu absolviert Mares-Schrank die Therapiehundeausbildung in Deutschland. Frauchen und Hündin lernen dabei viel über Pädagogik und Therapie. Tanja wird mit Reizen, Geräuschen und Rollenspielen an potenzielle Therapiesituationen gewöhnt. 2018 stößt dann die Husky- Hündin Lina zu dem Duo. Seither kommt fast jeden Tag abwechselnd eine der beiden Hündinnen mit ins Universitätsklinikum Tulln. Wenn Mares-Schrank auf Visite ist, wartet der Hund im Büro. Wenn die Psychotherapeutin wieder im Zimmer ist, liegt er oft im Türrahmen – und sorgt so für den ersten Kontakt mit der kleinen Patientin bzw. dem kleinen Patienten.  Aber auch in der Ambulanz haben viele Kinder bereits Kontakt mit Tanja oder Lina, erzählt Mares-Schrank. Manche Kinder „fahren“ sofort auf den Hund ab, andere nicht. Mares-Schrank ist nicht nur Psychotherapeutin, sondern auch Son- der- und Heilpädagogin. Sie leitet pädagogische Gruppen, arbeitet auf der Akutgruppe und hält Therapien ab. Bei alldem ist meist ein Hund dabei. Tanja und Lina erleichtern

der Psychotherapeutin dabei oft den Zugang zum Kind: „Ein Mädchen fragte einmal, ob der Hund versteht, was wir reden. Und ob der Hund auch Angst hat. Es ist leichter zu fragen, ob der Hund Angst hat, statt selbst zu sagen, dass man sich fürchtet.“ Wenn das Kind in die Therapie kommt, schnüffelt der Hund sein Gegenüber manchmal ab. Vor allem Tanja betreibt das intensiv – es sei eine Art Welpenpflege, die sie macht, dafür fühle sie sich zuständig, sagt Mares-Schrank. Für die Hunde gibt es wäh- rend der Therapie gewisse Regeln – trotzdem sollen sie sich möglichst spontan und authentisch verhalten. Es passiert aber nie etwas zufällig, ist sich die Psychotherapeutin sicher. Wenn der kleine Patient bzw. die kleine Patientin traurig ist, seufzt Tanja. Und Lina sei einmal vor einem Mädchen gelegen und habe angefangen, Geräusche zu machen. „Was spürt der Hund jetzt?“, habe ich mich gefragt. Tiere nehmen Emotionen und auch Spannung viel früher wahr. Und sie werten nicht – es ist ein unbefan- gener Zugang zum Kind, meint die Psychotherapeutin. Weint ein Kind, legt Lina ihren Kopf auf das Kind. Trost spenden und das Kind auch einmal in den Arm nehmen darf die Therapeutin nicht. Und so übernehmen die Hunde diese Aufgabe.


Hilfe beim Beziehungsaufbau

Lina und Tanja sind auf der einen Seite eine Entlastung für die Therapeutin – auf der anderen Seite sei es oft auch gar nicht so einfach, den ganzen Tag gemeinsam mit einem Tier zu arbeiten. Denn neben der Therapie muss sie auch immer ihre Hunde im Auge behalten. „Die Anwesenheit des Hundes allein ist noch keine Therapie. Viel eher ist es eine tiergestützte Psychotherapie“, betont Mares-Schrank. Je nach psychischer Erkrankung reagieren die Kinder anders auf die Hunde. Gerade bei Gewalterfah- rungen nehmen Kinder mit der Zeit die Rolle des Täters ein – daher gibt es immer wieder Momente, in denen die Therapeutin „Stopp“ sagen muss, denn der Hund ist ein Therapiemittel, das lebt.

Besonders positiv wirke sich die Anwesenheit der Hunde auf bindungsunsichere Kinder aus. Ihnen helfen die tierischen Thera- peuten beim Beziehungsaufbau. Aber auch bei Zwangsstörungen, etwa Keime betreffend, kann der Kontakt mit dem Tier helfen, die Angst zu überwinden. Die Psychotherapeutin erinnert sich an eine bewegende Situation: „Ein Kind, das nach schwerem se- xuellem Missbrauch zu mir in die Therapie gekommen ist, war wie erstarrt und hat ganz viel Abstand gehalten. Damals war Tanja noch sehr jung und hat mich nur stundenweise begleitet. Von Anfang an hat das Kind Tanja geliebt und es war wichtig, dass sie mit dabei ist.“ Auch die Hunde merken sich die kleinen Patienten und führen bei so manch einem Kind einen Freudentanz auf. Es sei einfach echter und unverfälschter mit Tieren, ergänzt Mares-Schrank. Nicht nur in schweren Momenten sind die Hunde eine Unterstützung – es wird auch mit ihnen gespielt: Vor allem Tanja wird gerne in Rollenspiele einbezogen und landet dafür auch schon mal unter einer Decke oder wird unter Stofftieren begraben.


Ab nach draußen

Nicht nur drinnen, sondern auch draußen gibt es Zeit für die Patientinnen und Patienten mit den Hunden. Mares-Schrank geht mit den Kindern und dem Hund gerne spazieren. Oder sie nutzen den Therapiegarten – das geht allerdings nur mit Tanja, denn Lina würde nur zu gerne den dort lebenden Eichhörnchen nachjagen.  Auf den Sportplatz dürfen beide Hunde – und dort wartet meist ein kleiner Parcours auf Tanja und Lina. Beim Befehl „Step“ stellen sie sich mit den Vorderpfoten auf ein Stockerl. Auch be- liebt bei Hund und Kind: ein Stöckchen werfen bzw. holen. Auch hier unterscheiden sich Lina und Tanja wieder voneinander: Lina läuft zügig ihre Runden, Tanja hingegen sitzt lieber. Dafür bellt sie gerne. Lina bellt gar nicht. Nach einer kurzen Parcours- Runde spielen die Kinder meist einfach mit den Hunden am Sportplatz. Und immer wieder gibt es ein Leckerli zur Belohnung. So schön der Alltag als Therapiehund auch ist – eine Pause brauchen auch Tanja und Lina: Deshalb wissen die Kinder, dass beispielsweise Tanja ihre Ruhe braucht, wenn sie sich unter den Schreibtisch verzieht. Dass die Hunde tun, was sie wollen, sei in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gut – ansonsten müssten sie täglich hunderte Befehle ausüben, erzählt die Psychothera- peutin schmunzelnd. Wie lange die beiden Hündinnen ihren „Job“ noch ausüben werden, kann Mares-Schrank nicht sagen. Tan- ja ist mittlerweile sechs Jahre alt – im Alter von acht Jahren wird sie wahrscheinlich weniger in die Klinik mitfahren. Etwas, das Tanja nicht gefallen wird – denn Lina und sie freuen sich immer, wenn sie Katharina Mares-Schrank morgens in die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Tulln begleiten dürfen.


Daniela Rittmannsberger

Universitätsklinikum

Tulln

Alter Ziegelweg 10, 3430 Tulln

Tel.: 02272/9004-0

www.tulln.lknoe.at

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021