Impfung

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Bereit für die Impfung

Die Covid-19-Impfung wirft viele Fragen auf. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Mitglied des Na- tionalen Impfgremiums und im Beraterstab der NÖ Landesgesundheitsagentur, hat die Antworten.

1. Wie wirkt der Impfstoff?

An RNA-Impfstoffen wird seit mehr als 25 Jahren geforscht. Der neue Impfstoff basiert auf der sogenannten Messenger-RNA (mRNA), dem Bauplan des Spike-Proteins des Coronavirus, der dann das Immunsystem zur Bildung von Abwehrstoffen anregt. Das Coronavirus enthält an sei- ner Oberfläche diese Spike-Proteine, die auch bei einer Covid-19-Infektion zur Bildung von Anti- körpern führen.

Dank dieses Bauplans, der in der mRNA enthalten ist, stellen die Zellen des menschlichen Kör- pers das Oberflächenprotein (Spike-Protein) des Virus her und regen das körpereigene Immun- system an, Antikörper zu bilden. In der Folge erkennt unser Immunsystem das Oberflächenpro- tein als fremd und produziert Abwehrstoffe. Kommt es später dann zu einem Kontakt mit dem SARS-CoV-2-Virus, ist das Immunsystem von Geimpften bereits vorbereitet und zerstört das

Virus.

Die mRNA des Impfstoffes wird in kurzer Zeit vom Körper wieder abgebaut, damit endet auch die Herstellung des Oberflächen- proteins. Auf das menschliche Erbgut, das aus DNA besteht, kann die mRNA keinen Einfluss nehmen. Sie kann nicht in das menschliche Genom eingebaut werden und unsere Erbsubstanz verändern – das ist völig ausgeschlossen.


2. Was ist im mRNA-Impfstoff enthalten?

Die im Reagenzglas hergestellte Boten-Ribonukleinsäure ist instabil. Der Impfstoff muss daher bei sehr tiefen Temperaturen ge- lagert werden. Um die mRNA dann in die menschlichen Muskelzellen hineinzubringen, ist sie umhüllt von kleinsten Fettparti-

keln, sogenannten Nano-Lipidpartikeln. Diese Fettteil- chen können die Zellgrenzen der Muskelzellen über- winden und Messenger-RNA in die Zellen bringen, in das Zellplasma. Neben diesen Fettpartikeln, die unter anderem auch Polyethylenglykol enthalten, sind nur noch Kochsalz und Kaliumchlorid enthalten, allerdings keine anderen Hilfsstoffe, kein Quecksilber, kein Alumi- niumhydroxid, keine Konservierungsstoffe oder Reste von Antibiotika.


3. Wenn man geimpft ist: Ist dann der PCR- oder Antigen-Test positiv?

Durch die Impfung werden die AG- oder PCR-Testun- gen nicht beeinflusst. Wenn man nach einer Covid-19- Impfung positiv wird, dann ist das nicht durch die Imp- fung verursacht. Vielmehr hat man sich nach der Imp- fung infiziert. Dies ist durchaus möglich, weil die mRNA-Impfungen erst nach sieben bzw. nach 14 Ta-

gen einen wirksamen Impfschutz geben und Infektionen nicht sicher verhindern, sondern vor der Covid-19-Erkrankung schützen.


4. Können allergische Reaktionen auftreten?

Allergische Reaktionen können – wie bei allen Impfstoffen – auftreten. Sie kommen sehr selten vor, aus den bisherigen Erfah- rungen bei der millionenfachen Verabreichung dieser Impfungen etwa mit einer Häufigkeit von circa eins zu 100.000. Wenn es zu solchen anaphylaktischen Reaktionen kommt, so treten diese

in der überwiegenden Mehrzahl innerhalb der ersten 15 bis 30 Minuten nach der Impfung auf. Nach den bisherigen Erfahrungen sind Perso- nen betroffen, die schon vorher derartige Reak- tionen hatten. Ursache sind möglicherweise Bestandteile der Nano-Lipidpartikel, möglicher- weise das Polyethylenglykol – eine

Substanz, die auch oft in Kosmetika enthalten ist. Menschen mit Pollen-, Hausstauballergie

oder mit allergischem Asthma ohne anaphylak- tische Reaktion können sich beruhigt impfen lassen. Bei ihnen ist das Risiko für anaphylakti- sche Reaktionen nicht erhöht.


5. Greift der Impfstoff die DNA an? Wie funktioniert eine solche neuar- tige Immunisierung?

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die mRNA aus der Zelle innerhalb der Zellhülle in den Zellkern gelangen kann – die mRNA, die

mit der Impfung in die Zellen gebracht wird, ist dort nur eine von über 100.000, die sich ständig in der Zelle befindet und die sehr schnell abgebaut wird. Diese Boten-RNA können und wollen ja gar nicht in den Zellkern, denn ihre Aufgabe besteht darin, dass sie im Zytoplasma verarbeitet werden und dort zur Wirkung kommen. Ihre Aufgabe ist es nicht, in den Zellkern zu kom- men, wo unsere genetische Information gespeichert ist. Das ist aus bioche- mischen Gründen nicht sinnvoll und auch nicht möglich.


6. Kann man trotz Impfung das Virus übertragen?

Grundsätzlich schützt die Impfung Menschen vor der Infektion mit dem Coro- navirus. Man bezeichnet das als „funktionelle Immunität“, Geimpfte erkran- ken nicht bzw. sehr viel seltener, eben mit einer Schutzrate von 95 Prozent. Die Zulassungsstudien der mRNA-Impfstoffe haben nicht untersucht, ob auch die Übertragung des Virus durch Geimpfte abgeschwächt oder verhin- dert wird. Aus den ersten Erfahrungen an vielen geimpften Personen gibt es Hinweise, dass auch die Übertragung des Virus vermindert wird. In welchem

Ausmaß, das werden erst weitere Studien zeigen. Solange das offen ist, müs- sen wir annehmen, dass die Infektionsausbreitung auch nach der Impfung durch Geimpfte möglich ist und damit auch das Tragen von Schutzmasken weiter notwendig ist, auch wenn man geimpft ist.


7. Kann man nach der Covid-19-Impfung trotzdem erkranken?

Die derzeit zugelassenen Impfstoffe sind bei allen Altersgruppen hoch wirk- sam. Sie bieten einen Schutz von circa 95 Prozent. Es bleibt also ein geringes Restrisiko, zu erkranken. Allerdings verläuft dann die Erkrankung wesentlich leichter.


8. Wie lange hält der Impfschutz?

Das wissen wir derzeit nicht. Sicher ist, dass er mindestens sechs Mo- nate anhält. Ob und wann eine weitere Impfung notwendig wird, um ei- nen sicheren Impfschutz zu haben, das ist Gegenstand laufender Stu- dien. Es ist durchaus möglich, dass es notwendig werden wird, eine oder mehrere Auffrischungsimpfungen anzuschließen. Dies wäre nicht ungewöhnlich, da auch nach der Covid-19-Erkrankung die Antikörper nach der Infektion langsam absinken und bei einigen Personen es auch schon zu einer Reinfektion gekommen ist.


9. Wirkt die Impfung gegen die britische und afrikani- sche Virus-Mutation?

Von Comirnaty®, dem Biontech-Pfizer-Impfstoff, ist bekannt, dass die Impfung eine Immunreaktion gegenüber 16 Virus-Mutationen hat, dar- unter auch die mutmaßlich um bis zu 70 Prozent ansteckendere Virusli- nie B.1.1.7. Für die südafrikanische Virus-Mutante laufen ähnliche Stu- dien, zu denen derzeit nur vorläufige Ergebnisse bekannt sind.


10. Sollte man Kinder impfen lassen?

Kinder und Jugendliche erkranken an der Covid-19-Erkrankung selte- ner und wenn, dann leichter als Erwachsene. Sie sind wohl auch Über- träger der Infektion, aber nicht häufiger als Erwachsene. Daher sind derzeit Kinder und Jugendliche nicht die primäre Zielgruppe für Imp- fungen. Es sind aber Studien bei Kindern und Jugendlichen im Laufen und über kurz oder lang, in einer späteren Phase, werden auch sie – möglicherweise mit Impfstoffen, die eine Infektionsübertragung sicher verhindern – zu Impfkandidaten.


11. Sollte man sich impfen lassen, wenn man schwere Vorerkrankungen hat?

In den Zulassungsstudien wurden ganz bewusst Personen und solche mit verschiedenen Erkrankungen wie beispielsweise mit schwerem Übergewicht, Diabetes mellitus, koronaren Herzerkrankungen, chroni- schen Lungenerkrankungen, HIV oder Hepatitis nicht ausgeschlossen. Gerade diese Personen brauchen einen Impfschutz besonders drin- gend und daher waren und sind sie Zielpersonen für die Impfung. Die beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffe haben auch bei diesen Perso- nen eine ausgezeichnete Wirksamkeit gezeigt. Sie sollen daher geimpft werden, auch und gerade weil sie diese Vorerkrankungen haben, die zu ganz schweren Verläufen der Covid-19-Erkrankung führen können.


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021