PARTNERSCHAFT


Verena und Hans-Peter Lang, aus Wieselburg, verheiratet seit 55 Jahren: „Wenn man verliebt ist, ist alles leicht – so war es in der ersten Zeit unserer Ehe. Dann kamen auch Krisen. Uns hat unser Glaube geholfen und der Hinweis eines Freundes: Ohne die Be- reitschaft, etwas dazuzulernen, geht es nicht. Es ist ein Irrglaube zu meinen, eine gute Ehe passiert von selbst. Wir haben viele Eheseminare gemacht und uns mit anderen Paaren ausgetauscht. Männer müssen sich oft zu solchen Sachen überwinden, das war auch bei uns so. Aber es hat sich auf alle Fälle ausgezahlt.“

Doris und Andreas Hönig, aus Obritzberg, verheiratet seit 25 Jahren: „Uns war immer wichtig, dass wir miteinander ‚in Fühlung‘ bleiben. Abends setzen wir uns oft zusammen und reden. Nicht nur über Organisatorisches, sondern darüber, wie es uns geht. Darüber hinaus tragen wir uns am Anfang des Jahres Zeiten in den Kalender ein, in denen wir ungestört sind und einen Sonntag oder ein Wochenende miteinander verbringen. Besonders herausfordernd war es, als die Kinder klein waren – wir wollten nicht nur Eltern sein, sondern auch ein Paar bleiben. Jetzt, wo unsere Töchter flügge geworden sind, merken wir, wie eine neue, schöne Pha- se beginnt: Wieder mehr wir zwei.“

Andrea und Markus Nadlinger, aus Euratsfeld, verheiratet seit 2019: „Unsere Kinder sind noch sehr klein, es steht also momentan das Familienleben an erster Stelle. Zeit als Paar bleibt uns da wenig, eher abends, wenn mein Mann von der Arbeit kommt. Unser großes gemeinsames Hobby ist unser Garten, in dem wir Gemüse und Kräuter anbauen. Wenn es Streit oder Meinungsverschie- denheiten gibt, reden wir darüber und kommen durch Gespräche wieder zusammen. Dass so viele Ehen geschieden werden, be- schäftigt uns gar nicht. Wir haben vor, bis ins hohe Alter zusammenzubleiben.“

FotoS: istockphoto/ Nikada, ZVG, FotoS: Stefan Liewehr, Sabine Wieser, privat, FotoS: Stefan Liewehr, Sabine Wieser, privat

JA zur Liebe

Verheiratet oder nicht – Paare können aktiv dazu beitragen, dass ihre Beziehung lebendig bleibt. Jeden Tag zusammen eine Tasse Tee zu trinken ist dafür ein guter Anfang.

In Österreich werden über vierzig von hundert Ehen geschieden.

Liebesgeschichten, die mit Hochzeitstorte, weißem Traumkleid und einem Ja für immer beginnen, enden – nach durchschnittlich zehn Ehejahren – mit Streit, Tränen oder der frustrierten Feststellung, man habe sich eben auseinandergelebt. Wahrlich keine besonders positive Prognose. Gerade in Zeiten der Corona-Krise stellen viele Paare während der häuslichen Isolation fest, dass sie doch recht viel Konfliktpotenzial haben. Angesichts dessen also besser nicht heiraten? Oder damit rechnen, dass die eigene Ehe mit recht hoher Wahrscheinlichkeit nicht hält? Nein, sagt das erfahrene Therapeutenehepaar Sabine und Roland Bösel (www.boesels.at). Selbst seit 35 Jahren verheiratet begleitet das Ehepaar fast genauso lang andere Paare bei Problemen. Sabine und Roland Bösel wissen, dass eine glückliche Partnerschaft nicht bloß ein Glücks- treffer ist, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Bemühungen. Ganz am Anfang, so Roland Bösel, steht eine Erkenntnis – wenig romantisch, dafür umso wichtiger: „Wir Menschen suchen uns einen Partner aus, der in der Verliebtheit der maximal richtige ist und im Alltag der maximal falsche.“ So ist es auch bei uns, werden sich jetzt viele denken: Die Schmetterlinge im Bauch sind längst davongeflogen, statt inniger Umarmungen gibt es Streit über herumliegende Socken. Man lebt nebeneinander her, ist genervt von den Eigenheiten des anderen und fragt sich vielleicht irgendwann, ob man nicht den Falschen geheiratet hat. Wo ist der Zauber des Anfangs hin? Was ist mit der Liebe passiert?


Liebe ist kein Zustand, sondern eine Aktivität

„Im Alltag verlieren wir oft die Nähe“, sagt Roland Bösel. „Das ist völlig normal. Wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass die bedingungslose Liebe des Anfangs ein Fake ist. Der Verlust von emotionaler Verbundenheit macht uns Angst, und wir reagieren in der Beziehung mit Angriff oder Rückzug, was wiederum Ängste beim Partner auslöst.“ Das Wissen darüber, dass Alltagstrott, Entfremdungsprozesse und Konflikte in jeder Beziehung auftreten können, sei notwendig, um als Paar langfristig glücklich zusammenzuleben. Dann – und hier kommt die zweite wichtige Botschaft für Paare – könne man aktiv etwas zum Gelingen der Partner-

schaft beitragen. Roland Bösel unterstreicht das mit einem Satz: „Liebe ist keine Beurteilung eines Zustandes, sondern eine Form von Aktivität.“ Aktivi- tät, die vor allem darauf abzielt, mit dem Partner oder der Partnerin wieder emotional verbunden zu sein. Wie wichtig das ist, zeigt eine Studie der Uni- versität Kopenhagen. Laut dieser liegen die Gründe für Scheidungen im Gegensatz zu früher seltener bei „objektiven“ Problemen wie Untreue, fi- nanziellen Schwierigkeiten oder Gewalt in der Partnerschaft, dafür häufig bei „subjektiv“ empfundenen emotionalen Dissonanzen. Sich nicht verstan- den fühlen, kein offenes Ohr beim anderen finden, am Leben des anderen nicht mehr teilhaben, keine Zeit für Nähe, Intimität und Gespräche – daran scheitern die meisten Ehen und Beziehungen.


Schön, dass du da bist!

Ein Strauß roter Rosen oder ein Dinner bei Kerzenschein – auch wenn das der Liebe durchaus gut tun kann, meistens sind es die Kleinigkeiten im All- tag, die den Kitt in der Beziehung ausmachen. Eine gemeinsame Tasse Tee zum Beispiel. „Die große Herausforderung bei vielen ist, einander nach ei- nem getrennt verbrachten Tag emotional wieder zu finden“, sagt Sabine Bö- sel. „Man kann sich ausmachen, sich bei einer Tasse Tee eine Viertelstunde

zusammenzusetzen, und danach macht jeder wieder seine Sache.“ Sich beim Heimkommen bewusst zu be- grüßen, sei ebenfalls ein wichtiges Ritual. Da könnten sich Erwachsene durchaus etwas von Kindern abschauen. „Wenn die Mama nach der Arbeit heimkommt, holt sich ein Kind automatisch das, was es braucht. So war das auch bei uns. Ich habe meine Tochter immer hochge- hoben und an mich gedrückt, wenn sie mich begrüßt hat. Genauso kann man dem Partner vermitteln: Schön, dass du da bist!“ Ein Blick, ein nettes Wort oder eine Be- grüßung genügen und der andere fühlt sich wahrgenom- men und willkommen. Um grundsätzliche Dinge zu be- sprechen, empfehlen Sabine und Roland Bösel, sich mehr Zeit zu nehmen. Wie und wo solche Gespräche am besten stattfinden, sei von Paar zu Paar unterschiedlich. „Wir haben gemerkt, dass wir beim Gehen oder beim Wandern gut miteinander reden können“ erzählt Sabine Bösel. Ihr Tipp für Gespräche mit dem Partner: „Das, was der an- dere sagt, spiegeln, also noch einmal wiederholen. Nach- fragen, ob man das eh richtig gehört hat. Wir hören näm- lich oft nur die Hälfte von dem, was gesagt wird, und das kann zu Missverständnissen führen.“


Sagen: „Das hat mich verletzt!“

Eine gelungene Partnerschaft zu führen, bedeutet nicht, keine Konflikte miteinander zu haben. Kaum ein Mensch steht einem so nahe wie der eigene Partner, da gibt es Meinungsverschiedenheiten, Enttäuschungen, Verletzungen. Die Schweizer Psychologin und Expertin in Sachen Versöhnung Verena Kast warnt davor, sich konfliktfreie Beziehungen zu wünschen. Wo Menschen mitein- ander leben, sind Konflikte unausweichlich. Wichtig ist, so Kast, sie nicht zu verleugnen, sondern zu bearbeiten. So sehen das auch Sabine und Roland Bösel: „Wir müssen lernen zu sagen, ‚Das hat mich verletzt!‘ Auch, wenn die Sache noch so klein ist. Aber die kleinen Verletzungen, die ich nicht ausspreche, führen irgendwann zu einem großen Nein.“ Dass man auch aus schwer- wiegenden Konflikten einen Weg finden kann, zeigt das Ehepaar Bösel mit ihrer eigenen Geschichte. Außereheliche Beziehun- gen, große Unterschiede des familiären Hintergrundes und der persönlichen Prägung – die Beziehung stand an der Kippe. Es war der Schritt, eine gemeinsame Therapie und dann eine Therapieausbildung zu machen, der die Ehe der beiden rettete. Paa- ren raten sie, nicht erst zu warten, bis es fünf vor zwölf ist, um etwas für die Beziehung zu tun, auf Warnsignale zu achten und wenn die Krise kommt, diese als Chance sehen. „Wenn es nicht gut läuft, fragt man erst einmal, was man denn tun kann. Es gibt meistens viele Wege, und es hilft zu wissen: Jeder Partner hat alles, was es für eine gelungene Beziehung braucht.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020