mein jahr

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Ein Jahr wie kein anderes

2020 war ein herausforderndes Jahr. Unsere Leserinnen und Leser erzählen von ihren schönen und emotionalen Erlebnissen.

Weihnachten ist die Zeit, um zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren. Normalerweise haben wir bereits Pläne fürs nächste Jahr geschmie- det – wohin der nächste Urlaub gehen soll, wie wir nach den Fest- tagsschlemmereien wieder in Form kommen oder ob wir uns beruflich verändern möchten. Heuer geht mit dem Jahreswechsel auch Unsi- cherheit einher – denn Hand aufs Herz: Niemand weiß genau, was uns im nächsten Jahr erwartet. GESUND & LEBEN hat Leserinnen und Leser sowie Menschen, die heuer besonders gefordert waren, gefragt, was sie aus 2020 mitnehmen.

Dr. Sabine Apfler, BEd M.A., war während des Lockdowns im Frühjahr Klassenvor- stand einer vierten Klasse der Volksschule Puchberg/Schneeberg: „Ich habe immer schon digital mit Tablets unterrichtet, das waren meine Schülerinnen und Schüler gewohnt. Da der Lockdown Anfang März schon im Raum gestanden ist, habe ich ihnen eine Lernplattform ein- gerichtet und gezeigt, wie sie damit arbeiten können. Diese Plattform hat sich bewährt, die Kinder haben zuhause großteils selbständig gearbeitet. Generell war das Homeschooling aber eine große Herausforderung, auch im Kollegium – es gab viele verschiedene Zugänge, jede und jeder hat versucht, es bestmöglich zu machen und sich heranzutasten.“ Sie selbst hat drei Kinder (9, 11 und 18 Jahre), denen sie schulmäßig zur Seite stehen musste: „Meinem ältesten Sohn musste ich bei der vorwissenschaftlichen Arbeit unterstützen, der mittlere Sohn war nicht gewohnt, eigenständig zu arbeiten. Und die Jüngste hat auch viel Hilfe gebraucht.

Es war eine fordernde Zeit, aber alle drei waren extrem tüchtig.“ Das Positive, das Susanne Apfler aus dem Lockdown mitnimmt, ist: „In der Bildungslandschaft hat sich seither viel getan. Lehrerinnen und Lehrer sind nun flexibler, was digitales Lernen betrifft. Mittlerweile hat sich beim digitalen Unterrichten viel weiterentwickelt, es gibt mehr Fortbildungen und Unterstützung. Alle haben ge- meinsam versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Auch die Schulbuchverlage haben ihre Bücher digital geöffnet, damit man von zuhause zugreifen kann.“

Sandra Boswald, medizinisch-technische Fachkraft im Pflege- und Be- treuungszentrum Laa/Thaya: „Der erste Lockdown im März war für unsere Be- wohnerinnen und Bewohner besonders schwer. Einerseits hatten sie große Angst vor einer Ansteckung, andererseits fehlten ihnen die Angehörigen, die sie nicht besuchen durften. Ich habe versucht, ihnen diese harte Zeit zu erleich- tern, ein offenes Ohr für jedes Wehwehchen zu haben und vor allem: sie trotz allem immer zum Lachen zu bringen. Bei unseren gemeinsamen Aktivitäten soll- ten sie den Alltag vergessen. Die Nähe zu unseren Besucherinnen und Besu- chern und auch bei uns untereinander ist viel stärker geworden – das Gemein- schaftsgefühl ist stark gewachsen. Und ich habe unseren Bewohnerinnen und Bewohnern versprochen, dass wir es uns auch in der Weihnachtszeit beim ge- meinsamen Krapferlbacken gutgehen lassen werden!“

Katharina Stiedl, Brandmanagerin, und Ines Enöckl, Online-Marke- ting-Expertin, erfüllten sich inmitten der Pandemie ihren Traum von einer eigenen Firma: „In meinem Umfeld haben viele Menschen ihren Job verloren und hatten enorm damit zu kämpfen, aus ihrer gewohnten 40-Stunden-Arbeits- woche herausgerissen zu werden. Ich wollte nicht wie ohnmächtig zuhause sit- zen, sondern einen Beitrag leisten und dort helfen, wo meine Kompetenzen lie- gen“, sagt Stiedl. Also startet die 27-Jährige die Initiative „yesgirlyes“. Die Grundidee? „Weiblichen Unternehmerinnen, die aufgrund von Corona ihre Ser- vices nicht mehr anbieten konnten – beispielsweise Yoga-Lehrerinnen oder Fri- sörinnen –, haben wir unsere Medienexpertise gratis zur Verfügung gestellt. So konnten sie den Lockdown dafür nutzen, sich einen Onlineauftritt aufzubauen.

Oft sind es Kleinigkeiten, die eine riesengroße Wirkung zeigen.“ Auch nach Ende des ersten Lockdowns hält die Nachfrage nach dem Service weiter an. Eine Motivation für die junge Frau, sich ihren Traum von einer eigenen Marketingberatungsagentur zu erfül- len. Gemeinsam mit Online-Marketing-Expertin Ines Enöckl gründet sie in Scheibbs ihre Firma Yesgirl Communications. „Ich glau- be, dass viele Menschen Träume haben, die sie aber im Alltagstrott zur Seite schieben. Dabei kann gerade jetzt der richtige Zeit- punkt sein, einen Neubeginn zu wagen.“

Sylvia Mayrhofer, Verkäuferin aus Biberbach: „Als Verkäuferin habe ich den ersten Lockdown im März sehr intensiv erlebt. Es war wirklich viel los – Germ war beispielsweise eini- ge Wochen nicht lieferbar. Und es war sehr anstrengend, zehn Stunden am Tag Mundschutz zu tragen. Aber ich habe auch Positives aus der Zeit mitgenommen. So habe ich gelernt, die Natur zu genießen und bin viel unterwegs gewesen. Das war ruhig und angenehm und hat mir gehol- fen, gut durch dieses außergewöhnliche Jahr zu kommen.“

Mag. Brigitta Pink, Landesleiterin Seniorentanz Wien: „Auf einmal ging es Schlag auf Schlag mit den immer schärfer werdenden Maßnahmen. Vom Verbot der Veranstaltungen bis zur Ankündigung des Lockdowns: zuhause bleiben, keine Freunde treffen, die Enkelkinder nicht umarmen dürfen, nur Lebensmittelgeschäfte offen. Fassungslos saßen wir den ganzen Tag vor dem Fernseher, um von Virologen und Politikern informiert zu werden. Auch Kardinal Christoph Schönborn kam zu Wort: ‚Wir sollen aber auf das Lächeln nicht vergessen!‘ war Teil seiner Bot- schaft. Dies beeindruckte mich so sehr, dass ich beschloss, diesen Gedanken den Tanzleiterin- nen des Seniorentanz Wien zu vermitteln. So startete am 17. März der tägliche Newsletter ‚Lä- cheln‘, beginnend mit den Gedanken des Kardinals und, was mir auch ein Anliegen war, der Er- innerung daran, dass wir trotz allem gut versorgt sind und uns nicht fürchten müssen. Eigentlich waren nur einige sporadische Mails geplant, besser gesagt, nichts war geplant, es ergab sich

einfach. Was ich nicht erwartet hatte: Für viele war dieses ‚Lächeln‘ nicht nur eine Spielerei meinerseits, sondern eine echte Freu- de und Aufmunterung, auf die schon täglich gewartet wurde. Im Bewusstsein, in dieser Krise auch einen kleinen Beitrag leisten zu können, sendete ich weiterhin tägliche Aufmerksamkeiten per Mail. Am 30. April, am Tag vor der Aufhebung der Ausgangsbe- schränkungen, erschien der letzte ‚Lächeln‘-Newsletter, versehen mit einem choreographierten Blocktanz nach dem Lied: Hast du heute schon ein Lächeln verschenkt?“

David Reinisch, Polizist in Wiener Neustadt: „Als Polizist an der Basis war ich das ganze Jahr über mit vielen neuen Verordnungen konfrontiert, die von der Exekutive umgesetzt werden mussten. Wir waren gefordert, zahlrei- che Kontrollen durchzuführen, ob in der Gastronomie oder bei Menschen während der Ausgangssperren. Das war neu für uns und nicht immer ein- fach. Die schreckliche Tat am 2. November in Wien hat niemanden kalt ge- lassen. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass unsere Berufsgruppe für Aus- nahmesituationen gerüstet ist. Das ist unsere Aufgabe und dafür sind wir ausgebildet. Ich denke, das Positive an diesem Jahr war, dass die Arbeit je- ner Personen geschätzt wurde, die Tag für Tag für die Gesellschaft im Ein- satz sind, im normalen Alltag jedoch meist untergegangen sind. Ich wün- sche mir, dass diese Wertschätzung bestehen bleibt.“

Nina Platz (15), Schülerin: „Für mich, als Schülerin der Oberstufe, die ja besonders lang zu- hause bleiben musste, war der zweite ‚erste‘ Schultag in diesem Jahr etwas ganz Besonderes. Ich muss gestehen, dass ich mich, obwohl ich nie ungern in die Schule gegangen bin, noch nie so sehr nach dem frühen Aufstehen, zum Bus ‚hatschen‘ und vor allem dem Moment gesehnt habe, in dem ich die Klasse betrete und voller Begeisterung ‚Guten Morgen!‘ kreische, statt wie sonst immer ‚Morg’n!‘ zu murmeln. Wir alle sind trotz Maskenpflicht beim Busfahren, Desinfekti- onsmittel beim Eingang und Babyelefant im Klassenzimmer mit einem Grinsen, das man sogar durch die Maske gesehen haben muss, in die Klasse gekommen.

Es war wunderschön, wieder auf meinem Platz zu sitzen. Es war wunderschön, wieder meinen Sitznachbarn, von dem mich jetzt ein leerer Sessel zwischen uns trennt, nach der Seitenzahl zu fragen, weil mir die spanischen Zahlen noch immer schwerfallen. Es war wunderschön, in der

Pause zu fragen: ‚Was hamma jetzt?‘. Dieser Tag war einfach eine Erfahrung, die ich nicht mis- sen möchte, weil ich an diesem Tag gelernt habe, zu schätzen, dass wir in die Schule gehen, miteinander lachen und miteinander meckern dürfen, wenn uns ein Lehrer mit zu viel Haus- übung quält.“

Gerti Hüttner, Gesund & Leben-Leserin: „Der Corona-Lock- down traf uns alle von einem Tag auf den anderen. Er machte uns wieder bewusst, wie schnell sich unser Leben anders entwickeln kann, als wir geplant oder mit viel Disziplin schon gelebt haben. In dieser herausfordernden Zeit waren unsere Alpaka-Jungs Santos und Stefano meine stillen Begleiter, als ich mich mit niemandem tref- fen durfte und meinen Beruf als Fitnesstrainerin nicht ausüben konn- te. Von diesen Tieren kann man einiges lernen, das mich auch im nächsten Jahr begleiten wird: Sie leben im Hier und Jetzt und ma- chen sich keine Sorgen, was war und was kommt.“ Gerti Hüttner bietet mit den Alpakas auch geführte Wanderungen in der Kunst- akademie Heidenreichstein an.

Mag. Dr. Gerhard Brandhofer, BEd, Karin Tengler, BEd MA, und Natalie Schrammel, M.Ed BEd, Lehrende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, haben eine Studie gemacht zum Thema „Lernen trotz Corona“ (www.lernendigital.at). Wie ha- ben Eltern, Lehrkräfte und die Schulleitung die Phase des Distance Learnings erlebt? „Wie er- folgreich Distance Learning ist, wird von Eltern und Lehrenden unterschiedlich gesehen. Orga- nisation und Didaktik sind mindestens ebenso wichtig wie die technischen Rahmenbedingun- gen – diese waren bei manchen Kindern so mangelhaft, dass sie am Distance Learning schlecht oder nicht teilnehmen konnten. Ungefähr zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler waren für die Lehrkräfte nicht erreichbar, was aber nicht ausschließlich an der Technik lag. Viele Schülerinnen und Schüler können selbstständig lernen, andere haben das nicht gelernt. Und die den Digital Natives zugesprochenen Kompetenzen sind ein Mythos.“ Die Studienautoren finden, dass das österreichische Schulwesen überreglementiert ist. Ihre Schlussfolgerung: „Man kann Distance Learning zwar nicht mit dem herkömmlichen Unterricht vor Ort verglei- chen, aber wenn man die Ergebnisse betrachtet, schneidet es dennoch gut ab. Erfolgreiches Lernen und Lehren ist stark von kompetenten Lehrenden und didaktischen Konzepten abhän- gig. Digitalisierung und der Umgang mit Kommunikations- und Informationstechnologien wer- den immer wichtiger, um Schule und Unterricht zukunftsweisend zu gestalten.“ Detail am Ran- de: In der Phase des Distance Learnings wurden in Österreich wöchentlich circa 23 Millionen Seiten Papier zu Hause ausgedruckt oder von der Schule verteilt.

Prim. Dr. Karin Köhrer, MSc, MBA, ist Leiterin des Zentrallabors am Landesklini- kum Wiener Neustadt. Gemeinsam mit ihrem Team ist sie seit Beginn der Pandemie gefor- dert, PCR- und Antikörper-Testungen durchzuführen: „Von Anfang an generierten wir täglich bis zu 400 Ergebnisse. Die bestätigten Fälle müssen händisch in das System der Labor-EDV eingetragen und anschließend gemeldet werden – ein Prozess, der fast fünf Stunden dauert. Mein Team arbeitet über seine Grenzen hinaus, das ist fast ein bisschen übermenschlich. Vor dem Sommer waren viele von uns der Meinung, jetzt zu wissen, wie sich Labor-Diagnos- tik in der Pandemie anfühlt. Die letzten Wochen, besonders aber die laufenden, haben uns gezeigt, dass wir den Gipfel der an uns herangetragenen Herausforderungen bei weitem noch nicht erreicht haben. Besonders stolz bin ich daher auf alle Mitarbeiterinnen und Mitar- beiter. Mit nur kurzer Verschnaufpause am Anfang des Sommers ist ihr Einsatz ungebro- chen, jeden Tag geht jede und jeder Einzelne an seine Grenzen – mit dem Ziel, den dia- gnostischen Bedarf in der Region zu erfüllen.“

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2020