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FotoS: Felicitas matern, istockphoto/ ljubaphoto

Onlinesüchtig?

Handy, Tablet oder Computer: Wir sind so gut wie immer online. Doch was passiert, wenn man süchtig nach dem virtuellen Leben wird?

Ein Leben ohne Internet ist kaum vorstellbar: Wir versenden unzählige E-Mails am Tag, googeln uns durchs World Wide Web, verbringen viel Zeit in Sozialen Medien. Seit Beginn der Pandemie ist der Online-Konsum noch stärker gestiegen. Das Internet hat nicht nur Nachteile, wie sich seit März 2020 gezeigt hat: So konnte man von zuhause arbeiten und sowohl das Geschäftsmeeting als auch die Geburtstagsparty via Zoom feiern. Kinder und Jugendliche blieben trotz geschlossener Schulen in Kontakt – etwa durch WhatsApp-Grup- pen oder gemeinsames Online-Spielen. Dennoch ist Vorsicht geboten, wie Prim. Dr. Roland Mader, Leiter der Station für Alkohol-, Medikamenten- und Spielsucht am Anton-Proksch- Institut in Wien, betont: „Diejenigen, die dazu tendieren, sich in der virtuellen Welt zu verlie- ren, haben sich während Corona oft noch mehr zurückgezogen.“


Wann beginnt die Sucht?

Doch ab wann spricht man von Sucht? „Im Prinzip dann, wenn die Nutzung so intensiv ist, dass andere bzw. reale Lebensberei- che darunter leiden“, erklärt Mader. Wer also den ganzen Tag vor dem Computer verbringt, ständig auf das Handy schaut, sich immer seltener mit Freunden trifft oder die Familie vernachlässigt. Insbesondere, wenn man all das bemerkt, es aber nicht än- dern kann, sollte man sich Gedanken machen. Denn dann komme es laut Mader „zum Kontrollverlust, sodass von einem Sucht- verhalten zu sprechen ist“.

Kinder und Jugendliche sowie junge Erwachsene sind am häufigsten von Online-Sucht betroffen. Bei Burschen oder Männern

ist Online-Gaming vorherrschend. „Intensives Spielen fängt heute mit zwölf oder sogar früher an. Die Burschen prügeln sich in gewisser Wei- se nicht mehr im Hof, sondern auf dem Bild- schirm“, weiß Mader, der Computer-Spielen aber nicht generell verurteilen möchte. Kam man früher schlichtweg nicht umhin, einander zu treffen, um gemeinsam zu spielen, bietet der Online-Bereich nun eine zusätzliche Möglich- keit. Gefährlich wird es, wenn es zum sozialen Rückzug kommt. „Betroffen sind davon oft die- jenigen, die im realen Leben nicht Fuß fassen, schüchtern sind, körperlich vielleicht nicht so fit sind, zum Beispiel unsportlich oder ,pumme- lig‘“, spricht Mader aus der Praxis. Sie bauen sich online einen Avatar, der immer stärker wird und in der Folge Anerkennung bekommt. Und während sie vermehrt in der virtuellen Welt haf- ten bleiben, kann es im realen Leben zu zuneh- mender Ablehnung, Konflikten in der Familie und mitunter zu depressiven Verstimmungen kommen.

Mädchen und Frauen tummeln sich öfter auf Social-Media-Plattformen. Wobei Facebook, Insta- gram und Co. ebenfalls kompetitive Eigenschaften haben, geht es doch darum, wer hübscher ist, mehr Freunde und Likes hat. Für Mader stellt dieser soziale Vergleich ein großes Problem dar, „da die Posts der anderen immer besser erscheinen, obwohl sie meist nicht die Wirklichkeit wi- derspiegeln. Neid und Unzufriedenheit steigen in der Folge massiv an. Und je jünger die Mäd- chen, umso schlimmer die Folgen, die von psychischen Belastungen über Depressionen bis zu Angst- und Essstörungen reichen.“


Raus aus der Sucht

Oft verschwindet eine intensive Spielphase von selbst. „Man muss also nicht gleich in Panik ge- raten, wenn die Kids etwa bei einem neuen Spiel das ganze Wochenende vor dem Computer verbringen“, sagt Mader. Damit es nicht überhandnimmt und beispielsweise die Smartphone-Nut- zung unter Kontrolle gehalten wird, können sich Eltern diverser Apps bedienen. So zielen etwa Net Nanny, Qustodio, OurPact, Norton Family Premier allesamt auf einen gesunden Umgang mit Handy und Co. ab.

Hält der unverhältnismäßige Online-Konsum allerdings über Monate an, geht der soziale Kontakt immer mehr verloren und finden Eltern keinen Zugang mehr zu ihren Kindern, sollte man sich Hil- fe von außen suchen. Der erste Schritt ist eine vorübergehende Abstinenz: So werden etwa bei

stationären Therapieprogrammen zu Beginn Handy, Laptop usw. abgenommen und können in den ersten Wochen nur eine Stunde täglich benutzt werden.


Online-Regeln

Damit es aber gar nicht erst soweit kommt, kann man im Vorfeld einiges unterneh- men. Wer bei sich selbst beginnen möchte, kann im Homeoffice fixe Arbeitszeiten definieren. An den Wochenenden sollte man nicht vor dem Computer sitzen. Apro- pos: Sofern es räumlich möglich ist, braucht es einen Ort, an dem gearbeitet wird. Der Rest des Wohnraums gehört dem Familienleben.

Wer Kinder hat, sollte Regeln im Umgang mit Handy und Co. aufstellen, die im Vorfeld gemeinsam vereinbart werden. So braucht es handyfreie Zonen und Zei- ten – etwa beim Essen. Ebenso sollte man das Telefon abends nicht am Nachtkas- terl aufladen, sondern es ausschalten. Zudem gilt: Je kleiner die Kinder, umso mehr Regeln sind gefragt. „Kleine Kinder können Grenzen noch nicht richtig ein- schätzen. Da braucht es schon mal ein ‚Stopp‘“, sagt Mader, der im Übrigen da- von abrät, Handy, Spielkonsole oder Computer als Strafe wegzunehmen – es sei denn, es wurde im Vorfeld klar vereinbart. Ansonsten schürt es nämlich nur noch

mehr Konflikte und Distanz. Statt des erhobenen Zeigefingers sollten Eltern mit den Kindern in Kontakt bleiben, sich dafür interes- sieren, welche Spiele sie spielen, sich mit ihnen darüber unterhalten: Warum gefällt dir dieses Spiel so gut? „Gleichzeitig“, so der Experte, „sollte man die Kinder in die reale Welt einladen – sei es einen Familienausflug machen, miteinander in den Garten gehen oder Karten spielen.“


Christiane Mähr

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021