Haarausfall

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Wo sind all die Haare hin?

Haarausfall kann viele Ursachen haben. GESUND & LEBEN erklärt, was dagegen hilft.

Tina war längere Zeit krank und musste Medikamente einnehmen. Endlich geht es ihr wieder besser, doch plötzlich fallen ihr die Haare aus. Emma ist zwar fit und gesund, aber seit sie in den Wechseljahren ist, werden ihre Haare immer weniger. Und Noah, der früher so viele Haare hatte, dass er sie immer raspelkurz schneiden musste, weil sie ihn

gestört haben, hat mit Ende dreißig nur noch einen dünnen Haarkranz. Drei Geschichten, ein gemeinsamer Kummer – der Haarverlust.

Univ.-Prof. Dr. Adrian Tanew ist Dermatologe in Wien und auf Haarausfall und Kopfhauter- krankungen spezialisiert. Er weiß, wie sehr Menschen unter dem Verlust ihrer Haarpracht leiden. „Fallen die Haare aus, geht das meist mit starkem psychischem Stress einher.“ Bleiben ein paar Haare in der Bürste, ist das kein Grund zur Besorgnis – ein Haarausfall von bis zu 100 Haaren pro Tag ist ganz normal. Doch wenn plötzlich über einen längeren Zeitraum (mehr als vier Wochen) deutlich mehr Haare ausgehen und die Kopfhaut unge- wohnte Beschwerden wie Brennen oder Juckreiz verursacht, sollte man dem nachgehen und eine Fachärztin oder einen Facharzt für Dermatologie mit Schwerpunkt Haarkrank- heiten (Trichologie) aufsuchen.


Untersuchung der Kopfhaut

Ganz wesentlich für die Ursachenfindung ist es, die Krankengeschichte zu erheben: Wie ist der Allgemeinzustand, werden Medikamente eingenommen, gibt es Haarerkrankun- gen in der Familie und vieles mehr. „Dann folgt die klinische Untersuchung inklusive Be- gutachtung der Kopfhaut und Haare mit einem Auflichtmikroskop, das 20-fach vergrö- ßert“, erklärt der Experte. Bei dieser Untersuchung kann man wesentliche Informationen über Haardichte, Muster des Haarausfalles, Beschaffenheit der Kopfhaut und der Haar- schäfte gewinnen, weiß Tanew: „Auch die Behaarung an anderen Körperpartien und die Haut generell muss je nach Haarproblem in die Untersuchung einbezogen werden. Erst danach sollten weiterführende Maßnahmen, sofern erforderlich, eingeleitet werden.“


Die häufigsten Erkrankungen

Männer sind besonders häufig von Haarver- lust betroffen. Schon bei jungen Männern zeigen sich die ersten Zeichen oft an den Schläfen, im zunehmenden Alter leiden so- gar über 50 Prozent aller Männer mehr oder weniger daran. Während die Ursache meist genetisch ist, ist der Grund für Haarverlust bei Frauen oft hormonell bedingt oder die Folge von bestehenden Erkrankungen, ge- sundheitlicher Belastung oder Stress. Auch entzündliche Erkrankungen können zu Haar- ausfall führen, etwa zur Alopecia areata, be- kannt als kreisrunder Haarausfall. Experte Adrian Tanew rät von einer Selbstbehand- lung ab: „Wahllos Nahrungsergänzungsmittel schlucken oder aufs Geratewohl Blutuntersu- chungen durchführen, sollte man vermeiden. Wichtig ist es, eine Fachärztin oder einen Facharzt für Dermatologie zu konsultieren.“


Hoffnung & Therapie

Die gute Nachricht: Prinzipiell kann man fast jede Form des Haarausfalles therapieren. „Es gilt, je früher, desto besser. Denn bei bereits weit fortgeschrittener androgenetischer Al- opezie oder bei vernarbenden Kopfhauter- krankungen ist der entstandene Haarverlust durch eine medikamentöse Behandlung nicht mehr rückbildungsfähig“, sagt Tanew. Beim besonders häufig auftretenden geneti- schen Haarverlust gibt es äußerlich und in-

nerlich anwendbare Mittel, die den Haarausfall stoppen können und teilweise sogar wieder zu einer Zunahme der Haardichte führen. „Merkt zum Beispiel ein 20-Jähriger mit positiver Familienanamnese, dass er vermehrt Haare verliert und Geheimratsecken oder eine Lich- tung der Haare im Wirbelbereich entwickelt, kann man mit einer Behandlung den weiteren Ausfall der Haare über Jahre oder sogar Jahrzehnte aufhalten. Man sollte allerdings wis- sen, dass diese Behandlung dauerhaft durchgeführt werden muss“, betont der Dermatologe.

Beim diffusen Haarausfall gilt es, die Ursache herauszufinden und gegenzusteuern. Beim kreisrunden Haarausfall ist die Therapie meist sehr individuell. „In vielen Fällen kann es spontan nach Monaten zu einer Abheilung kommen“, weiß Tanew. Und betont, dass man vor allem bei entzündlichen, vernarbenden Kopfhauterkrankungen rasch eine Spezialistin, einen Spezialisten aufsuchen sollte, da diese Erkrankungen oft hochchronisch sind und zu permanentem Haarverlust führen.


Neue Fülle

Um trotz endgültigem Haarverlust nicht kahl zu sein, ist für Betroffene eine Haartransplan- tation eine Möglichkeit. Dabei werden Haarwurzeln von dichteren Bereichen verpflanzt, er- klärt Tanew: „Das ist eine durchaus etablierte Methode, um Haare umzuverteilen. Haar- transplantationen werden seit Jahrzehnten vorwiegend bei Männern mit androgenetischer Alopezie angewendet. Die Technik wurde im Lauf der Zeit verfeinert und führt heutzutage zu sehr guten kosmetischen Ergebnissen“.

Nicht selten wird die Transplantation mit Therapien kombiniert, die dem weiteren Voran- schreiten der androgenetischen Alopezie vorbeugen.


Heike Kossdorff

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021