TRE-METHODE

Es ist wichtig, dass Eltern in einer Beziehung mit dem Kind stehen und nicht Medien statt einer Beziehung genutzt werden.

Die TRE-Übungen kann man in großen Gruppen oder in Einzelsitzungen erlernen.

fotoS: istockphoto/ Jacob Wackerhausen, tre austria

Heilsames Zittern

Spezielle Übungen bringen den Körper zum Zittern. Die TRE-Methode verspricht Linderung bei Verspannungen, Stress und den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen.

In der Zeit des Ersten Weltkriegs (1914–1918) wurde ein seltsames Phänomen beobachtet: Bei vielen Kriegsheimkehrern wurde der ganze Körper von einem unkontrollierten Zittern erfasst. Manche hatten Schwierigkeiten zu essen, zu gehen oder zu sprechen. Andere reagierten wiederum panisch auf belasten- de Reize, die sie an das Kriegsgeschehen erinnerten. Manche Männer litten unter Halluzinationen und wur- den sogar taub oder blind. Bei der Militärführung und psychiatrischen Ärzten stießen die Betroffenen über- wiegend auf Unverständnis. Man stand den Symptomen ratlos und zumeist ablehnend gegenüber. Die Rückkehrer wurden abfällig als „Kriegshysteriker“ oder „Kriegszitterer“ bezeichnet und als Simulanten oder Drückeberger diskreditiert. Man unterstellte ihnen, sich dem weiteren Kampf an der Front entziehen zu wol- len, um lieber zu Hause Kriegsrente zu beziehen. Die Behandlungsmethoden waren überdies unzulänglich und schmerzhaft – die Soldaten mussten etwa Elektroschocks über sich ergehen lassen oder Exerzier- übungen ausführen.


Natürlicher Mechanismus

Nach heutigem Wissensstand hätte man dieses Zittern sofort richtig zugeordnet: Es ist eine körperliche Re- aktion auf seelisch aufwühlende, traumatische Erlebnisse. Neben Kriegserfahrungen können das auch Na- turkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen, Verkehrsunfälle, der Verlust eines geliebten

Menschen, Gewalterfahrungen oder sexuelle Übergriffe sein. „Im Wesentlichen ist das Zittern ein natürlicher Mechanismus des Körpers, mit dem er das hohe Niveau an Spannung und chemischen Substanzen entlädt, die den Körper im Augenblick eines traumatischen Vorfalls überladen. Durch den Prozess des Zitterns entlädt der Körper überschüssige Erregung und kehrt zu einem Zus- tand der Ruhe und Entspannung zurück“, schreibt Dr. David Berceli in seinem Buch „Körperübungen für die Traumaheilung und zur Stressreduktion im Alltag“. Schüt- telt der Körper die Spannungen nicht vollständig ab, bleibt er laut Berceli in Alarmbereitschaft und ist in einer Art Wiederholungsschleife gefangen. Der Traumathera- peut beschreibt damit genau jene Symptome, an denen die Kriegsheimkehrer litten. In vielen Krisengebieten Afrikas und dem Mittleren Osten machte er die Erfahrung, dass traumatisierte Menschen an Flashbacks, Schlaf- störungen, Gedächtnisverlust, Konzentrationsmängeln, Albträumen, unkontrollierten Wutausbrüchen oder De- pressionen leiden.


Stress & Ängste loslassen

Die Beobachtung lehrte ihn, dass bei vielen Betroffenen das Trauma von selbst heilte. Anhand der Erkenntnis, dass der Körper über Selbstheilungskräfte verfügt, en- twickelte Berceli eine Reihe von Entspannungsübungen, die als „Tension and Trauma Releasing Exercises“ (TRE) bekannt wurden. Die Übungen helfen dem Körper, Angst- störungen, Depressionen und Panikattacken zu heilen sowie Stress und Anspannungen zu lösen. Denn auch Stress hat negative Auswirkungen auf den Körper. Er be- wirkt die Ausschüttung von Stresshormonen und führt zu einer starken Anspannung der Muskulatur. „Durch ein überaktiviertes Nervensystem kommt es zu körperlichen Verspannungen. Als Folge kann es zu Rücken-, Bauch- und Kopfschmerzen kommen. Es können aber auch Gefühle von innerer Unruhe, Gereiztheit und Angst auftreten“, weiß TRE-Trainerin Natascha Zickbauer. Die

einfach zu erlernenden Körperübungen zielen darauf ab, das Zittern des Körpers absichtlich auszulösen, um die Muskeln zu ent- spannen. Dabei wird der Schüttelmechanismus von der Körpermitte aus hervorgerufen, um die Spannungen in verschiedenen Kör- perbereichen zu entladen.



Ruhe & Gelassenheit

Das Zittern des Körpers könne anfangs Unbehagen auslösen, erklärt die Ärztin und TRE-Expertin Dr. Ulrike Pschill: „In unserer Ge- sellschaft wird das Zittern oft als Zeichen von Schwäche und Feigheit angesehen. Dabei ist es genau das, was wir in unserem Kul- turkreis so dringend brauchen, um die Anspannung wieder abzuschütteln und zu einem natürlichen Gleichgewicht zurückzufin- den.“ Sie lernte David Berceli bei einer Konferenz in den USA kennen und lud ihn erstmals 2009 nach Österreich ein, um seine Me- thode vorzustellen. In Niederösterreich wird sie in der Gesundheitsschule Hildegard von Bingen in Wiener Neustadt, an Volkshoch- schulen im Raum St. Pölten und Hainburg sowie im Rahmen von Einzelsitzungen angeboten (alle Angebote siehe Infokasten Seite 31). TRE-Übungsstunden leitet auch Oswald Lämmermayer, der als Berufssoldat bei Erdbebeneinsätzen im Iran und in der Türkei an der Suche nach Überlebenden beteiligt war. Durch Extremsituationen wie diese habe er nach einer Methode gesucht, um belas- tende Erlebnisse loszulassen. Durch die TRE-Übungen fühle er sich heute befreiter: „Meine Schultern haben sich früher so ange- fühlt, als ob ich auf ihnen ein zusätzliches Gewicht tragen würde. Seit ich die Übungen mache, habe ich das nicht mehr. Außerdem bin ich viel ruhiger und ausgeglichener.“ Das bestätigt auch Ulrike Pschill: „Die regelmäßige TRE-Praxis kann zu innerer Ruhe und Gelassenheit führen. Wir sind nicht so leicht aus der Fassung zu bringen und fühlen uns mehr zu Hause in unserem Körper. Und wenn wir lernen, uns besser zu spüren, wird die Wirkung dauerhaft sein.“


Jacqueline Kacetl

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020