ENTLASSUNGSSTATION

In drei bis 21 Tagen sollen die Patienten der Entlassungsstation wieder fit für den Alltag werden.

(v.l.) Physiotherapeutin Tina Sumetsberger, Pflegeassistentin Andrea Rerinprecht, Stationsleiter Thomas Wieland, BSc MSc, DGKP Hubert Ihrybauer, DGKP Nicole Gobec

In drei bis 21 Tagen sollen die Patienten der Entlassungsstation wieder fit für den Alltag werden.

Auch die Mobilisierung mittels Motorschiene ist eine wichtige Aufgabe der IES.

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DGKP Hubert Ihrybauer und DGKP  Nicole Gobec bereiten einen Verbandswechsel vor. (Großes Bild) Auch die Mobilisierung mit- tels Motorschiene ist eine wichtige Aufgabe der IES.

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FotoS: Philipp Monihart

Zurück in den Alltag

Auf der Interdisziplinären Entlassungsstation des Universitätsklinikums St. Pölten werden Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg zurück in den Alltag begleitet.

Im zweiten Stock des Hauses A ist es angenehm ruhig. Aus der Ferne ertönt fröhliches, entspanntes Gelächter und ein leise sum- mendes Radio. Fast könnte man vergessen, dass man sich mitten im Universitätsklinikum St. Pölten befindet – denn der hektische Klinikums-Alltag macht vor der Schiebetür der Station Halt. Und das soll auch so sein: Die Interdisziplinäre Entlassungsstation bietet eine lockere Atmosphäre und einen individuellen, auf die Patientin oder den Patienten abgestimmten Tagesablauf. Hier soll es gelin- gen, nach einer schwierigen Operation wieder fit für das Leben in den eigenen vier Wänden zu werden.


Einzigartiges Konzept

Im Jahr 2012 öffnete die Interdisziplinäre Entlassungsstation (IES) erstmals ihre Pforten. In fünf Zimmern und 19 Betten werden Pati- entinnen und Patienten aufgenommen, deren Zustand zu gut für die Akutstation ist, aber zu schlecht, um entlassen zu werden. Das kann zum Beispiel nach einer Hüft-Operation oder dem Einsetzen einer Prothese der Fall sein. Thomas Wieland, BSc MSc, leitet die IES seit 2014. Zuvor war der diplomierte Pfleger zwölf Jahre lang auf der Unfallchirurgie des Klinikums tätig. Wöchentlich wird er zu zehn bis fünfzehn Patientinnen und Patienten auf Akutstationen gerufen, um abzuschätzen, ob eine Transferierung auf die IES indi- ziert und sinnvoll ist oder nicht. Diesen Vorgang erklärt er so: „Nach einer Operation kommen Patienten in eine Phase, in der sich ihr Gesundheitszustand zunehmend bessert. Dabei nimmt die ärztliche Versorgung in der Regel ab und die pflegerische Betreuung wird umso wichtiger. Früher sind Patienten so lange auf ihrer Fachabteilung geblieben, bis sie entlassen werden konnten. Durch unsere Entlassungsstation verlagern wir die Nachbetreuung und Mobilisation von der Akutstation auf den pflegerischen Sektor. Dadurch wer- den auf den Stationen wieder Betten frei.“ Das Besondere an der IES? Patientinnen und Patienten werden dort ausschließlich von Pflegekräften betreut. Mit diesem Konzept ist die Station österreichweit einzigartig. „Das setzt natürlich voraus, dass die medizinische Behandlung bereits abgeschlossen ist. Ob jemand bei uns aufgenommen wird, entscheiden wir im persönlichen Gespräch anhand definierter Kriterien, der Pflegeabhängigkeits-Skala. Das ist notwendig, damit wir wirklich nur die Menschen aufnehmen, die den Be- darf haben“, erklärt Wieland. Sein zehnköpfiges Team besteht aus diplomierten Pflegekräften, Pflegeassistenten und einem Wundma- nager. Physiotherapeutinnen und -therapeuten helfen den Patienten dabei, ihre Kräfte zurück zu erlangen.


Hohe Selbstständigkeit

Das Hauptaugenmerk der Pflege liegt auf der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Berufsgruppen und der selbstständigen Ar- beit der Pflege. Um die Expertise auf hohem Niveau zu halten, werden auch laufend Weiterbildungen absolviert. „Das Schöne an un- serer Station ist, dass wir die Profession der Pflege wirklich ausleben können. Wir arbeiten nicht defizitorientiert, sondern aktivierend und unterstützend. Dabei steht immer der Patient im Mittelpunkt. Wir haben und nehmen uns die Zeit, auf die Bedürfnisse unserer Patientinnen und Patienten einzugehen“, sagt Wieland. Damit vermitteln die Pflegenden den Patienten das Gefühl, dass sie sich wie zuhause fühlen dürfen. „Wenn jemand bis 10 Uhr schlafen möchte, ist das möglich. Ebenso kann man auf unserer Station die Privat- kleidung tragen.“ Die Herausforderung, sagt

Wieland, ist es, selbst wichtige Entscheidungen zu treffen. Denn würde man ständig eine Ärztin oder Arzt holen müssen, ginge das Konzept der IES nicht auf. Trotzdem müssen sich Patienten auf der Entlassungsstation nicht davor fürchten, plötzlich arztlos zu sein, denn die ärztliche Zuständigkeit bleibe bei den Fachabteilungen, auf denen die Patienten zuvor waren. Wichtig ist Wieland und sei- nem Team die Akzeptanz seitens der Ärztinnen und Ärzte für seine Station. Begegnungen auf Augenhöhe werden ebenso wertge- schätzt wie die Unterstützung durch Pflegedirektorin PhDr. Michaela Gansch.


Ängste nehmen

Drei bis 21 Tage verweilen die Patientinnen und Patienten auf der IES. Wann sie entlassen werden, hängt davon ab, wie schnell sie wieder fit sind. Wieland ist der Meinung, dass sich durch die Mobilisierungsphase auf der Entlassungsstation einige Anträge auf ei- nen Platz in einem Pflegeheim vermeiden lassen. „Ziel ist, dass unsere Patienten wieder in den geregelten Alltag zurückkehren kön- nen und das gelingt uns in den meisten Fällen. Wir motivieren sie, spielen Karten mit ihnen, beraten sie und erinnern sie daran, was sie eigentlich können. Mit diesem Miteinander holen wir den maximalen Erfolg heraus.“

Das Team versteht es, seinen Patienten Ängste und Unsicherheiten mit viel Feingefühl zu nehmen. Dazu gehöre es auch, die Ange- hörigen mit ins Boot zu holen. „Wir sprechen mit ihnen, um herauszufinden, wie wir ihnen Arbeit abnehmen können, welche mögli- chen Gefahrenquellen im Haushalt lauern und wie man diese minimieren kann“, erklärt Wieland. Denn viele Angehörige sind mit der Situation überfordert und fühlen sich hilflos.

Thomas Wieland ist stolz auf sein Team und froh darüber, dass seine Station die Situation von Patienten und Angehörigen erleichtern kann. Das spiegle sich auch in den guten jährlichen Patientenbefragungen wider. Was sich Wieland für die Zukunft seiner Station wünscht? Einen speziellen Fokus auf die sinnvolle Beschäftigung von Demenzkranken, damit auch diese Patienten und deren Ange- hörige noch mehr entlastet werden können.


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 12/2019