ADIPOSITAS

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Jetzt reicht’s!

Übergewicht kann schwerwiegende Folgen haben. Im Zentrum für Übergewichtschirurgie am Landesklinikum Hollabrunn ziehen Patientinnen und Patienten die Notbremse.

Jeder zehnte Mensch in Österreich ist stark übergewichtig. Noch immer sind Betroffene häufig mit Vorur- teilen konfrontiert, haben Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt und werden gesellschaftlich ausge- grenzt. Doch es sind nicht nur die psychischen Belastungen, die Übergewicht – fachsprachlich Adiposi- tas genannt – gefährlich machen, sondern vor allem die schweren körperlichen Begleiterkrankungen. So haben Übergewichtige meist einen viel zu hohen Blutdruck und oft auch Diabetes. Bei Männern mit Adi- positas steigt das Herzinfarktrisiko, bei Frauen das Krebsrisiko. Außerdem ist es bei starkem Überge- wicht auch wahrscheinlicher, einen Schlaganfall zu erleiden. Um Adipositas zu behandeln, wird zunächst ein nicht-operatives gemeinschaftliches Therapiekonzept von Medizin, Diätologie, Psychologie, Psycho- und Physiotherapie angestrebt. Aber: In vielen Fällen hilft nur noch die Notbremse, sagt Prim. Dr. Franz Hoffer, Leiter des NÖ Zentrums für Übergewichtschirurgie am Landesklinikum Hollabrunn: „Wenn eine ausreichende Gewichtsabnahme auf natürlichem Weg nicht möglich ist oder Patientinnen und Patienten einen Body-Mass-Index von über 40 haben, ziehen wir ein operatives Verfahren in Erwägung. Im NÖ Zentrum für Übergewichtschirurgie bieten wir alle gängigen Operationsverfahren an.“


Die Möglichkeiten

Seit 2009 gibt es die metabolisch-bariatrische Chirurgie – kurz „Übergewichtschirurgie“ – in Hollabrunn. „Seitdem haben wir mehr als 4.500 übergewichtige Menschen mit unterschiedlichen Methoden behan- delt“, erzählt Hoffer. Zwar seien es überwiegend Frauen, die sich operieren lassen, „doch nach und nach wagen auch immer mehr Männer den Schritt.“ Die Gründe, sich für eine Operation zu entscheiden, vari- ieren meist nach Alter, erklärt Hoffer. „Bei älteren Menschen sind es vor allem die Immobilität und Beglei- terkrankungen wie Diabetes, hoher Blutdruck oder Schlafapnoe, die eine operative Gewichtsreduktion nötig machen. Bei Jüngeren sind es vorrangig seelische Belastungen und der Wunsch nach einem neu- en Lebensgefühl.“ Die häufigsten Operationen in der Übergewichtschirurgie sind der Magenbypass und die Schlauchmagenbildung, erklärt Hoffer. Grundsätzlich unterscheide man bei den Operationen zwi- schen restriktiven und malabsorptiven Verfahren. „Bei der Restriktion wird der Magen verkleinert, sodass dem Körper später deutlich geringere Nahrungsmengen zugeführt werden können. Malabsorptive

Techniken verkürzen wiederum die Verdauungspassage, sodass die Nahrung weniger stark in kleinste Teile aufgespalten wird und weniger Nahrung aus dem Speisebrei durch den Darm aufgenommen wer- den kann“, sagt der Chirurg.


Gut vorbereitet

Meist kommen Patientinnen und Patienten auf Empfehlung oder nach Eigenrecherche in das Zentrum für Übergewichtschirurgie. Die Vorbereitungszeit auf eine OP ist intensiv, damit sämtliche Unklarheiten schon vorab aus dem Weg geräumt werden: Bei einem Erstgespräch in der Gruppe werden den Interes- sierten zunächst die unterschiedlichen Operationsmethoden und Möglichkeiten vorgestellt. Noch am sel-

ben Tag legen die Ärztinnen und Ärzte bei einem Einzelgespräch fest, welche Behandlung die jeweils optimale ist. „Darüber hinaus finden in unserem Zentrum diätologische Gespräche und psychologische Begutachtungen statt. Außerdem ist jede Patientin und je- der Patient dazu verpflichtet, an einem Krafttraining teilzunehmen. Gemeinsam mit unseren Physiotherapeutinnen und Physiothera- peuten entwickeln sie dann einen Übungsplan für zuhause, um dem Verlust von Muskelmasse vorzubeugen“, sagt Hoffer. Kurz vor dem OP-Termin gibt es noch ein Abschlussgespräch, bei dem die Ärztin oder der Arzt den Ablauf und die möglichen Risiken noch einmal mit der Patientin oder dem Patienten bespricht. Auch wenn der Patient am Tag vor der Operation im Klinikum aufgenommen wird, ist noch genug Zeit, um alle anfälligen Fragen zu besprechen. Nach der OP bleiben die Patientinnen und Patienten dann noch zwei bis drei Tage im Klinikum, um sich zu erholen und auf ihren neuen Alltag vorzubereiten.


Umfassende Nachsorge

Obwohl die Operationen, so wie alle Eingriffe, mit Risiken verbunden sind, lassen sich dadurch beeindruckende Erfolge erzielen, sagt Hoffer: „Gerade Personen, die schwere Begleiterkrankungen haben, bei denen die Therapiemaßnahmen aufgrund ihres Über- gewichts aber nicht gut greifen, profitieren von einer Operation. Umso kürzer der Zeitraum zwischen dem Auftreten einer Krankheit und dem chirurgischen Eingriff ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Beschwerden tatsächlich langfristig verbessern.“ Dennoch ist die Mitarbeit der Patientin oder des Patienten eine wichtige

Voraussetzung für den Therapieerfolg: „Die bariatrische Chirurgie ist ein ‚mechanisches Tool‘, das die Nahrungsaufnahme verändert. Doch danach muss der Patient seine Ernährung umstellen und sich auch regelmäßig bewegen, um das verlorene Gewicht zu halten.“ Zur Nachsorge gehören auch regelmäßige Kontrolltermine, die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und eventuell psychologi- sche Begleittherapien. Dafür steht den Patientinnen und Patienten ein Team aus verschiedenen Fachdisziplinen zur Seite, das sie motiviert und dabei unterstützt, an den ersten Erfolgen anzuknüpfen. „Stark übergewichtige Patienten müssen nicht auf ein Normal- gewicht kommen, auch wenn sich das die meisten von ihnen wünschen. Ein guter Erfolg der Operation ist dann erreicht, wenn die Betroffenen 25 Prozent des Übergewichts verlieren, ein sehr guter Erfolg bedeutet, dass 50 Prozent der überschüssigen Kilos abge- nommen werden. In aller Regel sehen wir aber, dass die Patientinnen und Patienten nach ein paar Jahren weitaus mehr abnehmen. Manchmal kann das Gewicht auch etwas schwanken, das ist in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass die markante Grenze zum ge- sundheitsschädigenden Übergewicht nicht mehr erreicht wird“, betont Hoffer. Wenn dies gelingt, haben Patientinnen und Patienten den bedeutenden Schritt getan, um nicht nur ihre Gesundheit und Lebensqualität zu verbessern, sondern möglicherweise auch ei- nen neuen Start im sozialen und beruflichen Umfeld zu wagen.


Michaela Neubauer

Die Ehrengäste und Vortragenden beim ersten NÖ Adipositas-Tag im Oktober 2019 im Landesklinikum Hollabrunn: (v.l.) OA Dr. Norbert Ho- rak, Mag. Alexandra König, Regionalmanager DI Jürgen Tiefenbacher, Kaufmännische Direktorin Dipl. KH-BW Margit Pröglhöf, Pflegedirektorin DGKP Silvia Hickelsberger, MSc, MBA, Ärztliche Direktorin Primaria Dr. Susanne Davies, Abgeordneter zum NÖ Landtag Richard Hogl, Diätolo- gin Monika Kaiser, OA Dr. Gerfried Naderer, OA Dr. Philipp Beckerhinn, Primarius Dr. Franz Hoffer und Dr. Evelyn Walter

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020