SCHULBEGINN

Das grüne Klassenzimmer

Klettern, sammeln, toben, bauen: Der Wald ist für Kinder ein Ort, an dem sie ihrer Fantasie und ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen und mit allen Sinnen in die Natur eintauchen können – sogar in der Schule.

Über Stock und Stein werden die Schülerinnen geführt und verlassen sich dabei ganz auf ihre Mitschülerin. Vorbei an verschie- denen Hindernissen steht bei dieser Übung vor allem der Tastsinn im Mittelpunkt.

Egal, ob beim Gummihüpfen oder Überwinden von „heißen Lianen“: Die »Bewegte Klasse« stärkt vor allem auch den Zusam- menhalt der Kinder.

Ein besonderes Highlight der »Bewegten Klasse« ist das Bauen einer Kugelbahn. Die Schülerinnen und Schüler verwenden dafür alles, was sie im Wald finden können.

Egal, ob beim Gummihüpfen oder Überwinden von „heißen Lianen“: Die »Bewegte Klasse« stärkt vor allem auch den Zusam- menhalt der Kinder.

Egal, ob beim Gummihüpfen oder Überwinden von „heißen Lianen“: Die »Bewegte Klasse« stärkt vor allem auch den Zusam- menhalt der Kinder.

Egal, ob beim Gummihüpfen oder Überwinden von „heißen Lianen“: Die »Bewegte Klasse« stärkt vor allem auch den Zusam- menhalt der Kinder.

Der Wald ist eine Ressource, die man ein Leben lang als Quelle anzapfen kann.

FotoS: Philipp Monihart

Bei jedem Schritt knackst es unter den Füßen. Rundherum hört man Geräusche. Ein Vogelzwitschern da, ein undefinierbares Brummen dort. Und der Duft. Frisch und erdig. Der Wald ist eine ganz eigene Welt. Ein Pendant zu einer schnelllebigen Zeit, die bereits die Kinder fest im Griff hat. Denn neue Medien wie Handys und Tablets sorgen für ständig neue Reize. Der Wald hingegen schafft einen Raum, in dem sie sich kreativ und physisch austoben können. Und er ist vor allem eines: ein Ort zum Entschleunigen.


Über Stock & Stein

Für die erste Klasse der Neuen Mittelschule Ybbsitz steht eine ganz besondere »Bewegte Klasse«-Einheit auf dem Programm: »Bewegte Klasse«-Betreuer Andreas Stöckl verlegt seinen Einsatzort an jenem Tag vom Turnsaal in den Wald, wo die Kinder nach einer kurzen Wanderung über Stock und Stein ankommen. Die »Bewegte Klasse« ist ein langfristiges und erfolgreiches Programm der Initiative »Tut gut!«.

Hier, im Wald, warten abenteuerliche Übungen auf sie, die Andreas Stöckl kurz erklärt. Zuerst geht es um den Tastsinn: Ein Kind trägt eine Augenmaske, ein anderes Kind führt es kreuz und quer durch den Wald. Auf ihrem Weg machen die beiden im- mer wieder Halt und das Kind, das nichts sieht, muss etwas ertasten. Im Ziel wird dem Kind dann die Augenbinde abgenom- men. Dann drehen die beiden erneut eine Runde, das Kind mit der Augenbinde muss die Gegenstände suchen und wiederer- kennen, die es zuvor ertastet hat. So finden die Teams dann wieder zurück ins Ziel. Die Schülerinnen und Schüler reagieren verschieden auf die Übung: Für viele ist es ein Spaß, blind durch den Wald zu laufen. Manche lassen sich voll darauf ein und sind hoch konzentriert. „Die Übung schult vor allem die Wahrnehmung. Die Kinder tauchen ein in eine ganz andere Welt und kommen ins Spüren“, sagt der Programmleiter der »Bewegten Klasse«, Ralph Wakolbinger.


Der Wald als Quelle

In einer Zeit, in der moderne Technik das Leben dominiert, ist es besonders wichtig, der Natur intensiv und achtsam zu begeg- nen. Im Wald herrscht ein anderes Klima, ein anderes Riechen. Und: „Die Kinder sollen den Wald als etwas Positives erleben, das sie ihr Leben lang als Quelle anzapfen können. Diese Ressource hat leider an Bedeutung verloren. Im Wald ist alles, was man braucht. Man muss es nur finden“, sagt Wakolbinger.

Um kreatives Austoben geht es bei der nächsten Übung, die Andreas Stöckl vorbereitet hat. In Gruppen aufgeteilt, bauen die Kinder über den hügeligen Boden des Waldes hinab eine Kugelbahn für einen Tennisball. Verwenden dürfen sie dafür alles, was sich auf dem facettenreichen Waldboden so finden lässt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Gruppe „WetterTrail“ baut die Kugelbahn mit Stöckchen und gräbt kleine Furchen in den Waldboden. Die Gruppe „Schokoladenfabrik“ nennt sich so, weil „alles so dunkel aussieht – wie Schokolade“. Gemeint ist damit die dunkle Erde des Waldes. Bei jeder Gruppe ist aber vor allem eines spannend: Schafft es der Tennisball ins Ziel? Gar nicht so leicht, denn immer wieder springt er aus der Kurve. Am Ende aber kommt er überall ins Ziel und die Kinder jubeln. Was hinter dieser Übung steckt, haben die Schülerinnen und Schüler selbst rasch herausgefunden: „Es war cool und wir hatten extrem gutes Teamwork. Das schafft man nur, wenn man zu- sammenhält“, sagt Paula.

Der Wald ist nicht nur eine eigene Welt – der Unterricht im Wald hat auch ganz spezielle Vorteile. Die direkte Naturerfahrung etwa sorgt dafür, dass die Kinder ganzheitlich lernen können. Mit allen Sinnen sozusagen. Auch für Erlebnisse in der Gruppe eignet sich der Wald optimal. Und er sorgt gleichzeitig dafür, dass sich Selbstwert, Wohlbefinden, der eigene Umgang mit Stress, Sachkompetenz oder Spielverhalten positiv verändern. Verbringen Kinder regelmäßig Zeit im Wald, fördert das die mo- torischen Fähigkeiten, die optische Wahrnehmung und die Bewegung. Die »Bewegte Klasse« im Wald soll für all das ein An- fang sein – und die Kinder motivieren, öfter an die frische Luft zu gehen und Zeit im Lebensraum Wald zu verbringen.


Zusammenhalt ist gefragt

Nicht nur der steile Abhang im Wald, auch die Waldlichtung mit ihrem hohen Gras nutzt die Ybbsitzer Schulklasse. Ein paar Mädels präsentieren stolz ihr Können beim Gummihüpfen: Zwei Mädchen spannen den Gummi zwischen ihren Füßen, ein wei- teres Mädchen springt geschickt hin und her. „Seite, Seite, Mitte, Breite – Seite, Seite, Mitte, raus“, sprechen sie im Chor mit. Dann machen sie sich mit dem Rest der Klasse und ihrem Betreuer auf den Weg in den Park, wo die letzte, besonders knifflige Übung auf sie wartet. Zwischen Bäumen sind Seile gespannt – die „heißen Lianen“. Alle müssen in den Platz innerhalb der Lia- nen gelangen – ohne diese zu berühren oder unten hindurch zu krabbeln. Die Bäume, an denen die Seile befestigt sind, dürfen die Kinder benutzen. „Es geht nicht um Schnelligkeit“, fügt Andreas Stöckl hinzu, ehe die Kinder starten: Sie stellen sich in Rei- hen auf und versuchen, über das Seil zu springen. Bei den größeren Schülern klappt das, bei den anderen nicht. Wenn einer das Seil berührt, müssen alle wieder raus und das Spiel beginnt von vorne. Nach und nach begreifen die Schülerinnen und Schüler, dass es darum geht, zusammenzuhalten. Sie beratschlagen sich und fangen von vorne an: Die Größeren springen, die Kleineren hebt die Truppe über das Seil oder macht eine Räuberleiter. Diese Ideen zu sammeln ist das Wichtigste der Übung: „Es geht darum, zuhören zu können, gemeinsam eine Idee zu haben und diese auszuprobieren: Wie komme ich gemeinsam zu einer Lösung? Das ist etwas Zentrales im Leben“, sagt Wakolbinger. Gleichzeitig lernen die Kinder, mit Enttäuschungen umge- hen zu können, denn: „Es darf auch einmal etwas schiefgehen.“

Die Ybbsitzer Schulklasse beendet ihre »Bewegte Klasse«-Einheit mit einer Feiermeile: In zwei Reihen stehen sich die Kinder und Andreas Stöckl gegenüber und applaudieren der Reihe nach jedem einzelnen Kind, das durch die Meile läuft, denn schließlich haben alle viele gemeinsame Erfolge erzielt. Danach wandern sie gemeinsam zurück zur Schule. Ein Vormittag im grünen Klassenzimmer ist vorbei – der Laune der Kinder nach zu urteilen, hat es jede Menge Spaß gemacht.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019