Zahngesundheit


Die halbjährliche professionelle Mundhygiene ist ein wichtiger Baustein der Zahnpflege.

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Gesund beginnt im Mund

Die Redewendung „sein Herz auf der Zunge tragen“ hat medizinisch gesehen eine

wichtige Bedeutung. Bakterien im Mundraum, entzündetes Zahnfleisch und kranke Zähne können auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen hindeuten.

An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch“, lautet die Praxis-Philosophie von Dr. Gerhard Kindermann, Zahnarzt in Wiener Neustadt. „Zahlreiche Studien beweisen, dass kranke Zähne und vor allem entzündetes Zahnfleisch einen immensen Einfluss auf die Gesund- heit haben, insbesondere in Bezug auf die Immunabwehr und das Herz-Kreislauf-System.“ Mit einem radikalen Beispiel veranschaulicht: Unreine Zähne können den Herzmuskel schädigen, die Funktion der Herzklappe beeinträchtigen und so den Grund für lebensbe- drohliche Zustände darstellen.


Zahnfleischbluten

Auf den Zähnen bildet sich täglich neuer Zahnbelag (dentaler Plaque), der pathogene Bakterien enthält. Durch die automatische Aufnahme von Mineralstoffen aus dem Speichel erhärtet dieser Belag schnell, wird zum Zahnstein, reizt so das umliegende Zahnfleisch und ist damit die Ursache der Gingivitis (Zahnfleischentzündung). Wird dieser Zahnstein nicht entfernt, entsteht eine nicht ungefährliche Parodontitis, die Entzündung des Zahnhal- teapparates. „Eines der ersten Anzeichen ist das Zahnfleischbluten. Man merkt das oft beim Zähneputzen, wenn man beim Ausspülen einen roten Schaum im Waschbecken ent- deckt“, so der Experte. Das körpereigene Immunsystem beginnt zu arbeiten und versucht mit sogenannten proteolytischen Enzymen das entzündete Gewebe aufzulösen. „Dadurch können Bakterien in die Blutbahn gelangen und zu einer Bakteriämie führen. Die parodon- talen Keime können an jede erdenkliche Stelle des Körpers, in jedes einzelne Organ transportiert werden und dort Entzündungen auslösen“, weiß Kindermann.


Zahnfleischentzündung

Im schlimmsten Fall greifen die Bakterien aus der Mundhöhle das Herz an, es kommt zu einer Endocarditis, weiter zur Herz- klappenentzündung und schlussendlich zum Verlust der Funktion derselben. Eine schwere Operation, in der die Herzklappe ausgetauscht wird, ist die einzig lebensrettende Maßnahme. Weiters können pathogene Dentalbakterien an Blutgefäßwänden Infektionsherde auslösen. An den betroffenen Gefäßwänden entstehen Läsionen, das sind winzig kleine Verletzungen, die großen Schaden anrichten. Während die Makrophagen, spezielle weiße Blutkörperchen, versuchen die Misere vor Ort zu be- kämpfen, verwandeln sie sich jedoch in Schaumzellen und lagern sich als Plaque an den Blutgefäßinnenwänden ab. Kurzum: Die Gefäßwände werden enger und enger, der Blutdruck steigt. Sind die Plaques letztlich so dicht gebildet, dass sie kein Blut mehr durchlassen, kommt es zum Arterienverschluss. Je nachdem, an welcher Körperstelle das passiert, ist ein Lungenin- farkt, Gehirnschlag oder ein Herzinfarkt das Endresultat.


Paradontitis

„Eine Entzündung des Zahnbetts, auch genannt Paradontitis, ist gefährlicher als Karies. Das wissen viele nicht, da man im- mer nur vom Bohren an Zahnlöchern spricht. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass ich eine weit fortgeschrittene Parodontitis diagnostiziere, wobei die Patientinnen und Patienten aber bis dahin keinerlei Schmerz verspürt haben und das

erste Zeichen, das Zahnfleischbluten, einfach ignorieren. Es geht sogar soweit, dass manche die Extraktion von wackeligen, in massiv entzündetem Gewebe stehenden Zähnen verweigern, weil sie den Zusammenhang mit der Gesamtgesundheit ih- res Körpers nicht glauben wollen“, macht Kindermann deutlich. Um eine Paradontitis zu behandeln, werden alle Belege und der Zahnstein gründlich entfernt, die Zahn- und Wurzeloberfläche penibel gereinigt. „Erst wenn die Ursache endgültig besei- tigt ist, kann die Entzündung abklingen. In seltenen Fällen gibt man zusätzlich Antibiotika“, erklärt

Kindermann.


Karies, was ist das?

Bakterien, die Karies verursachen, befinden sich ebenfalls in der Mundhöhle. Wird ihnen Zucker, in welcher Art auch immer, mit der Nahrung angeboten, verstoffwechseln sie diesen zu einer Säure, die den Zahnschmelz auflöst und bis ins Dentin vor- dringt. Unbehandelt frisst sich die Säure weiter bis zur Pulpa, dem Zahnnerv, der letzten Endes abstirbt, was von entspre- chenden Schmerzen begleitet wird. In weiterer Folge entsteht das Zahngranulom, eine Form eines lokalen, chronischen Entzündungsherdes.

Da Parodontitis und Karies Infektionskrankheiten sind, die durch Bakterien verursacht werden und von Mensch zu Mensch übertragbar sind, sollte man vor allem beim Vorliegen einer akuten Parodontitis entsprechende Hygienemaßnahmen setzen. Besser vorübergehend das Schmusen einstellen und beim Verwenden von Trinkgläsern und Besteck darauf achten, dass sie kein Zweiter verwendet.


Schwaches Immunsystem

Bei jeder Form der Entzündung, egal, ob durch Plaque oder Karies ausgelöst, werden Entzündungsmediatoren freigesetzt, sogenannte Interleukine, die Entzündungen an jeder Körperstelle verstärken oder mitauslösen. Außerdem schwächen chroni- sche Entzündungen, insbesondere auch die des Mundraums, das gesamte Immunsystem, da es pausenlos auf Hochtouren laufen muss, um die dentale Infektion zu bekämpfen, warnt Kindermann: „Sollte der Körper gleichzeitig von anderen Viren oder Bakterien angegriffen werden, ist sein Immunsystem nicht so stark, wie es sein sollte. Ein durch eine Parodontitis bereits erhöhter Interleukin-6-Spiegel hat daher auch einen ernstzunehmenden, negativen Einfluss auf den Verlauf von Covid-19- Erkrankungen.“


Fehlende Mundhygiene

Da die Mundhöhle nicht nur der Anfang des Verdauungsprozesses, sondern auch der Anfang der Gesundheit ist, wird vor je- der schweren Operation, vor allem, wenn sie an den Hauptorganen wie Leber, Lunge und Herz, Niere sowie an Gelenken durchgeführt wird, ein Zahnstatus verlangt. „Die Chirurgin, der Chirurg will sichergehen, dass im Mund keine Beherdung, also

keine chronische Entzündung, vorhanden ist, denn diese sorgt sowohl während einer Operation als auch in der Rekonvaleszenz für ein massiv er- höhtes Komplikationsrisiko“, sagt Kindermann. Übrigens: Schlechte Zahnpflege kann irreparable Nieren- und Leberschäden, Rheumatoidis Arthri- tis, Diabetes und bei Schwangeren Präeklampsie (im Volksmund bekannt als Schwangerschaftsver- giftung) und Frühgeburten verursachen. Damit es gar nicht so weit kommt, ist die richtige Zahnpfle- ge unerlässlich. Daher: Mindestens zwei Mal täg- lich für drei Minuten die Zähne putzen. „Am bes- ten eine elektrische Zahnbürste verwenden. Egal ob mit Rundkopf oder Ultraschallvariante, da muss man seinem eigenen Gefühl vertrauen. Au- ßerdem sollte man täglich zur Zahnseide greifen. Halbjährlich rate ich zur professionellen Mundhy- giene und zur Kontrolle bei der Zahnärztin, beim Zahnarzt“, sagt Kindermann. Gesundheit beginnt im Mund – achten Sie drauf!


Lisa Strebinger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021