Krebs

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Neues aus der Krebstherapie

Im Kampf gegen Krebs werden stetig Fortschritte gemacht. Medikamente mit neuen Wirkprinzipien, eine bessere Diagnostik und neue Operations- und Bestrahlungstechniken kommen in ganz Österreich zum Einsatz.

In Österreich erkranken jährlich etwa 42.000 Menschen an Krebs. Die Krankheit macht große Angst, obwohl die Heilungschan- cen immer besser werden. Denn die Forschung arbeitet mit Hochdruck an neuen Behandlungsmethoden.


Exaktere Diagnosen

Krebs früh zu erkennen, ist ausschlaggebend für den Heilungs- und Behandlungserfolg. Umso wichtiger sind Innovationen im Bereich der Diagnostik. In Wiener Neustadt startet deshalb ein neues Hightech-Projekt als Kooperation zwischen MedAustron, der Fach- hochschule Wiener Neustadt und der NÖ Landesgesundheitsagentur mit dem Landeskli- nikum Wiener Neustadt: Ab 2022 entsteht dort der Teilchenbeschleuniger „Zyklotron“, mit dem neben Therapiestrahlung auch Radionuklide erzeugt werden können. Diese braucht die Onkologie für Schnittbilduntersuchungen wie die nuklearmedizinische Untersuchung PET (Positronen-Emissions-Tomographie), um Tumore und Metastasen sichtbar zu ma- chen. Da Radionuklide nur eine kurze Halbwertszeit von zwei Minuten bis zu zwölf Stun- den haben und danach nicht mehr verwendet werden können, werden sie erst kurz vor dem PET-Scan beziehungsweise vor der Behandlung vom Teilchenbeschleuniger herge- stellt. Durch PET-Scans gelingt es, raschere Diagnosen zu stellen, genauere Prognosen abzugeben und auch eine bessere Behandlung anzubieten. Denn durch die diagnosti-

sche Methode erkennen Ärztinnen und Ärzte, ob und wie Krebszellen auf eine bestimmte Behandlung, beispielsweise auf die Chemotherapie, reagieren. So können genau jene Therapien eingesetzt werden, die für den jeweiligen Patienten und Tumortyp am besten geeignet sind.


Power des Immunsystems

Dass zielgerichtete und personalisierte Therapien die Zukunft der Krebstherapie sind, zeigt sich auch in der immer größeren Be- achtung des Immunsystems in onkologischen Forschungskreisen: Im Körper eines jeden Menschen entstehen täglich hunderte von Tumorzellen, doch unser Immunsystem ist in der Lage, diese zu erkennen und erfolgreich abzuwehren – erst wenn das Im- munsystem unterlaufen wird, können Tumoren entstehen. In diesem Zusammenspiel von Krebszellen und Immunsystem setzen immunonkologische Therapien an, indem sie das körpereigene Immunsystem reaktivieren und wieder in die Lage versetzen, ak- tiv gegen den Krebs vorzugehen. So werden bestimmte Krebserkrankungen mittlerweile mit Checkpoint-Inhibitoren bekämpft. Darunter versteht man künstlich hergestellte Antikörper, die nicht gegen die Krebszellen direkt wirken, sondern in die Steuerung der Immunantwort gegen Tumoren eingreifen – an den sogenannten „Immun-Checkpoints“. Um diese immunologischen Faktoren noch weiter zu erforschen, wurde an der MedUni Wien das Christian-Doppler-Labor für personalisierte Immuntherapie eröffnet. Dort will man anhand von gewebebasierten, blutbasierten und radiologischen Informationen von Patientinnen und Patienten ei- nen umfassenden 360-Grad-Biomarker bereitstellen, der vorhersagt, ob ein Tumor auf eine Immuntherapie wahrscheinlich an- sprechen würde oder nicht. Dieses Analyseschema soll dazu beitragen, neue, individuell zugeschnittene, immunmodulierende

Therapien zu entwickeln.

Auf dem Konzept der Biomarker setzt übrigens auch das Grazer Kom- petenzzentrum CBmed an: Dort wurde kürzlich eine digitale Screening- Plattform installiert, in der die aus Patientengewebe gewonnenen Tu- morzellen mit den Wirkprofilen mehrerer Medikamente abgeglichen werden, um die bestmögliche Variante für die jeweilige Krebsart zu finden.


Impfen mit Genen

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind mRNA-Impfstoffe in aller Munde. Mit den bereits zugelassenen Vakzinen von Biontech -Pfizer

und Moderna sind erstmals Präparate auf dem Markt, die RNA, das Schwestermolekül unserer Erbsubstanz DNA, nutzen. Das, sind Forscherinnen und Forscher überzeugt, wird künftig auch der Krebstherapie zugutekommen: Denn die mRNA-Impfung soll Krebszellen für das Immunsystem sichtbar machen und das Immunsystem optimal aktivieren. Dazu wird das Erbgut des Tumor- gewebes mit dem gesunden Gewebe verglichen und daraus werden jene DNA-Veränderungen ausgewählt, die charakteristisch für die Tumorzellen sind. Mithilfe der mRNA-Impfung bildet das Immunsystem Antikörper und wird in die Lage versetzt, Tumorzel- len zu erkennen und zu zerstören. Von der Biopsie bis zur Impfung würden dank der neuen Technologie nur etwa vier bis sechs Wochen vergehen. Kein Wunder also, dass die Forschung mit Hochdruck an der Weiterentwicklung dieser Vakzine arbeitet.


michaela neubauer

„Eine neue Chance für Krebspatienten“



interview

Seit Juli 2019 werden Patientinnen und Patienten bei MedAustron mit Kohlen- stoffionen behandelt – weltweit eine Seltenheit. In welchen Fällen wird diese Therapie empfohlen?

In der konventionellen Strahlentherapie wird mit Röntgenstrahlen bestrahlt, die aus kleinen Lichtteilchen, den Photonen, bestehen. Es gibt jedoch Tumoren, die nicht strahlensensibel sind – beispielweise Sarkome im Beckenbereich, Rückenmark oder HNO-Tumoren. Hier stößt die konventionelle Strahlentherapie an ihre Grenzen, denn mit ihr ist es technisch unmöglich, im Tumor eine ausreichend hohe Dosis zu verabreichen, ohne das Nachbargewebe zu schädigen. In diesen Fällen ist die Io- nenstrahlung deutlich überlegen. Auch Patientinnen und Patienten, bei denen nach einer konventionellen Strahlentherapie ein Rezidiv aufgetreten ist, bekommen durch die Behandlung mit Kohlenstoffionen eine neue Chance.


Wie wird die Therapie bislang angenommen?

Die Bestrahlung mit Kohlenstoffionen wird seit den 90er Jahren intensiv erforscht und angewendet, es handelt sich also keineswegs um eine experimentelle Thera- pieform – auch wenn sie in Österreich noch relativ jung ist. Bislang wurden bei uns 120 Patientinnen und Patienten mit der neuen Methode behandelt. Was wir bis jetzt sehen, ist eine exzellente Toleranz – die überwiegende Mehrzahl verträgt die Thera- pie ausgezeichnet, die Nebenwirkungen halten sich in engen Grenzen. Bei vielen Patientinnen und Patienten spricht der Tumor erstaunlich gut auf die Therapie an.


Wie wirken sich diese Erfahrungen auf die zukünftige Forschung aus?

Die Kohlenstofftherapie hat viele unglaublich interessante Felder und das Anwendungsspektrum wird laufend erweitert – zum Beispiel um gastrointestinale Indikationen wie Pankreas- oder Rektumkarzinome. Auch die Kombination von Kohlenstof- fionen- und Immuntherapie zeigt in Studien vielversprechende Erfolge.


Anfang 2022 geht bei MedAustron ein dritter Behandlungsraum in Betrieb. Was verändert sich dadurch für die Pati- entinnen und Patienten?

Bislang konnte die Bestrahlung nur horizontal oder vertikal erfolgen. Das ändert sich mit dem neuen Behandlungsraum, denn dieser ist mit einer Gantry ausgestattet – einem Drehgestell, das es ermöglicht, den Strahl um die Patienten zu führen. Die Bestrahlung kann damit aus jedem beliebigen Winkel erfolgen und wir können mehr Tumorerkrankungen, beispielweise Lungenkarzinome, behandeln.

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021