BluthochdRuck

Hoher Blutdruck steigert das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen –

besonders dann, wenn die Werte auch nachts erhöht sind. GESUND & LEBEN über ein unterschätz- tes Phänomen.

Hoher Blutdruck steigert das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen –

besonders dann, wenn die Werte auch nachts erhöht sind. GESUND & LEBEN über ein unterschätz- tes Phänomen.

FotoS: zvg, istockphoto: Rawpixel, Nik01ay

Nächtliche Gefahr

Rund fünf Liter pro Minute, mehr als 7.000 Liter pro Tag und über eine  Million Liter im Jahr – diese Menge an Blut pumpt unser Herz durch den Körper, um den gesamten Organismus mit  Sauerstoff und wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Die Aufgabe des Blutdrucks ist es, die Blutzirkulation sicherzustellen. Im Normalfall wird dieser dynamisch reguliert: Je nach Bedarf durch eine erhöhte Herzleistung oder eine Verengung oder Erweiterung der Gefäße. Lastet jedoch dauerhaft ein zu hoher Blutdruck in den Blutgefäßen, nimmt unser Herz-Kreislauf-System langfristig Schaden. „Hypertonie, so der Fachbegriff, ist unbehandelt ein Weg- bereiter für viele ernste Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolie“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Irene Marthe Lang, Fachärztin für Innere Medizin, Intensivmedizin und Kardiologie an der Medizinischen Universität und im AKH Wien.


Forschungsergebnisse belegen Gefahr

Besonders hohe Risiken birgt die nächtliche Hypertonie, wie jüngste Forschungser- gebnisse belegen. So werteten spanische Forscherinnen und Forscher der Universität Vigo in einer Langzeitstudie die Daten von mehr als 18.000 Personen aus. Dabei wurde der Blutdruck zu Studienbeginn und im jährlichen Abstand über 48 Stunden durchgän- gig gemessen. Bei rund 2.300 Menschen kam es in diesem Zeitraum zu einem kardio- vaskulären Ereignis, beispielsweise einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt. Die Analyse zeigte, dass Probanden mit einem deutlich erhöhten nächtlichen Blutdruck- wert am ehesten betroffen waren. Auch eine US-amerikanische Langzeitstudie bestä- tigte, dass nächtliche Hypertonie den größten Risikofaktor darstellt.


24-Stunden-Messung

„Menschen sind im Allgemeinen zirkadiane Wesen, das bedeutet, wir sind bei Tages- licht aktiv und regenerieren nachts. Unser gesamter Organismus schwingt in diesem zirkadianen Rhythmus“, erklärt Lang. „Bei nächtlichem Bluthochdruck sorgt eine Stö- rung der Sensoren, die für die Tag-Nacht-Rhythmik zuständig sind, dafür, dass dersel- be Blutdruck Tag und Nacht bestehen bleibt. Aus einer Entgleisung des Systems resul- tiert eine ganze Kette von Folgen, von geschädigten Organfunktionen bis hin zur Be-

einträchtigung unserer Schlaferholungszeit“, sagt die Medizinerin. Feststellbar ist nächtliche Hypertonie mittels einer ambulatori- schen 24-Stunden-Messung, die auch die Blutdruckabsenkung im Schlaf misst. „Sinkt der Blutdruck nachts nicht ab, gilt das als besonderes Kriterium für die Schwere der Bluthochdruckerkrankung.“


Individueller Therapieplan

Steht die Diagnose fest, erhält jede Patientin, jeder Patient einen maßgeschneiderten Therapieplan: „Die Wirkung von blutdruck- senkenden Medikamenten beruht einerseits auf dem Ausleiten von Flüssigkeit, also Entwässerung, und andererseits auf Ge- fäßerweiterung. Wir verfügen mittlerweile über eine große Bandbreite an kurz- und langwirksamen, entwässernden und nicht ent- wässernden Medikamenten, die patientengerecht und auf den Lebensstil angepasst zum Einsatz kommen.“ Bei nächtlichem Bluthochdruck sorge die Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten vor dem Schlafengehen für Hilfe, so die Ärztin.

Nächtlicher Bluthochdruck kann allerdings auch bei Personen auftreten, die tagsüber normale Werte aufweisen. „Ein Zeichen dafür können zum Beispiel periodische Kopfschmerzen und Extra-Herzschläge sein, die wir Palpitationen nennen“, sagt Lang. Auch nächtliche Hitzegefühle, Angstzustände oder Albträume können auf die Erkrankung hinweisen. „Generell schadet es auch nicht, einmal die persönliche Familiengeschichte hinsichtlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erforschen, da Bluthochdruck auch vererbbar ist.“ Außerdem können sich Diabetes, Schilddrüsen- und Nierenprobleme negativ auf die nächtlichen Blutdruck- werte auswirken.


Dem Risiko vorbeugen

„Bluthochdruck ist eine schwerwiegende Erkrankung, die leider nicht immer so ernst genommen wird, wie sie sollte“, warnt die Kardiologin. „Unbehandelt kann sie langfristig zu einer ganzen Kette an Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, die man später im Alter nicht mehr behandeln kann.“ Als Beispiel nennt Lang das „steife Herz“, eine Herzschwäche, die dadurch entsteht, dass das Herz durch eine chronische Bluthochdruckerkrankung langfristig verdickt ist und sich nicht mehr richtig ausdehnen kann. „Das tritt häufig zwischen 65 und 85 Jahren auf und führt zu einer hohen Belastung mit erheblichen Atembeschwerden für den Patienten.“

Die gute Nachricht: Früh erkannt ist Hypertonie gut behandelbar und präventiv gut vermeidbar. „Einer der größten Risikofaktoren ist Übergewicht“, betont Lang. „Mit deutlicher Gewichtsreduktion kann man in diesem Fall den Blutdruck gut in den Griff bekom- men.“ Auch chronischer Stress, Bewegungsmangel, üppige Ernährung, Nikotin- und Alkoholkonsum zählen zu jenen Faktoren, die man selbst ändern kann.


Rechtzeitig gut behandelbar

Bluthochdruck kann aber auch genetische Ursachen haben, durch chronische Schmerzen oder die Ein- nahme bestimmter Medi- kamente wie Immunsup- pressiva entstehen oder als Folge von Nieren- und Schilddrüsenerkrankungen oder Diabetes auftreten. „Wichtig ist, das Problem zu erkennen und früh ge- nug darauf zu reagieren“, betont Lang. Dazu könne auch regelmäßiges Blut- druckmessen zu Hause beitragen – wenn es rich-

tig durchgeführt wird: „Messen Sie am besten dreimal täglich und nehmen Sie sich vor der Messung drei Minuten Zeit, um ent- spannt zu sein“, rät die Medizinerin. Bei Verdacht auf nächtlichen Bluthochdruck kann jedoch nur eine durchgängige 24-Stun- den-Messung Klarheit verschaffen.


Claudia SebunK

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021