FORSCHUNG

Die Suchtberatungen in Niederösterreich bieten Betroffenen und Angehörigen als erste Anlaufstelle Unterstützung. Auf www.- fachstelle.at finden Sie eine Übersicht inklusive Kontaktdaten aller Suchthilfeeinrichtungen in NÖ.

fotoS: Katharina Gossow, istockphoto/ LightFieldStudios

Macht die Krise süchtig?

Existenzängste, Überlastung, Einsamkeit: Die Auswirkungen der Covid-19-Krise sind vielfältig. Neue Studien weisen nun auch auf einen Anstieg von Suchterkrankungen hin.

Rund zwei Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind von Suchtmitteln abhängig. Jeder vierte raucht täglich, jeder siebte trinkt in gesundheitsgefährdendem Ausmaß Alkohol. Jetzt zeigen Studien, dass sich die Corona-Krise negativ auf diese Statistik auswirken könnte. Dr. Ursula Hörhan, Geschäfts- führerin der Fachstelle NÖ Suchtkoordination, erklärt: „Wir wissen aus Erfahrung, dass Menschen gera- de in Krisensituationen oft versuchen, ihre Probleme durch das Konsumieren von Substanzen zu lösen. Dabei besteht die große Gefahr, dass man die Kontrolle verliert und rasch in einen problematischen bis abhängigen Konsum verfällt.“ Laut einer Befragung des Instituts für Wirtschaftssoziologie der Universi- tät Wien rauchen und trinken insbesondere einsame oder arbeitslose Menschen sowie Personen in

Kurzarbeit seit Beginn der Krise mehr. Das, sagt Sozialtherapeutin Dr. Martina Kainz, MSc, habe vor al- lem mit dem Wunsch nach dem Betäuben negativer Gefühle zu tun: „Wenn die Gelegenheiten oder Fä- higkeiten fehlen, über seine Ängste und Sorgen zu sprechen, ist das ein besonderer Nährboden für eine Suchtentwicklung. In unserer Leistungsgesellschaft ist es nicht einfach, offen mit Problemen um- zugehen, da psychische Beeinträchtigungen sehr oft mit mangelnder Leistungsfähigkeit gleichgesetzt und tabuisiert werden. In keinem anderen Krankheitsbereich ist die moralische Bewertung seitens des Umfelds so groß wie bei den Abhängigkeitserkrankungen“, betont Kainz.

Doch es sind nicht nur substanzgebundene Süchte, die viele Menschen in Österreich beeinträchtigen: Rund 50.000 Personen sind medienabhängig. „Vor allem Kinder und Jugendliche sind während der Corona-Krise von Verhaltensabhängigkeiten wie übermäßigen, problematischen Computerspielen be- troffen, da durch einen Lockdown viele Freizeitaktivitäten wegfallen“, gibt Hörhan zu denken.


Suche nach Betreuung

Weitere aufschlussreiche Zahlen zum Suchtverhalten liefern Sucht-Kompetenzzentren in Vorarlberg: Bereits während der Lockdown-Phase verzeichneten mehrere Beratungsstellen einen Zuwachs von rund zehn Prozent an neuen Klientinnen und Klienten. Auch die Sonderkrankenanstalt Maria Ebene zählte nach der teilweisen Wiederöffnung für die Behandlung von Suchterkrankten einen Zuwachs von rund zwölf Prozent an neuen Patientinnen und Patienten auf der Warteliste für Therapieplätze.

„Bei Personen mit ausgeprägten Symptomen einer Abhängigkeitserkrankung muss sichergestellt sein, dass ihre Behandlung fortgesetzt wird. Ansonsten kommt es zu schweren Entzugssymptomen, die mit- unter lebensbedrohlich sind“, betont Hörhan. Und fügt hinzu: „Ich bin froh und dankbar, dass die Mitar- beiterinnen und Mitarbeiter der niederösterreichischen Suchtberatungen und der stationären Einrich- tungen während des Lockdowns weiter für unsere Patientinnen und Patienten erreichbar waren. Auch die Opioid-Substitutionsbehandlung wurde ohne Unterbrechung weiter angeboten, da wir rasche und patientenorientierte Lösungen mit dem Bundesministerium und dem Land NÖ gefunden haben.“

Suchtprävention, ergänzt Kainz, sei in Zeiten einer Krise besonders wichtig und basiere immer auch auf anderen Faktoren gesunder Lebensführung, wie Stressreduktion, Burnout-Prophylaxe und dem Vor- handensein von Gesprächsmöglichkeiten mit Angehörigen oder Freunden: „Für jeden Einzelnen von uns ist es wichtig, in der Familie oder im Freundeskreis über Ängste und Sorgen zu sprechen und auch darauf zu achten, wie es den Menschen in unserer Umgebung geht. Bei einer beginnenden oder be- reits bestehenden Suchtproblematik ist es aber unbedingt empfehlenswert, sich möglichst rasch thera- peutische Unterstützung zu suchen. Suchterkrankungen sind am Beginn viel leichter zu behandeln als im fortgeschrittenen Stadium.“


Michaela Neubauer




erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020