MIKROTRAUMEN

Nadelstiche für die Seele

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Selbst kleine seelische Verletzungen können uns nachhaltig verwunden und bedürfen der Heilung.

Der Begriff „Trauma“ leitet sich aus der griechischen Bezeichnung für Wunde ab. Die Medizin versteht darunter eine körperliche Verletzung, während die Psychologie vom Trauma als Auswirkungen eines schrecklichen Ereignisses spricht. In der Regel werden mit traumatischen Erfahrungen gewaltsame Erlebnisse wie Kriegsgeschehen, Attentate oder körperlicher Missbrauch assoziiert. „Ein psychisches Trauma ist das Resultat eines belastenden Ereignisses oder einer Situation, die von der betreffenden Person nicht bewältigt und verarbeitet werden kann“, erklärt die Psychiaterin und Trauma-Expertin Dr. Eva Loibl-Weiß vom Landesklinikum Baden. „Es ist oft das Ergebnis von physischer oder psychischer Gewalteinwirkung. Bildhaft lässt es sich als eine seelische Verletzung verstehen.“

Naturkatastrophen, schwere Unfälle oder Erfahrungen körperlicher oder sexueller Gewalt gelten als Makrotraumen, die bei vielen Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) hervorrufen. Sie zeigt sich als immer wiederkehrende, quälende Erinnerung in Form von nächtlichen Angstträumen oder plötzlich im Alltag vor dem geistigen Auge erscheinenden Bildern. Traumatisierte können aber auch abstumpfen, komplett teilnahmslos werden und alle Situationen meiden, die in irgendeiner Form an die fürchterlichen Erlebnisse erinnern.


Alltagskonflikte

Nicht jedes Trauma muss gleich eine schwerwiegende gewaltsame Erfahrung sein. Schon kleinere seelische Verletzungen können zu Befindlichkeitsstörungen oder psychischen Problemen führen und die Lebensqualität beeinträchtigen. In diesem Zusammenhang hat der verstorbene persische Psychiater Nossrat Peseschkian (1933–2010) den Begriff des Mikrotraumas geprägt. Er beschreibt diese kleinen Traumen als Alltagskonflikte, die er als Wurzeln von Kränkungen, Aggressionen, Schuldgefühlen oder Ängsten versteht. „Das können zum Beispiel wiederholte Zurückweisungen oder Entwertungen sein, oder auch die einseitige Betonung von Pünktlichkeit und Leistung im Rahmen der Erziehung“, erklärt Eva Loibl-Weiß. „Erhält zum Beispiel ein Kind nur dann positive Aufmerksamkeit in der Familie, wenn es gute Leistungen erbringt, leitet es daraus seinen Selbstwert ab. Folglich kann ein schlechtes Abschneiden in der Schule oder späterer beruflicher Misserfolg das Selbstwertgefühl stark erschüttern und in schwere Krisen führen. Solche kritischen Lebensereignisse können bei schon bestehenden psychischen Verletzungen unter Umständen schlechter bewältigt werden.“


Kindheitserfahrungen

Als kleine, scheinbar unbedeutende Alltagskonflikte sind Mikrotraumen oft die Ursache für psychische Störungen oder psychosomatische Beschwerden. Wer als Kind von den Eltern durch Bestrafungen und Liebesentzug zum Aufräumen gezwungen oder zu Pünktlichkeit und Fleiß erzogen wurde, kann später zur Pedanterie neigen, aber auch eine Zwangsstörung oder ein Magengeschwür entwickeln. Mikrotraumen sind Nadelstiche für die Seele, die sensible Stellen hinterlassen und vor allem in Liebesbeziehungen zu Konflikten führen können. Wenn bestimmte Worte oder Handlungen plötzlich das Fass zum Überlaufen bringen und einen größeren Streit heraufbeschwören, wurden wahrscheinlich empfindliche Bereiche berührt, von denen der andere gar nichts weiß. Gerät man etwa beim Anblick des unaufgeräumten Wohnzimmers in unkontrollierte Wutausbrüche oder heftigen Streit, können familiäre Prägungen und Vorerfahrungen eine Rolle spielen. Ebenso können soziale Ängste und Hemmungen, mit

anderen Menschen in Kontakt zu treten, auf Lernerfahrungen in der Kindheit und das elterliche Vorbild samt deren Ängsten sowie Geboten und Verboten zurückzuführen sein. Schränken Hemmungen und Ängste die Persönlichkeit so stark ein, dass das Selbstwertgefühl bei einem misslungenen Kontaktversuch empfindlich gestört wird, empfiehlt Peseschkian, sich genau zu beobachten, seine Stärken herauszufinden und, anstatt sich zurückzuziehen, weiterhin Kontakt zu anderen zu suchen.


Kränkung & Gekränktheit

Der österreichische Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller rückt den Begriff der Kränkung in den Mittelpunkt seiner Betrachtung der menschlichen Seele. „Was kränkt, macht krank. Was kränkt, löst Krisen aus, Kränkungen führen zu Krimina- lität und Krieg“, so die Hauptthese seines Buches „Die Macht der Kränkung“ (siehe Buchtipp Seite 40). Für Haller ist Ge- kränktheit die Ursache von vielen psychischen und körperlichen Erkrankungen: „Einen Hauptteil der heute so häufig diagnos- tizierten psychischen Traumatisierungen und viele reaktive Depressionen stellen nichts anderes als Kränkungsreaktionen dar. Kränkungen lösen neurotische Entwicklungen und Suchtprozesse aus, genauso wie depressive Störungen und Angstatta- cken. Sie führen den Menschen an den Rand des Wahnsinns, manchmal an den Rand des Suizids.“ Die destruktive Kraft der Kränkung erschüttert vor allem das Selbstwertgefühl. Sie entfaltet sich besonders stark in sensiblen Bereichen, in denen ne- gative kindliche Erfahrungen und Mikrotraumen einen psychischen Nährboden geschaffen haben. „Wurde jemand als Kind wegen seines Aussehens gehänselt, wird er bei Bemerkungen über sein äußeres Erscheinungsbild im späteren Leben über- empfindlich reagieren“, meint Haller.


Weg aus der Verbitterung

Das Gefühl des Gekränktseins geht meist mit Enttäuschung, Ärger, Frustration und Zorn einher. Von der Geburt bis zum Tod ist der Mensch mit Kränkungen, mangelnder Wertschätzung und psychischen Verletzungen konfrontiert. Kränkungserlebnisse lauern praktisch überall: Das reicht vom nicht erwiderten Gruß über die ungerechte Kritik des Vorgesetzten und die abgelehn- te Bewerbung bis zu Hänseleien in der Pubertät und Mobbing am Arbeitsplatz. Besonderes Kränkungspotenzial haben, so Haller, die Erfahrung von Zurückweisung und Ablehnung durch die Eltern und nicht erwiderte Liebesgefühle. Physiologisch reagiert der Körper auf eine nicht verarbeitete psychische Verletzung mit permanentem Stress – Herzschlag und Blutdruck erhöhen sich, Stresshormone werden ausgeschüttet.

Um diese Übererregung zu kompensieren, kann der Körper aber auch Stoffe produzieren, die ein Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins hervorrufen. Manifestieren sich erfahrene Kränkungen wie Partnerschaftsprobleme, Trennungen, Ver- luste oder Kündigungen in einem dauerhaften Gefühl der Verbitterung und Freudlosigkeit, spricht der Berliner Psychologe und Psychiater Michael Linden von einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“. Das Denken der Betroffenen kreist dann viel zu oft oder nur noch um das enttäuschende Erlebnis oder die erlittene Ungerechtigkeit, viele sehen sich in der Opferrolle und ziehen sich immer mehr von der Umwelt zurück. In diesem Fall ist es ratsam, therapeutische Hilfe in Anspruch zu neh- men, um die bitteren Erfahrungen loszulassen und wieder Freude am Leben zu haben.



Jacqueline Kacetl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019