LEBENSSTIL

Vom Couchpotato zur Weit-Wanderin

Viele Jahre lang ging es ihr gut, doch dann kam die Diagnose „Adipositas 3“. Da wusste Daniela Leinweber, dass sie etwas ändern muss. Die Sozialpädagogin aus dem Bezirk Neunkirchen ist ihren Weg gegangen.

Am längsten Küstenweg Großbritanniens: 630 zurückgelegte Meilen, also etwa 1.013 Kilometer, lassen Daniela Leinweber strahlen. Das Ziel ist greifbar nahe.


Termine: Daniela Leinweber berichtet über ihre Wanderung, multidigitaler Reisevortrag mit vielen Bildern:

-17.10.2019, 19:00 Uhr: Herrenhaussaal Ternitz

-20.10.2019, 15:00 Uhr: Pfarrsaal Bad Schönau

-07. 11.2019, 19:00 Uhr, Stadtsäle Traiskirchen

„Es war nicht der Weg, den ich gesucht habe, sondern es war die Suche nach einem Weg zu mir.“

Daniela und Peter Leinweber sind den South West Coast Path in 59 Tagen gegangen – und haben dabei über 5.000 Euro für den guten Zweck „erwandert“. Am Bild vor der blauen Skulptur, die das Ende des Weges markiert.

FotoS: privat

„Ich war bekennende Schokoholikerin, Stufensteigen fiel mir schon in jungen Jahren schwer. Aber irgendwann war ich nach nur einem Stockwerk schon aus der Puste“, berichtet Daniela Leinweber über die schwerste Zeit in ihrem Leben. „Das Ge- fühl, nichts mehr zu schaffen, hinterließ im Lauf der Zeit auch seelische Spuren an mir.“ Mit 142 kg war Schluss mit lustig, sagt sie heute. „Meine Lebensqualität war absolut im Eimer und ich musste feststellen, dass ich selbst nur mehr Zuschaue- rin im Theaterstück meines Lebens war. Ich musste dringend etwas ändern.“ Einen entscheidenden Impuls zur Lebensstil- Änderung erhielt Leinweber aus GESUND&LEBEN: Sie begann, die Übungen mit Ingrid Wendl nachzuturnen (siehe Seite 21), die für Seniorinnen und Senioren gedacht sind. „Mit einem enormen Übergewicht, wie ich es hatte, ist nicht viel mög- lich, deshalb waren es anfangs diese kleinen Übungen, die mir geholfen haben. Mehr hätte ich damals einfach nicht ge- schafft“, erzählt die Sozialpädagogin. Doch sie war damit auf dem besten Weg zum Turnaround.


Der erste Schritt

„Ich komme aus einer Familie von Wanderern, vor meiner Haustür liegt das beste Trainingsareal“, berichtet Leinweber, Jahr- gang 1976 und Mutter zweier Kinder, die in Flatz, am Fuße der Wiener Hausberge zuhause ist. „Diese ‚Gipfel‘ waren immer unerreichbar für mich, sogar ein 240 Meter hoher Hausberg war damals eine unüberwindbare Herausforderung.“ Doch ei- nes Tages sagte sie sich: „Eines Tages werde ich das schaffen. Der erste Schritt ist immer eine Überwindung.“ Nach ein paar moderaten Versuchen, die bergige Gegend im südlichen NÖ zu erkunden, entdeckte sie schließlich ihre Liebe zum Gehen. „Aus diesem Gehen ist im Laufe der Zeit Walken geworden, dann Wandern und schließlich Weitwandern“, strahlt sie heute.

Die Entscheidung, jetzt „ihren Weg“ zu gehen, war durchdacht und eigentlich schon seit langem ein Herzenswunsch. Sie wollte gehen, gehen, gehen. „Es war meine einzige Chance, mich mit Freude zu bewegen“, sagt Daniela. Außerdem wusste sie, dass durch das intensive Gehen auch viele Kalorien verbrannt werden, sie also weiterhin ihre Nahrung genießen könne, ohne sich allzu sehr einzuschränken. „Ich hatte beschlossen, nach meinen ersten Trainings am Hausberg auch den Weit- wanderweg nach Mariazell zu beschreiten. Gemeinsam mit meinem Mann Peter war ich auch am Alpannonia-Weitwander- weg nach Ungarn und dem Unesco-Welterbesteig in der Wachau unterwegs“, erinnert sich Daniela Leinweber.


Ein Traum wird wahr

Bald setzte sie sich das nächste Ziel: den South West Coast Path in England, den längsten Küsten- und Weitwanderweg Großbritanniens. Letztes Jahr war es endlich so weit: Zwei Monate lang wanderte sie gemeinsam mit ihrem Mann den Weg entlang, genoss unvergessliche Momente und den Anblick von zahlreichen Leuchttürmen und überwältigenden Naturerleb- nissen. Über „den steinigen Weg des Abnehmens“ und ihre neue Leidenschaft des Weitwanderns hat Daniela Leinweber ein Buch geschrieben.

Leicht war es nicht, immerhin hatte sie daneben auch einen verantwortungsvollen Beruf: Sie ist Leiterin und Vorstandsvorsit- zende des Vereins Soziales Wohnhaus Neunkirchen („Sowo“). In diesem Haus wohnen junge Menschen, die nicht mit ihrer leiblichen Familie zusammenleben können. Ein Sabbatical machte es Daniela Leinweber möglich, sich die Zeit für die Um- setzung ihrer Pläne zu nehmen.


Das größte Abenteuer

Der South West Coast Path wurde zu einer fixen Idee für Daniela Leinweber. „Es war mein Weg, an den ich vorher viele Jah- re gedacht habe, den ich gehen musste, um mein Leben zu ändern“.  Der Weg war zu einem Gleichnis in ihrem Leben ge- worden, 200 Meter hinauf – 300 Meter hinab – 400 Meter bergauf – 100 Meter bergab. „Als ehemals bekennender Couchpo- tato hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal über 1.000 km zu Fuß gehen, und dabei Berge, Hügel und mehr als 27.000 Stufen erklimmen würde.“ Es war das größte Wander-Abenteuer ihres Lebens. „Es war nicht der Weg, den ich ge- sucht habe, sondern es war die Suche nach einem Weg zu mir“, erinnert sie sich.


Der Weg ist das Ziel

Angekommen in Minehad in England, dem Ausgangspunkt des South West Coast Path, lagen stattliche 1.014 Kilometer Wanderung vor ihr. Sie führten entlang der verträumten und wilden Küsten von Devon und Cornwall nach Poole Harbour in Dorset.

Zur Einstimmung auf die lange Wanderung gab es zunächst kleinere Versuchstouren, um zu lernen, die Strecken mit schwe- rem Gepäck, Rucksack, Proviant und Hitze zu bewältigen. „Mein erster Gedanke war: eine verrückte Idee.“ Doch Begeg- nungen mit gleichgesinnten Wanderern und die Zuversicht ihres Mannes Peter waren die Motivation für Daniela Leinweber, nicht aufzugeben. Zudem hatte sie ein weiteres großes Ziel: Mit jedem Schritt, den sie tat, sammelte sie Geld für junge Men- schen im „Sowo“ Neunkirchen.

Mit einem Plakat ausgestattet und dem Wunsch zu helfen, begann schließlich ihre große Tour. „Die ersten drei Wochen wa- ren wirklich schlimm, ich schwankte zwischen Aufgeben und Weitermachen. Doch je weiter wir wanderten, umso fitter wurde ich.“ Erst in der sechsten Woche kam der Rückschlag: Schlechtwetter. „Das Wandern machte keinen Spaß mehr, es war kalt und nass, die Stufen gefährlich glitschig. Aber wir hatten ein Ziel vor Augen: ankommen. Also ging es weiter, monoton, im Regen, aber mit dem guten Gefühl: Wir kommen an.“


Beflügelt von einer guten Sache

Ihre Hartnäckigkeit und ihr Wunsch, Gutes zu bewirken, verliehen ihren Schritten Flügel. „Wir trafen viele liebenswerte und freundliche Menschen, mit denen wir uns austauschten und die von dem Benefizgedanken dieses Projektes begeistert wa- ren“, erzählt Leinweber. „Hi Dear! Hello Sweety“ begannen durchwegs die freundlichen Annäherungen, die letztlich zu 362 Patenschaften mit Menschen aus zwölf Ländern und zu einem Spendenergebnis von 5.536,70 Euro führten.

„Ich war dankbar, einfach dankbar, das ließ mich vergessen, dass wir mehr als 35.000 Höhenmeter auf dem hügeligen Weg – bergauf, bergab, wieder bergauf – bewältigt hatten.“ Auch die letzten schwierigen Tage konnten die Euphorie nicht dämp- fen. Nach 59 Tagen war es so weit, und Daniela Leinweber ist heute noch gerührt angesichts des emotionalen Eindrucks:

„Wir hatten den ‚Old Harry‘, die letzte Klippe, erklommen. In der Ferne zeichnete sich schemenhaft die blaue Skulptur ab, die das Ende des South West Coast Path markier- te. Nur noch vier Kilometer und wir hatten es geschafft. Ich war ergriffen, weinte fast vor Glück.“


Aus Leidenschaft wurde Liebe

Daniela Leinweber ist zufrieden und strahlt vor Glück. Das Gleichnis ist aufgegangen, sie hat ihren Weg zu sich selbst gefunden. Und mehr noch: „Man könnte eine derartige Reise sicher allein bewältigen, das ist durchaus machbar. Doch ich bin dankbar, dass mein Mann dabei war. Er hat mich motiviert, wenn ich aufgeben wollte. Gemeinsam ha- ben wir erfahren, dass wir Wanderer sind. Ein Hobby, das uns verbindet und uns bei- den – körperlich und seelisch – gut tut.“


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019