Genuss


Gemeinsam abwechslungsreich, ausgewogen und frisch kochen und essen – möglichst ohne Verbote. Das ist der Grundstein für ein gesundes Essverhalten.

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Das Rezept zum Glücklichsein

Braucht es strikte Diäten, um abzunehmen? GESUND & LEBEN sagt nein. Und zeigt,

welchen Einfluss die Psyche auf unser Essverhalten hat.

Kaum scheint der nächste Sommerurlaub in Reichweite, geht es wieder los: Kalorienzählen, Detox-Kuren, Low-Carb, Paleo oder Keto – die Palette an modernen Diättrends ist breit gefächert. Die Coronakilos müssen jetzt runter, eine Bikinifigur oder ein Wasch- brettbauch wäre sowieso fein. Oder auch nur endlich das langersehnte Wohlfühlgewicht auf die Waage bringen. Doch wo liegt dieses eigentlich genau? Und was verändert sich in unserem Leben, wenn wir es erreichen? „Meist sind es nur zwei bis drei Kilo, die Menschen extrem stören können. Hinter der Hoffnung, diese zu verlieren, verbirgt sich aber oft etwas ganz anderes“, weiß Mag. Romana Wiesinger, Psychotherapeutin in Perchtoldsdorf. Die Expertin für Essstörungen beobachtet während ihrer jahrelan- gen Tätigkeit, dass immer weniger Menschen mit ihrem Körper zufrieden sind. „Woher das kommt, ist nicht einfach zu beantwor- ten. Es gibt zahlreiche mögliche Einflussfaktoren, und natürlich gehören auch die Medien dazu“, erläutert Wiesinger und verweist auf soziale Netzwerke, in denen vor allem junge Menschen ständig mit Fotos von Körpern, aber auch von Nahrungsmitteln kon- frontiert werden. Gleichzeitig, sagt die Psychotherapeutin, vermittle der mediale Körperkult den Eindruck, dass sich mit dem Errei- chen eines bestimmten Gewichts oder einer bestimmten Körperform auch positive Gefühle und Glück, Erfolg oder Freude einstel- len. Dabei sei es oft genau umgekehrt: „Insbesondere Menschen, die mit verschiedenen Lebensbereichen unzufrieden sind, ha-

ben häufig mit ihrem Gewicht oder ihrem Essverhalten zu kämpfen. Anstatt sich zu überle- gen, welche Diät sie als Nächstes ausprobieren sollen, wäre es wichtig, grundlegende Fra- gen zu beantworten: Bin ich noch glücklich in meinem Beruf oder in meiner Partnerschaft? Wie ist es um meine Finanzen bestellt? Wie möchte ich meine Freizeit gestalten? Es geht also nicht um Körperkontrolle, sondern um das eigene Körpergefühl. Um ein Hinschauen auf The- men, die mir im wahrsten Sinne des Wortes nicht schmecken“, ist Wiesinger überzeugt.


Auf den Körper hören

Doch gerade dieses Hinschauen und In-sich-Hineinhorchen bleiben heutzutage oft auf der Strecke. Die meisten Menschen rasen durch einen Termindschungel, selbst Wochenenden werden zu Tagen der Anspannung oder der totalen Erschöpfung – wodurch kaum Zeit für die eigenen Gedanken bleibt. Das spiegelt sich auch in unserem Essverhalten wider, bedauert die Psychotherapeutin: „Es wird immer weniger frisch gekocht, an jeder Ecke gibt es ‚to go‘- Gerichte, für deren Verzehr kaum Zeit aufgewendet werden muss. Menschen achten immer weniger auf ihre eigenen Bedürfnisse.“ Kommt es dann zur unerwünschten Gewichtszunah- me, wird oft versucht, die überschüssigen Kilos durch Diäten wieder loszuwerden. Was Ro- mana Wiesinger äußerst kritisch sieht, denn: „Egal wie eine Diät heißt, Ziel ist es immer, ein bestimmtes Nahrungsmittel oder sogar eine Gruppe von Nahrungsmitteln auszusparen. Doch dieses Austricksen des Körpers funktioniert auf lange Sicht nicht. Alles, was man weg- lässt, holt sich der Körper in größeren Mengen wieder. Es kommt zum Jojo-Effekt oder noch schlimmer – zu einer Essstörung.“ Besonders problematisch, meint Wiesinger, ist es, dass sich die meisten Abnehm-Tipps lediglich auf die Säulen Ernährung und Bewegung stützen. Die dritte wichtige Säule, nämlich die Psyche, wird dabei oft vernachlässigt. „Erst wenn die psychischen Voraussetzungen, also die Art und Weise, wie der Mensch gelernt hat, mit sei- nen Gefühlen umzugehen, miteinbezogen werden, kann sich ein Körper verändern“, ist sie überzeugt. Denn oft sind Essen oder krankhaftes Essverhalten (wie Esssucht, Magersucht oder Bulimie) an Emotionen wie Wut, Stress oder Trauer geknüpft. Ungesunde Essgewohn- heiten, betont Wiesinger, entwickeln sich nicht, weil Menschen Spaß an ihnen haben. Viel

eher agieren sie aus Überforderung und seelischer Not heraus, weil sie mit einer priva- ten oder beruflichen Situation nicht zurechtkommen. Dieses Verhaltensmuster aufzubre- chen benötige Zeit und gelinge am besten mit professioneller Unterstützung. Doch jede und jeder Betroffene könne auch zuhause mit einigen Übungen an einer Verbesserung des Körperbewusstseins arbeiten.


Fünf Gruppen

Je nach Essverhalten beschreibt Romana Wiesinger fünf Gruppen von Menschen: „Die Zufriedenen“ sind ihrer Ansicht nach all jene, die ein gutes Körpergefühl und ein gesun- des Essverhalten haben und den Grundbedürfnissen ihres Körpers optimal nachkom- men, indem sie auf gute Ernährung, Schlaf, Bewegung und Erholung achten. Das Hun- ger- und Sättigungsgefühl nehmen diese Personen bewusst wahr. Zu den „ewig Unzu- friedenen“ zählen hingegen jene Menschen, die zwar ein gesundes Gewicht und einen guten Körper haben, dies aber nicht sehen können oder wollen, weil sie zu sehr darauf fokussiert sind, was in ihren Augen nicht passt. In der Gruppe der „Hungrigen“ finden sich Menschen, die ein paar bis sehr viele Kilos zu viel mit sich herumtragen und regel- mäßig versuchen, diese mit achtsamerem Essen oder mehr Bewegung abzunehmen. Doch nach einiger Zeit geht das Gewicht wieder hinauf, anschließend, mit mehr Kontrol- le, wieder hinunter. „Es ist eine Abwärtsspirale, die für die Betroffenen und auch für den Körper sehr belastend ist. Einmal gibt es ausreichend – vielleicht sogar zu viel – Nah- rung, dann wieder eine Zeit lang zu wenig. Darum ist es auch verständlich, dass der Körper zulangt, wenn es einmal genug zu essen gibt, denn ihm fehlt die Sicherheit, re- gelmäßig und ausreichend Nahrung zu bekommen“, sagt Wiesinger. Die Tipps der The- rapeutin für diese Gruppe von Menschen? „Zu reflektieren, wie es zu dem Gewicht ge- kommen ist, ehrlich und realistisch mit sich selbst zu sein und die Situation so anzuer- kennen, wie sie ist. Und zu lernen, bewusster zu essen, ohne sich dabei etwas zu ver- bieten. Denn dann endet auch die Gier danach. Mit der Zeit wird der Körper lernen, dass er genug bekommt und kann sich somit auch entspannen – und Sie sich mit ihm!“ Die Gruppen „die Kontrollierten“ und „die Angepassten“ sind Menschen, die an Mager-

sucht bzw. an Bulimie leiden. Krankheiten, die nicht nur für Betroffene, sondern auch für An- gehörige mit großem Leidensdruck verbunden sind. „Gerade bei diesen beiden Gruppen ist es essenziell, an der psychischen Nahrung an- zusetzen und dafür zu sorgen, dass das Leben wieder ‚schmackhaft‘ wird. Betroffene setzen sich meist selbst enorm unter Druck. Umso wichtiger ist es daher für Angehörige, zu versu- chen, ihnen diesen Druck zu nehmen. Dann sind sie eine echte Hilfe“, sagt Wiesinger.


Kulinarisches Erbe

Doch nicht nur auf das eigene Wohlbefinden wirkt sich das Essverhalten aus: Auch Kinder werden bereits als Fötus von der Nahrung, die ihre Mutter zu sich nimmt, geprägt. „Das heißt keineswegs, dass man in der Schwangerschaft für zwei essen muss! Auf Reduktionen oder Diäten sollten Schwangere jedoch auf jeden Fall verzichten“, rät Wiesinger. Auch im Kindes- alter sollten Essensbedürfnisse auf gesunde Weise gestillt werden: „Wenn Eltern andauernd bestimmen, was und wie viel ihr Kind isst, ge- wöhnen sie Heranwachsenden von Beginn an ihr gesundes Körpergefühl ab.“ Auch trage es negativ zur Entwicklung des gesunden Essver- haltens bei, wenn Mütter ständig auf Diät sind, nach jeder Mahlzeit sofort exzessiven Sport als

Ausgleich treiben oder die eigene Körperunzufriedenheit mit den Kindern und Jugendlichen besprechen. Denn so sei es viel schwieriger für Kinder, sich ein gesundes Verhalten abzuschauen. „Viel besser ist es, gemeinsam abwechslungsreich, ausgewo- gen und frisch zu kochen und zu essen – möglichst ohne Verbote wie Süßigkeiten. Denn Lebensmittel werden umso interessanter, je verbotener sie sind“, erklärt die Expertin. So kann der Grundstein für ein gutes Körperbewusstsein des Kindes gelegt und auch der Weg für ein gesundes Essverhalten im Erwachsenenalter geebnet werden – ganz ohne strikte Diäten.


michaela neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021