GESUNDHEIT

FotoS: istockphoto: alvarez, Maanas

Fit am Arbeitsplatz

Ob verspannter Nacken, Kopfschmerzen oder Bandscheibenvorfall – viele Beschwerden lassen sich auf Büroarbeit zurück- führen. Ergonomie will hier Abhilfe schaffen.

Die Dienstleistungsbranche ist der mit Abstand größte Wirtschaftssektor in Österreich. Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, widmen sich täglich vielen erfüllenden sozialen oder kreativen Aufgaben. Oft wird dabei jedoch die eigene Gesundheit außer Acht gelassen.

Der technische Fortschritt und die globalen Vernetzungen durch das Internet haben die Arbeitsbedingun- gen der letzten Jahre stark beeinflusst. Heute verbringen die meisten Menschen täglich viele Stunden vor dem Computer und sind dadurch auch anfällig für zahlreiche Bürokrankheiten. Doch auch stundenlanges Stehen oder die Betreuung und Pflege am Krankenbett können den Körper stark belasten: Migräne und Spannungskopfschmerzen, Rückenleiden, Gliederschmerzen oder trockene Augen zählen zu den häufigs- ten Beschwerden, die durch den Job entstehen können. Hier setzt die Ergonomie an. Sie beschäftigt sich mit der optimalen Gestaltung der Schnittstelle von Menschen, Maschinen und Umwelt. Ihr Ziel ist es, die Ar- beitsumgebung und -geräte optimal an die menschlichen Bedürfnisse anzupassen und herauszufinden, wie Umwelteinflüsse besser gestaltet werden können. Der Fokus liegt auf Benutzerfreundlichkeit und einer optimierten Arbeitsorganisation, sodass Menschen bei möglichst geringer Anstrengung ein qualitativ hoch- wertiges Arbeitsergebnis erreichen können.


Für jeden verschieden

„Was wir vor allem durch die Corona-Krise und Homeoffice gemerkt haben, ist: Arbeitsplatz ist nicht gleich Arbeitsplatz. Es gibt nicht das eine Richtige. Doch wenn man die Grundlagen der Ergonomie kennt, kann man verschiedene Varianten und Möglichkeiten ausprobieren“, sagt Marion Hackl, Präsidentin des Ver- bands Ergotherapie Austria. Besonders wichtig sei es, darauf zu achten, dass sich die Büromöbel an die

jeweilige Tagesverfassung anpassen lassen. „In der Früh habe ich eine andere Energie als am späten

Nachmittag. Oft hört man, dass Ober- und Unterschenkel in einem 90-Grad-Winkel zueinander stehen und Ober- und Unterarm auf dem Schreibtisch in einem rechten Winkel aufliegen sollen. Aber in der Realität hält das kein Mensch den ganzen Tag durch“, gibt Marion Hackl zu denken.

Dabei, sagt die Expertin, lassen sich oftmals schon mit kleinen Veränderungen spürbare Verbesserungen der Beschwerden erzie- len: „Verstellte Höhen, Winkel, andere Schuhe oder veränderte Griffe können maßgeblich dazu beitragen, dass der Körper weni- ger belastet wird. „Dadurch wird die Lebensqualität von Arbeitneh- merinnen und Arbeitnehmern enorm gesteigert und sie können auch ihre Freizeit mehr genießen, weil sie schmerzbefreit sind.“

Veränderung beginnt bei dir Das Schwierigste an der Ergonomie sei es oft, eine Veränderung bei der Klientin oder dem Klienten herbeizuführen, räumt Hackl ein. „Ergotherapeutinnen und -thera- peuten kommen in die Betriebe und helfen den Arbeitnehmern und Arbeitgebern dabei, unterschiedliche Methoden kennen zu lernen. Doch die Verantwortung liegt immer bei der Person selbst.“ Ein wichtiger erster Schritt sei die Selbstbeobachtung: „Bitten Sie ei- nen Kollegen oder im Homeoffice Ihren Partner, Ihre Sitzhaltung zu fotografieren. Analysieren Sie dann das Foto: Sitzen Sie zu niedrig oder zu hoch? Wo sind die Belastungen? Und überlegen Sie: Wie geht es mir beim aufrechten Sitzen? Wann und wo tut es weh?“

Hackl rät dazu, nachzudenken, welche kleinen Schritte man set- zen kann, um den Arbeitsplatz ergonomisch zu gestalten. Oft hel- fen schon ein Hocker oder ein höher gestellter Computerbild- schirm. Am idealsten sei es, unterschiedliche Sitzplätze im Büro einzurichten und die Plätze je nach Tagesverfassung zu wechseln. Das gelinge vor allem in Büros, in denen vorrangig auf Laptops gearbeitet wird.

Die Ergotherapeutin möchte auch Arbeitgeberinnen und Arbeitge- ber dazu motivieren, sich um ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheitsprävention innerhalb ihres Betriebs zu bemühen, „denn auch sie profitieren von gesunden Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern und weniger Krankenständen.“



michaela neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 09/2020