AMBULATORIUM SONNENSCHEIN

Begleitung für Groß & Klein

Die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder steht im Ambulatorium Sonnenschein in St. Pölten im Mittelpunkt. Eine Vielzahl an Therapien hilft den kleinen Patienten, wieder fit für den Alltag zu werden.

Umso früher die Therapie startet, umso besser gelingt der Schulstart.

Die fünfjährige Larissa leidet an der Glasknochenkrankheit. Die Therapie hilft ihr dabei, Muskeln aufzubauen.

In der „Attentioner“-Gruppe lernen Florian und die anderen Kinder, sich trotz Ablenkung zu konzentrieren.

Das Team begleitet die jungen Patienten und ihren Eltern über viele Jahre hinweg.

Soziale Kompetenz ist von Alex, Carolina (beide am Bild), Alexander und Florian gefragt. Sie lernen, auf den anderen acht zu geben.


fotoS: Barbara Nidetzky

Federleicht klettert Larissa die Kletterwand empor. Flink hält sie sich an den bunten Griffen fest und erreicht schnell ihr Ziel: Einen violetten und einen orangefarbenen Ring, die an den Griffen befestigt sind. Die Fünfjährige legt sich die beiden Ringe auf den Kopf, klettert wieder hinab und balanciert auf bunten Hockern bis zum Boden. Physiotherapeut Andreas unterstützt sie bei allen Übungen, indem er sie sanft am Rumpf hält. Niederzufallen bedeutet für Larissa viel mehr als eine leichte Verletzung, denn das quirlige Mädchen leidet an der Glasknochenkrankheit. Seit ihrer sechsten Lebenswoche kommt sie zur Therapie ins Ambulatorium Sonnenschein in St. Pölten. Das sozialpädiatrische Zentrum bietet Kindern von null bis 18 Jahren Unterstützung in allen Bereichen der Entwicklung.


Diagnose bringt Klarheit

1.800 Patientinnen und Patienten behandelt das Team des Ambulatoriums Sonnenschein im Jahr. Aus ganz Niederösterreich kommen Eltern mit ihren Kindern in das Haus, um die physischen oder psychischen Auffälligkeiten der Kinder zu klären und behandeln zu lassen. Von der Motorik über die Sprache bis zu emotionalen-, und Verhaltensauffälligkeiten – die Kinder leiden an verschiedenen Problemen, die oft beschönigt werden: „Wir wünschen uns, dass die Kinder rechtzeitig zu uns zur Diagnostik kommen“, sagt die Ärztliche Leiterin des Hauses, Prim. Dr. Sonja Gobara, MSc. So könne man beispielsweise abklären, ob das Kind „nur“ an einer Sprachentwicklungsverzögerung oder an einer komplexeren Störung leide, ergänzt die Kinderärztin.

Diese Untersuchungen sind auch für die Eltern ein wichtiger Punkt: Die Diagnose entlastet sie oder bestätigt die Eltern in dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Viele Eltern irren oft lange herum, bevor sie in das Ambulatorium Sonnenschein kommen, sagt Gobara. Ein Drittel davon sind sogenannte Selbstmelder. Sie holen sich eine Überweisung für eine Therapie im Ambulatorium Sonnenschein. Oft fällt auch den Pädagoginnen und Pädagogen im Kindergarten oder in der Schule auf, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Bei der Entwicklung, sagt Gobara, gibt es auch eine gewisse Varianz. Manche Kinder können sprechen, bevor sie zu gehen beginnen. In diesem Fall können Gobara und ihre Kolleginnen und Kollegen die Eltern beruhigen, ein halbes Jahr später gibt es meist eine erneute Untersuchung.

Kommen Kinder und Eltern das erste Mal in die Einrichtung, werden die kleinen Patienten zunächst von den Kinderärztinnen durchgecheckt. Gemeinsam mit den Eltern überlegen die Ärztinnen dann, welche Therapie die richtige ist. Im Ambulatorium werden die verschiedensten Therapien angeboten: Neben Physiotherapie gibt es Ergotherapie, Logopädie, verschiedene, psychologische Behandlungen im Einzel- und Gruppensetting sowie Beratung, Musiktherapie und mobile, heilpädagogische Frühförderung. Manchmal ist es sinnvoll, dass das Kind mehrere Therapien parallel in Anspruch nimmt-

. Manch kleinen Patienten kennt das multiprofessionelle Team fast von Geburt an, denn Kinder, die an einer Fehlbildung oder an einer klassischen Beeinträchtigung leiden, sind von Anfang an gut in der Einrichtung aufgehoben.


Von Anfang an

Larissa ist eine von ihnen. Sie sitzt nun auf einem gelben Gymnastikball und lässt sich nach vorne fallen. Die Physiothera- peutin Michaela Gusel hält sie an den Beinen. Larissa streckt die Arme aus, als würde sie fliegen. Dabei lacht sie über das ganze Gesicht – die Therapie scheint Spaß zu machen. Das unerschrockene Mädchen ist jede Woche im Ambulatorium Son- nenschein. Dass die Physiotherapie bei ihr so gut funktioniert, sei anfangs nicht sicher gewesen, erzählt ihre Mutter. Vier Wo- chen nach Larissas Geburt fahren die Eltern mit ihr nach Köln, wo es ein spezielles Reha-Zentrum für Kinder mit Osteogene- sis imperfecta – umgangssprachlich die „Glasknochenkrankheit“ – gibt. Dort lernen Larissas Eltern, wie sie mit ihrem Baby umgehen müssen. Zur selben Zeit vernetzt sich das Ambulatorium Sonnenschein mit dem Kölner Zentrum. Mit viel Mut, er- zählt die Mutter, nimmt Michaela Gusel Larissa in die Therapie auf. Ohne vielen Berührungsängsten auf beiden Seiten arbei- tet die Therapeutin seither gemeinsam mit Larissa daran, ihre Muskeln aufzubauen.

Das Mädchen wird seit ihrer Geburt regelmäßig operiert – je schneller sie wächst, umso öfter. Nach den Operationen trägt Larissa bis zu zwölf Wochen einen Becken-Beingips. Im Anschluss kommt sie zu Michaela Gusel, die dann wieder von vorne anfängt. Für Larissa gehört all das zum Alltag, sie wächst mit Ärzten und ihrer Physiotherapeutin auf. Für die Eltern der Fünf- jährigen ist es wichtig, dass sie so normal wie möglich leben kann: „Wir halten sie nicht unter einem Glasdeckel, wir wollen nicht, dass sie eine Grundangst entwickelt. Wir möchten aber, dass sie lernt, dass etwas passieren kann“, sagt Larissas Mutter.


Früh handeln

Für eine gelungene Therapie spielt nicht nur die wöchentliche Therapiestunde im Ambulatorium Sonnenschein eine Rolle, sondern auch das Leben im Zuhause des Kindes. „Es geht viel um Beratung und Anleitung. Was können Eltern daheim tun? Worauf muss man im Kindergarten achten? Es ist wichtig, dass das Umfeld des Kindes damit umgehen kann“, sagt die Ärztli- che Leiterin. Egal, um welche Auffälligkeit es sich handelt – die Eltern sollen möglichst früh und somit noch weit entfernt vom Schulstart etwas  unternehmen. Defizite in der Schule sind für das Kind schwieriger aufzuholen. Dieser schlechte Start be- dingt dann häufig Frustration und eine gewisse Schulunlust. Bei rechtzeitiger Begutachtung, Beratung und Therapie ist das Kind hingegen fit für den Schulstart.

Die Bandbreite an Erkrankungen ist im Ambulatorium Sonnenschein groß – nicht zuletzt, weil die jungen Patienten im Alter von null bis 18 Jahren an Therapien teilnehmen können. Eltern kommen mit Babys in die Einrichtung, wenn beispielsweise eine Haltungs-Asymmetrie vorherrscht, das Hinterhaupt abgeflacht ist oder sie partout nicht krabbeln wollen. Bei Kleinkindern geht es häufig um Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, Konzentrationsprobleme oder Fußfehlstellungen. Bei Jugendlichen spielt vor allem die Pubertät eine große Rolle – so kommen Patienten mit Angststörun- gen und depressiven oder pubertären Krisen zur Therapie. „Wir haben auch fast alle seltenen Erkrankungen bei uns“, sagt Gobara.


Den anderen achten

Einige Türen weiter sitzen Alexander, Alex, Carolina und Florian gemeinsam an einem Tisch. Die vier Kinder bilden die „So- ziale Kompetenz“-Gruppe. Jedes Kind schneidet aus einem Werbeprospekt jene Dinge aus, die es gerne mag. Gemeinsam gestalten sie dann ein Plakat. Dann geht es darum, den anderen zu erzählen, was man sich ausgesucht hat: Alexander mag Lego Minecraft, Cola, Computer, Chips und viele weitere Dinge. Hinter dieser Aufgabe steckt mehr, als es scheint: „Es geht um die Selbstwahrnehmung und darum, die Bedürfnisse der anderen wahrzunehmen“, sagt Mag. Dr. Sonja Bauch-Prater, Leiterin der Gruppe und des  Fachbereiches Psychologie im Ambulatorium. Für die Kinder der Gruppe ist das nicht immer einfach: Alex leidet am Asperger-Syndrom und hat manchmal Mühe, sich in die Gruppe einzufinden. Die achtjährige Carolina leidet an einer Konzentrationsstörung und tut sich schwer dabei, wahre Freundschaften zu erkennen, sagt ihre Mutter. Die Gruppe tut ihr gut. Im Sonnenschein sind Mutter und Tochter schon länger – mit Ergotherapie haben sie angefangen und gleichzeitig auch die Hilfe einer Logopädin in Anspruch genommen. Alexander sitzt am Tisch, weil er immer wieder auffällig in der Schule ist. Sein Sitznachbar Florian wiederrum ist besonders zurückhaltend in der Gruppe. Sie alle lernen, auf den ande- ren zu achten. In diesem Fall müssen sich die Kinder merken, was die anderen in der Gruppe gerne haben. Als nächstes spielen sie gemeinsam mit der Psychologin ein Spiel. Dabei lernen die Kinder, Kompromisse einzugehen und die Regeln ein- zuhalten. Und auch, Frustration auszuhalten und abwarten zu können.


Beratung im Fokus

Auch wenn alle Auffälligkeiten und Erkrankungen im Ambulatorium Sonnenschein vertreten sind, macht Sonja Gobara vor al- lem eine Entwicklung große Sorge: „Wir haben eine Flut an Zwei- bis Dreijährigen, die an einem „Pseudo-Autismus“ leiden. Sie haben keine Sprache und werden mit dem Handy ruhig gestellt.“ Diese Kinder sind in ihrer sozialen Interaktion auffällig und kommen ins Ambulatorium, weil dahinter Autismus vermutet wird. Dabei sei vor allem das fehlende Gegenüber und die Möglichkeit, in Beziehung zu treten, der Grund für diese Entwicklung der Kinder. Zusätzlich sind die Kinder häufig überge- wichtig und lernen gewisse motorische Fähigkeiten wie Radfahren nicht, da schlichtweg das Angebot fehlt. Das sei bitter, sagt Gobara: „Für mich ist das eine Form der gesellschaftlichen Verwahrlosung.“ Da die Eltern kein Gefühl dafür haben, wie- viel Zeit die Kinder in welchem Alter vor dem Handy verbringen dürfen, steht in diesen Fällen meist die Beratung und Aufklä- rung im Fokus.


Aufmerksamkeit wird geschult

Das neuropsychologische Trainingsprogramm „Attentioner“ steht im Mittelpunkt der Gruppe, welche von den Klinischen- und Gesundheitspsychologen Mag. Beatrix Thummer und Mag. Stefan Seiner geleitet  wird. Diese Gruppentherapie richtet sich an Kinder, die an Aufmerksamkeitsschwierigkeiten leiden. Fünf bis sechs Kinder nehmen an dieser Aufmerksamkeitsgruppe teil, sie gehen in die dritte oder vierte Klasse. Vor dem Start in die Gruppentherapie füllen die Eltern und die zuständigen Päd- agogen einen Fragebogen aus. Während der Therapieeinheit stellen die beiden Psychologen dann die Situation in der Schule nach. Das Ziel der Therapie ist es, die geteilte Aufmerksamkeit, wie sie auch in der Schule gefragt ist, zu fördern. Die Kinder erhalten in der Stunde eine Aufgabe, die es zu erledigen gilt, während sie abgelenkt werden.

An jenem Tag sind Hannah, Florian und Luca zur Attentioner-Gruppe gekommen. Anfangs fragt Stefan Seiner die Schüler der Reihe nach, wie es ihnen geht. Hannah erzählt von ihrem Zweier, den sie auf eine Schularbeit bekommen hat. Der Psycholo- ge lobt sie außerdem, dass sie den Geheimauftrag – die Hausübung – super gelöst hat. Als nächstes erzählt Luca davon, dass er Musik gemacht hat. Florian erzählt von seinem Besuch in der Neuen Mittelschule und schwärmt vom Chemiesaal. Dass der Zehnjährige am Asperger-Syndrom leidet, lässt sich in diesem Moment kaum erahnen. Nun geht es an die Übung: Jedes Kind bekommt ein Arbeitsblatt. Sie müssen leise sein und aufmerksam zuhören, erklären die Psychologen den Kindern die Übung. Aus den Boxen hören Hannah, Florian und Luca nun Wörter, die sie ins Gegenteil umkehren müssen. Eifrig und konzentriert schreiben sie auf ihren Arbeitsblättern. Durch Übungen wie das Umkehren oder auch das beliebte „Kofferpacken“ lernen die Kinder, sich besser konzentrieren zu können.


Kindliche Leichtigkeit

Im Ambulatorium Sonnenschein stehen die Therapien im Vordergrund der Behandlung. Was Medikamente betrifft, sind die Ärztinnen sehr zurückhaltend. Zuerst schaue man, dass alles andere ausgeschöpft ist, sagt Gobara. Wichtig ist es dem Team des Ambulatoriums, Zeit für die Kinder und Eltern zu haben. Sonja Gobara und ihre Kolleginnen und Kollegen begleiten viele Kinder und Eltern über viele Jahre hinweg und bauen eine Beziehung zu ihnen auf. „Manche Langzeitpatienten kommen, bis sie 18 Jahre alt sind. Zu deren Leben gehören wir einfach dazu“, sagt die Ärztliche Leiterin. Das Team bemüht sich daher, im- mer wieder neue Angebote zu schaffen, damit die Kinder Spaß haben und gerne kommen. Sonja Gobara selbst erfreut sich immer wieder an den schönen Begegnungen mit den Kindern und ihrer kindlichen Leichtigkeit. Gefällt den kleinen Patienten etwas nicht, verweigern sie. Diese direkte Resonanz sei super, sagt Gobara. Egal, ob Therapeuten, Psychologen oder Ärzte – sie alle haben ein Ziel: Die Kinder und Jugendlichen gut zu betreuen, damit sie sich bestmöglich entwickeln, nicht an Folge- schäden leiden und letztendlich zu selbständigen Menschen heranwachsen.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 07+08/2019