Kinderwunsch?

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Kind ja oder nein?

Wann und ob man ein Kind bekommt, beschäftigt meist nicht nur die potentiellen Eltern, son- dern auch das Umfeld. Dabei gilt: Jede Entscheidung ist richtig.

Wie sieht es eigentlich mit Kindern aus?“ Eine Frage, die fast jeder Frau ab einem gewissen Alter einmal begegnet. Verliebt, verlobt, verheiratet – vermehrt. So sieht es der gesellschaftli- che Plan vor. Wann und wie das der Fall ist, interessiert Familie und Freunde besonders. War- um aber machen wir uns Gedanken um die Familienplanung der anderen?


Angst & Sorge

Auch im Jahr 2021 gehört Mütterlichkeit zur Rolle der Frau. Obwohl es früher viel selbstver- ständlicher war, dass eine Frau Kinder zur Welt bringt, scheint es auch heute noch beinahe ein „Makel“ zu sein, keine Kinder bekommen zu können oder zu wollen. „Kinder auf die Welt zu bringen gehört neben Ausbildung und Beruf, fester Partnerschaft, Haus oder Wohnung für vie- le  zu den „To-dos“ im Leben. Wenn das nicht erfüllt wird, kann das häufig ein sehr belasten- des Thema für die Betroffenen sein“, erklärt Mag. Angelika Tober, klinische und Gesundheits- psychologin in Pöchlarn. Die Frage, ob denn Nachwuchs geplant ist, sei aber meistens nicht böse gemeint – denn sich fortzupflanzen ist ein Thema, dass das Menschsein mit ausmacht

und begleitet, fügt die Psychologin hinzu. Entscheidet sich eine Frau oder ein Paar dagegen, Kinder zu bekommen, ist das für das Umfeld häufig schwer zu verstehen. Hinter dem Nachfragen stecken manchmal auch andere Gefühle als gedacht: „Sorge und Ängste, dass dem erwachsenen Kind oder der lieben Freundin aufgrund dieser Entscheidung im Leben etwas entgeht und der oder die Betroffene die Entscheidung später einmal bereuen könnte, können auch eine Motivation für indiskretes Nachfragen sein“, sagt Tober. Ähnlich ergeht es manchmal auch Frauen, die bereits ein Kind mit einem früheren Partner haben und mit einem neuen Partner zusammenleben, ohne ein weiteres Kind zu planen. „In Stereotypen gedacht, ist ein gemeinsames Kind quasi das Happyend der glücklichen Familie. Für manche wirkt es sonst unfertig – und unfertige Dinge wollen wir Menschen in der Regel nicht.“


Man gewinnt etwas anderes

Geht es darum, wer wann Kinder bekommt, sind es meist Frauen, die neugierig nachfragen. Eine mögliche Erklärung dafür: „Kin- der zu bekommen betrifft den Körper und heutzutage auch noch überwiegend die beruflichen Ziele der Frau. Sie kennt das The- ma vielleicht von sich selbst oder ihrem Freundeskreis. Frauen projizieren vielleicht dabei auch ganz unbewusst eigene Erwar- tungen auf andere Frauen.“

Egal, wie frau sich entscheidet – jede hat das Recht, den Lebensplan so zu wählen, wie es für sie passt: „Wenn man keine Kinder bekommt, heißt das nicht immer, dass einem etwas fehlt. Man entscheidet sich eben für etwas anderes. Man gewinnt ge- nauso etwas.“ Das Schöne an der heutigen Zeit sei, dass man auch beim Thema Kinder nicht mehr in alten Rollenzuschreibungen denken müsse – obwohl das sicher noch zu oft der Fall ist, sagt Angelika Tober. Es darf Frauen geben, die ihr Leben ganz bewusst ohne Kinder und oft sogar ohne eine außerordentliche Karriere als Er- satz in vollen Zügen genießen. Dafür kosten sie all die anderen Bereiche und Rollen aus, die das Leben als Frau bietet.


Druck raubt Kraft

Egal, welches Familienmodell das bevorzugte ist: Fragen rund um den Kinder- wunsch können sehr unangenehm sein. Gerade Frauen oder Männer, deren Kinder- wunsch einfach nicht in Erfüllung geht, stressen diese Fragen sehr.  Also gilt: Wer neugierig ist, was den Kinderwunsch des Gegenübers angeht, sollte es äußerst sen-

sibel angehen. „Wenn jemand nicht über dieses Thema sprechen möch- te, gilt es, das zu respektieren. Und wenn es bei jemandem einfach nicht klappen möchte, sollte man die berechtigten Sorgen des Paares ernst nehmen und kein Halbwissen verbreiten“, sagt die Psychologin. Wenn sich bei einem Paar keine Schwangerschaft einstellt, setzt die Erwartung von außen meist zusätzlich unter Druck. Und unter Stress entsteht neues Leben viel schwieriger, denn der Körper ist keine Maschine – im Gegen- teil. „Sehr vereinfacht gesagt: Langanhaltende unangenehme Gefühle können auch die Fruchtbarkeit beeinflussen. Ständiger Druck raubt dem Körper quasi die Kraft und er stellt nicht überlebensfähige Funktionen ein“, weiß Tober. Ist das Thema Kinderwunsch eine Belastung, ist es sinnvoll, eine Beratung aufzusuchen, denn darüber sprechen hilft beim Sortieren und Verarbeiten. Ansonsten darf man das Thema wechseln. Es ist okay, nicht darüber reden zu wollen. Denn beim Thema Kinderkriegen gilt genauso wie in anderen Bereichen: Man muss nicht mit jedem alles teilen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2021