SPIELEN

Nicht nur Zeitvertreib

FotoS:  istockphoto/ Imgorthand Charlotte Fischer

Spielen ist die Haupttätigkeit eines Kindes und darf nicht zu

kurz kommen. Also: Ran an Lego, Bausteine und Co.

   Stein auf Stein, Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein.“ Was im Kinderlied der „fleißigen Handwerker“ besungen wird, ist das Spiel von Kindern zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt. Schon die ganz Kleinen – ab einem Alter von etwa fünfzehn Monaten – stapeln Bausteine aufeinander. Kleine Türmchen entstehen, die mit Vergnügen wieder umgestoßen werden. Um kurz darauf noch einmal aufgebaut zu werden. Wachsen die Kinder, wachsen auch die Bauten. Und Kinder- und Wohnzimmer sind voll von aben- teuerlichen

Ritterburgen, riesigen Tiergehegen und mehrstöckigen Parkhäusern. Beim

Bauen erlebt sich ein Kind als Konstrukteur einer Wirklichkeit, die ihren Ausgang in seiner eigenen Phan- tasie hat. Margit Franz, Pädagogin und Expertin für kindliches Spiel, erklärt: „Das Kind hat eine Idee und setzt diese dann zielgerichtet um. Es möchte etwas herstellen.“ Wird die gebaute Burg dann zum Schau- platz ritterlicher Kämpfe, geht das Konstruktionsspiel nahtlos in ein Rollenspiel über, sagt Franz.


Beim Spielen mühelos lernen

Was in den Augen vieler Erwachsener wie ein netter Zeitvertreib aussieht, ist laut Margit Franz im Grunde überlebenswichtig für ein Kind. „Eltern machen sich schnell Sorgen, wenn ein Kind wenig isst. Sie ma- chen sich aber meist wenig Gedanken, wenn ihr Kind wenig spielt. Dabei kann auch das entwicklungs- gefährdend sein.“ Denn beim Spielen entwickelt das Kind seine Persönlichkeit und lernt das, was es im späteren Leben braucht. Spielen, so Franz, soll die Haupttätigkeit eines Kindes sein und steht nicht im Gegensatz zum „echten“ Lernen später in der Schule. „Beim Spielen lernt das Kind genauso, nur mühe- loser.“ Das Paradoxe daran: Spielen ist trotzdem immer zweckfrei. Auch wenn ein Kind dabei lernt, steht nicht der Lerneffekt im Vordergrund. Jedenfalls nicht für das Kind. „Kein Kind spielt, um Formen und Far- ben kennen zu lernen“, betont Franz. Dass es sich beim Sortieren von Kastanien im Kleinkindalter darauf vorbereitet, später in der Schule Mengen besser zu verstehen, ist ein Nebeneffekt. Wenn auch ein im- mens wichtiger.


Spielzeug: Weniger ist mehr

Kindliches Spiel geschieht immer freiwillig. Kein Kind kann dazu gezwungen werden, zu spielen. Was Er- wachsene tun können: Die Voraussetzungen schaffen, damit Kinder ins Spiel kommen. Räume zur Verfü- gung stellen, in denen sie sich treffen und auch einmal unbeobachtet bleiben können. Den kindlichen Terminkalender entlüften, damit genug Zeit für das Entwickeln eigener Ideen bleibt. Immer mehr vom neuesten Spielzeug kaufen, gehört für Franz nicht dazu, wenn es darum geht, Kinder zum Spielen zu bringen. Denn Spielsachen haben die allermeisten Kinder mehr als genug. Aber: „Womit Kinder spielen,

sollte gut ausgewählt sein.“ Sie empfiehlt sinnlich ansprechende Dinge und funktionsoffene Materialien wie Bausteine, die einmal als Mauer und dann als Handy fungieren können. Beim Spazier- gang gesammelte Stöckchen und Steine oder eine einfache Pup- pe können genügen, um die Phantasie eines Kindes anzuregen. Franz findet: „Puppen, die sprechen können, brauchen Kinder nicht.“


In den Apfel reinbeißen

Und das Spielen am Tablet oder Handy? Erfüllt es die Kriterien des „echten“ Spielens? Margit Franz verteufelt den Umgang mit digitalen Medien nicht, denn „wir leben nun mal im Zeitalter dieser Medien, und Kinder haben hier oft einen sehr kreativen Zugang.“ Wer am Tablet spielt, eignet sich die Welt allerdings digital an, und das allein genügt nicht. „Vor allem in den frühen Lebensjahren sind Kinder auf ihre sinnliche Wahrnehmung und bewegungsrei- ches Spielen angewiesen. Erst einmal müssen sie die Dinge an- fassen und begreifen, um sie dann zu verstehen.“ Einen Apfel am Tablet kann ein Kind zwar wiedererkennen  und benennen. Um wirklich zu verstehen, was ein Apfel ist, muss es ihn aber auch rie- chen und angreifen können oder einfach einmal reinbeißen. Von digitalen Lernspielen sollten sich Eltern also nicht allzu viel erwar- ten, meint Franz.


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2020