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SELBSTLIEBE

Natürlich schön

Über Umwege zur bedingungslosen Selbstliebe: Eine junge Niederösterreicherin kehrt zurück zur Natur und lässt sich ihre Brust-Implantate entfernen.

Christina B. (Name von der Redaktion geändert) ist eine attraktive junge Frau. Sie hat einen sportlichen, trotzdem weiblichen Körper, blondes Haar und ein strahlendes Lächeln. Mode ist ihr wichtig und sie schminkt sich gerne. Wer Christina trifft, würde nicht auf die Idee kommen, dass sie bis vor kurzem noch etwas anders ausgesehen hat. Heute ist sie wieder sie selbst, ganz ohne Brust-Implantate.


Wunsch nach mehr Weiblichkeit

In ihrer Jugend hat Christina nie Probleme mit ihrer Oberweite. „Im Vergleich zu meinen Klassenkameradinnen hatte ich immer recht große Brüste, schon mit dreizehn Jahren ein volles B-Körbchen. Damals wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, dass ich einmal etwas an ihnen ändern will“, erzählt die heute 24-jährige Gutensteinerin. Der Wendepunkt: Mit 18 beginnt sie mit Krafttraining, „ursprünglich, weil ich schöne Bauchmuskeln bekommen wollte.“ Doch Christina nimmt rasch fast zehn Kilo ab. „Plötzlich war ich eine Erwachsene im Kinderkörper. Meine Kurven waren verschwunden.“ Damals dachte die junge Frau zum ersten Mal über eine Brustvergrößerung nach. „In den Medien wird das ja inzwischen als Routineeingriff abgehandelt. Auch im Freundeskreis hatten einige junge Frauen bereits Brustvergrößerungen hinter sich und dabei schöne Ergebnisse erzielt. Für mich war meine ‚fehlende Weiblichkeit‘ plötzlich eine enorme Belastung.“ Christinas Eltern wollen nicht, dass sich ihre Tochter diesem unnötigen Eingriff unterzieht. „Auch mein Freund war nicht einverstanden. Er hat sogar gemeint, was ist, wenn dir die Implantate dann mit 23 nicht mehr gefallen? Damals habe ich noch darüber gelacht“, erzählt Christina kopfschüttelnd. Doch ihre Entschei- dung steht fest. „Ich habe meiner Familie erklärt, dass ich erwachsen bin und diese Operation nur für mich mache. Ich war ja volljährig. Rückblickend betrachtet wünsche ich mir oft, ich hätte damals auf meine Eltern gehört. Das hätte mir viel Leid erspart.“


Aufs Äußere reduziert

Heute sind immer mehr junge und auch ältere Menschen unzufrieden mit ihrem Körper und lassen da und dort „etwas richten“. Waren es früher nur junge Frauen, ziehen die Männer langsam nach. Über 23 Millionen Schönheitsoperationen gab es 2017 weltweit. Ein Trend, der nicht immer zum Wohlbefinden beiträgt: Christina lässt sich vom plastischen Chirurgen beraten, bei dem schon ihre beste Freundin war. Nach dem Erstgespräch fühlt sie sich in guten Händen und freut sich auf ihr neues Äußeres. „Zu- nächst verlief alles komplikationslos. Ich vertrug die Narkose gut, wurde im Einzelzimmer in der Klinik toll betreut und auch die

Schmerzen hielten sich in Grenzen. Am nächsten Morgen durfte ich nachhause.“

Als Christina nach einigen Wochen den „Stütz-BH“, der den Heilungsprozess beschleunigen soll, ablegen darf, kommt erstmals ihre neue Oberweite zum Vorschein – und damit auch die Reaktionen ihrer Mitmenschen. „Um ehrlich zu sein war ich schockiert, wie sehr mich andere auf mein Äußeres reduzierten. Es war wirklich schlimm, ich war ja immer noch dieselbe intelligente Frau mit Studienab- schluss und hoher Arbeitsmoral. Brüste, Haarfarbe oder Gewicht sollten nicht ausschlaggebend dafür sein, wie andere Menschen sich dir gegenüber verhalten.“

Einige Monate nach dem Eingriff bemerkt die junge Frau, dass bei ihrer Operation etwas schiefge- laufen sein muss: „Mir wurde nach der OP gesagt, dass das endgültige Ergebnis erst nach etwa einem Jahr sichtbar sein wird. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Implantate sehr hoch sitzen. Auch nach mehreren Monaten änderte sich nichts daran“, erzählt Christina. Sie geht zu ihrem plastischen Chirurgen, der stellt fest, dass ihre Implantate zu hoch eingewachsen sind. Es sei ein Routineeingriff im Dämmerschlaf, diese an die richtige Stelle zu setzen, erklärt er ihr. Also unterzieht sich Christina ihrer zweiten Operation. Als sie aus der Narkose erwacht, ein Schock: Ihre Implantate wurden ausgetauscht. Nun sind sie nicht nur schwerer, sondern haben auch eine andere Form. „Ich war perplex, aber gleichzeitig k.o. von der Narkose. Mir wurde nur erklärt, dass sich der Arzt

während der OP dazu entschieden hätte, diese Implantate wären besser für mich und ich müsse sie auch nicht bezahlen. Da habe ich es so hingenommen.“

Monate vergehen, doch der Blick in den Spiegel belastet Christina immer mehr. Sie ist sich sicher, dass auch die zweite Operation nicht geglückt ist. Ihre Brüste sehen ungleich aus, die linke fühlt sich seltsam an. Sie ist verzweifelt, sucht erneut ihren Arzt auf – und erhält die Diagnose Kapselfibrose. „Kapselfibrosen sind zwar nicht gefährlich, aber schmerzhaft, und sehen auch nicht schön aus. Da dachte ich mir zum ersten Mal: ‚Ich will das alles nicht mehr‘. Doch der Chirurg hat mir Mut gemacht, gemeint, er würde die Kapsel bei einem kurzen Eingriff sprengen. Und dass das dann wirklich das letzte Mal wäre.“


Die Angst vor Risiken

Christina schöpft Hoffnung und lässt den dritten Eingriff durchführen. Obwohl er komplikationslos verläuft und das Erscheinungsbild durch die Kapselsprengung besser ist, wird die junge Frau in den folgenden Jahren immer unsicherer. „Ich hatte so Angst, dass wieder irgendwas nicht geklappt hat. In zwei Jahren war ich bei fünf verschiedenen plastischen Chirurgen, um mir andere Meinungen einzuho- len.“ Das Ergebnis: Alle Ärzte empfinden die Implantatsgröße für den Körperbau

der Niederösterreicherin zu massiv, raten ihr aber von einer Entnahme der Implantate ab. Darum beschließt sie, ihre Implantate zu behalten und die nächsten Jahre abzuwarten. Mittlerweile liegt ihre er- ste Vergrößerung fast fünf Jahre zurück. Nach und nach liest sie immer mehr Berichte über gesund- heitliche Risiken. In den USA hat sich eine große Gruppe von Frauen zusammengeschlossen, die überzeugt sind, ihre Implantate würden sie krank machen. Die sogenannte „Breast-Implant-Illness“, so behaupten die Frauen, ist eine Abwehrreaktion des Körpers auf Brustimplantate, die zu zahlreichen kör- perlichen Symptomen führt und immer mehr Frauen zur Explantation bewegt. „Zwar trafen diese Symp- tome nicht wirklich auf mich zu, aber natürlich gab mir das zu denken. In den USA wollen einige plastis- che Chirurgen keine Implantate mehr einsetzen und nur noch Explantationen durchführen“, erzählt Christina.

Der nächste Schock folgt im Dezember 2018: Für die Implantate, die Christina in sich trägt, wurde ein Rückruf veranlasst. Bei einigen Frauen mit diesen Implantaten wurde die Krebsart Lymphom Bia ALCL diagnostiziert. „Da hatte ich wirklich Angst und das Gefühl, eine tickende Zeitbombe in mir zu tragen.“


Der Weg zu sich selbst

Christina wendet sich an den Konsumentenschutz und an die Gesundheitsbehörde. „Dort teilte man mir mit, dass der Hersteller der Implantate nur dann zur Kostenübernahme einer Explantation verpflichtet wäre, wenn ein Gutachter die Fehlerhaftigkeit des Produktes feststellen würde.“ Obwohl die Guten- steinerin die Kosten selbst tragen muss, beschließt sie, die Implantate entfernen zu lassen. „Natürlich hatte ich ein bisschen Angst davor, wie ich aussehen werde. Doch ich habe meinem Körper vertraut. Dass meine natürlichen Brüste dann nicht mehr so aussehen würden wie mit 19, war okay. Ich hatte endlich zu mir selbst gefunden.“


Aufklärungsarbeit leisten

Christinas Explantation ist inzwischen einige Monate her. Sie vertraute sich einem Chirurgen an, der ihre Situation gut verstand und sie in ihrer Entscheidung bestärkte. „Als ich meine ‚neuen‘ alten Brüste das erste Mal sah, hätte ich vor Erleichterung weinen können. Von mir ist eine riesige Last abgefallen. Ich bin wieder so, wie ich war, und fühle mich wunderschön. Und das hat überhaupt nichts mit meiner Kör- bchengröße zu tun“, schmunzelt sie. Die junge Frau ist heute selbstbewusster denn je und steht zu ihrer Vergangenheit. Ihre Geschichte möchte die 24-Jährige teilen, um Frauen in einer ähnlichen Situation Mut zu machen. „Es gibt so viele Berichte über Brustvergrößerungen, aber kaum Informationen über Ex- plantationen. Dabei sind viele Frauen mit der Entscheidung, die sie vor Jahren getroffen haben, nicht mehr glücklich.“ Christina B. verurteilt niemanden, der etwas an sich verändern möchte, will aber dazu auffordern, sich über die Risiken einer solchen Operation genau zu informieren. „Heute weiß man mehr über Komplikationen als noch vor ein paar Jahren. Und das Wichtigste: Liebt euch selbst, so wie ihr seid!“


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 03/2020