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CORONAVIRUS SPEZIAL

Die Welt steht still

Die Corona-Krise kann auch eine Chance sein:

Für mehr Zusammenhalt und Menschlichkeit.

Für die Umwelt und für uns.

Wir halten Abstand – und rücken gleichzeitig näher zusammen. Wir tanzen gemeinsam. Wir singen aus Fenstern und von Balkonen. Wir stellen Lebensmittel vor die Haustür und helfen den älteren und schwächeren Menschen in unserer Gesellschaft. Ist COVID-19 eine Chance, um unseren Blick auf das Leben zu ändern?


Es ist leer auf den Straßen und an öffentlichen Plätzen. Das Leben findet vorwiegend in den eigenen vier Wänden statt. Kein Shoppen, keine Veranstaltungen und kein unbeschwerter Abend unter Freun- den sind seit dem Ausbruch des Coronavirus mehr möglich. Es ist eine Krise, die das ganze Land be- herrscht. Doch Krise bedeutet immer auch Veränderung: „Wenn vieles plötzlich nicht mehr so ist, wie wir es gewohnt sind, birgt das – neben Gefühlen wie Angst und Unsicherheit – immer auch eine Chan- ce. Eine Chance auf Veränderung von bisherigem Verhalten und eine Neuordnung gelebter Werte“,

sagt Angelika Tober, Klinische- und Gesundheitspsychologin in Pöchlarn.  Eine Krise schafft Ängste und Unsicherheit. Gleichzeitig ist sie aber eine Chance: Sie bewegt uns, umzudenken, anders zu handeln und unsere Komfortzone zu verlassen.


Zukunft ändert die Richtung

Unser neues Leben bietet nun die Chance, das Leben langsamer werden zu lassen. Um Entschleunigung bewusst zu leben und Achtsamkeit ins Leben zu integrieren. Man nimmt bewusster wahr, was im Inneren passiert. Und bemerkt all das Positive, das es rund um uns gibt: Wer einen eigenen Garten hat, schätzt es, trotz Isolation Zeit in der Natur verbringen zu können. Man ist dankbar für das eigene Dach über dem Kopf, denn darunter fühlt man sich sicher. Man fühlt sich geborgen inmitten seiner Familie. Denn ei- nes merkt man vor allem jetzt: Allein sind wir trotz Isolation nicht. Im Gegenteil: Mehr denn je helfen wir zusammen. Wir erleben So- lidarität mit anderen Menschen. Menschlichkeit wird als neuer Wert entdeckt. Auf sozialen Netzwerken werden Gruppen gegrün- det, um kleine regionale Betriebe vor den Vorhang zu holen. Wir alle fühlen uns miteinander verbunden – die Krise schafft einen neuen Zusammenhalt unter den Menschen.


Natur atmet auf

Wir sitzen alle plötzlich im selben Boot, sagt Angelika Tober: „Die üblichen Vergleiche fallen weg, wir alle kümmern uns nun um das Nötigste, um gut leben zu können. Vor einigen Wochen war das noch völlig anders: Reisen zählten ebenso zum Alltag wie allerlei Luxusartikel. Die Krise führt dazu, dass Menschen ihre bisherigen Ansprüche und den Umgang mit Konsum hinterfragen.“ Die un- mittelbaren Auswirkungen unseres neuen Lebens bemerken wir auch in der Natur: Die Emissionen über China gingen in nur vier Wochen um 25 Prozent zurück. Mittlerweile sinkt auch die Stickstoffbelastung in Europa – speziell über Italien. In Triest und Cagliari tauchen wieder Delfine in den Hafenbecken auf. Und in Venedig schwimmen statt Gondeln nun Schwäne und Fischschwärme in den Kanälen.

Jede Krise hat auch ein Ende. Doch bleibt all das bestehen, was wir jetzt an Veränderung erleben? „Ich weiß es nicht. Es ist ein massiver Einschnitt und wird noch eine Entwicklung mit sich ziehen. Es ist eine Chance – es liegt an uns, was wir daraus machen“, sagt Angelika Tober. Der Zukunftsforscher Matthias Horx ist überzeugt davon, dass wir nun einen historischen Moment erleben, der die Zukunft verändern wird: dass durch soziale Verzichte das viele Rennen, Reden und Austauschen auf Multikanälen zu einem Halt kommt und wir wieder lernen, richtig zu kommunizieren. Er prophezeit, dass humane Fragen wieder mehr an Bedeutung ge- winnen und dass wir gleichzeitig erfahren werden, dass nicht so sehr die Technik, sondern viel mehr die Veränderung sozialer Ver- haltensformen einen Unterschied macht. Dass sich das Arbeiten von zuhause und das Lernen via Internet als praktikabel und pro- duktiv herausstellen könnten. Dass Menschen wieder zur Ruhe kommen und einsame Spaziergänge im Wald oder das Lesen eines guten Buches neu schätzen lernen. Und dass wir uns nicht in einer Apokalypse befinden, sondern inmitten eines Neuanfangs. Nachhaltig etwas verändern können wir, indem wir toleranter werden und uns neue Verhaltensweisen aneignen. Dann bringt die Krise nicht nur Angst und Unsicherheit, sondern eine Chance für jeden von uns.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2020