PSYCOSOMATIK

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Eingebildet krank?

Wie der Körper reagiert, hängt oft mit der Seele zusammen.

Der eine bekommt Hautausschlag, wenn er nervös ist. Die andere muss sich vor Prüfungen im- mer übergeben. Bei manchen tritt die Gastritis dann auf, wenn es besonders stressig ist. Viele werden im Urlaub krank, wenn die berufliche Anspannung nachlässt. Sie haben sicher schon die Erfahrung gemacht, dass sich seelische Probleme auch körperlich bemerkbar machen können. Der Volksmund hat dafür viele Redensarten parat: Ein Problem „liegt mir im Magen“, Liebeskummer „bricht mir das Herz“, bei Ärger „kommt mir die Galle hoch“. Willkommen im breiten Feld der Psychosomatik, die sich mit dem Wechselspiel von Körper (Soma) und Seele (Psyche) beschäftigt. Seelische Belastungen können körperliche Beschwerden hervorrufen, umgekehrt gehen körperliche Krankheiten häufig mit seelischen Belastungen einher.


„DA IST NICHTS“

Kopf- und Rückenschmerzen, Hautprobleme, Schwindel, Tinnitus, Magen-Darm-Beschwerden: Viele körperliche Beschwerden können psychisch bedingt sein – oder zumindest spielen seeli- sche Faktoren eine große Rolle bei der Entstehung. Doch wie weiß man, ob eine psychosomati- sche Erkrankung hinter den Symptomen steckt? Die Diagnose wird anhand der Krankheitsge- schichte (Anamnese) und nach dem Ausschluss körperlicher Ursachen gestellt. Kommen sol- che Untersuchungen zu keinem Ergebnis, hören Patienten oft: „Da ist nichts.“ Und so haben viele Menschen eine Ärzte-Odyssee hinter sich. Aber: „Auch wenn keine organischen Ursa- chen gefunden werden, handelt es sich bei psychosomatischen Beschwerden keineswegs um eingebildete Krankheiten“, sagt Mag. Maria Meier, Klinische Psychologin und Psychotherapeu- tin an der Abteilung für Innere Medizin im Landesklinikum Baden.


BIOLOGISCH, PSYCHISCH & SOZIAL

Beruflicher Stress, private oder finanzielle Probleme, innere Konflikte oder Überforderung ver- ursachen eine seelische Anspannung, die vielfältig auf den Körper wirkt. Sie belasten zum Bei- spiel den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Organe, sie stören den Schlaf und führen zu einer Verkrampfung der Muskulatur, weiß Maria Meier: „Alles, was ein Mensch erlebt, beein- flusst seinen Organismus und verändert ihn biologisch, psychisch und sozial. Jedes Gefühl drückt sich auch immer im Körper aus, daher kann man körperliche und seelische Beschwer- den nicht trennen.“ Eine Gastritis etwa kann einen biologischen Faktor haben, weil das Bakteri- um Helicobacter pylori die Magenschleimhaut besiedelt. Dass manche Menschen deswegen eine Entzündung entwickeln, kann jedoch mit Stress zusammenhängen. Auch die Genetik spielt eine Rolle.

Manche psychosomatischen Beschwerden benötigen nicht unbedingt eine langfristige Be- handlung. Sie können vom Haus- oder Facharzt betreut werden. Hinter unklaren Rücken- schmerzen stecken eher Stress und Bewegungsmangel als ein Bandscheibenvorfall. Schwin- del kann durch bevorstehende Entscheidungen ausgelöst werden. Magen-Darm-Störungen basieren oft auf „nicht verdauten“ Konflikten. Der Austausch in Selbsthilfegruppen kann helfen, Ängste zu nehmen. Auch Sport, Hobbys und gute Beziehungen aktivieren Kräfte, Entspan- nungstechniken sind ebenfalls oft hilfreich. In Kliniken und Rehabilitationszentren setzt man auf

eine Bündelung dieser Aspekte.


BEHANDLUNG

Psychologin Meier beschäftigt sich im Landesklinikum Baden an der Station für integrierte Psychosomatik mit körperlichen Beschwerden ohne ausreichenden organmedizinischen Befund. Auch lange bestehende oder immer wiederkehrende Er- krankungen, Krisen und Verstimmungen, die mit körperlichen Beschwerden einhergehen, Erschöpfung und Überlastung im

Sinne eines Burnout-Syndroms und psychische Beeinträchti- gung durch körperliche Erkran- kungen stehen im Fokus ihrer Arbeit. Patientinnen und Patien- ten werden hier nach dem bio- psycho-sozialen Modell be- trachtet: „Man kann medizi- nisch lange behandeln, wenn man die anderen Faktoren nicht miteinbezieht.“ Die Station für integrierte Psychosomatik ver- folgt hingegen einen ganzheitli- chen Ansatz, sieht den ganzen Menschen mit seiner bestimm- ten Geschichte und seinen Um-

ständen. Beim etwa zweiwöchigen Aufenthalt an der Station lernen die Patientinnen und Pa- tienten: Wo kann ich ansetzen, damit ich eine Veränderung erreiche? Muss ich mehr auf mich schauen? Muss ich lernen, nein zu sagen? Wenn ich das schaffe, braucht mein Körper nicht zu reagieren.

Ein Mix verschiedenster Therapien kommt zum Einsatz, viele Berufsgruppen arbeiten zu- sammen: Medizin, Gesundheits- und Krankenpflege, Psychotherapie, Psychologie, Physio- und Ergotherapie, Diätologie und Sozialarbeit. Die Behandlung wirkt: Von allen 2019 statio- när aufgenommenen Personen nahmen 184 an einer internen Studie teil. Das Ergebnis: Nach dem Aufenthalt haben sich die Beschwerden signifikant verbessert, insbesondere die somatischen Beschwerden, aber auch Symptome aus den Bereichen Angst und Depressi- on nahmen stark ab.


HILFERUFE DER SEELE

Kann jede psychosomatische Erkrankung geheilt werden? „Bei chronifizierten Erkrankungen oder chronischen Schmerzen können wir keine Heilung versprechen. Aber wir leiten an, wie man besser damit umgeht“, sagt die Psychologin. Man solle sich nicht scheuen, frühzeitig zum Arzt zu gehen, damit man die Beschwerden bereits präventiv behandeln kann und nichts chronifiziert. Worüber sie sich freut, ist, dass man sich schön langsam vom Vorurteil löst: „Das ist eh nur psychisch.“ Der Psychosomatik wird immer mehr Aufmerksamkeit ge- schenkt. Denn ein psychosomatisches Leiden ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hilferuf der Seele – und es gibt Menschen, die bei der

Bewältigung helfen können.


Karin Schrammel

erschienen in GESUND & LEBEN 10/2020