SCHÖNHEIT

FotoS: istockphoto/ dima sidelnikov, nadine vavra

Wenn Essen Kopfweh macht

Die Ursachen von Migräne sind bis heute nicht vollständig geklärt. Bestimmte Lebensmittel stehen aber im Verdacht,  Attack- en auszulösen.

Pochende, pulsierende, meist einseitig auftretende Kopfschmerzen, begleitet von Übelkeit und einer starken Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Knapp elf Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden regelmäßig unter Migräne. Die Frage, was Betroffene neben der ärztlich abgestimmten Medikamenten- therapie noch tun können, um ihre Migräneattacken in den Griff zu bekommen, nimmt in der Therapie ei- nen großen Stellenwert ein. So wird zum Beispiel das Thema der Ernährung im Rahmen der Migränebe- handlung immer wichtiger. Seit langem ist bekannt, dass sich Migräneattacken bereits Stunden oder gar Tage zuvor mit einer Heißhungerattacke auf Süßes ankündigen können. „Oft ist auch zu beobachten, dass Patienten bereits mit Schmerzen am Morgen erwachen. Einer der Gründe dafür ist, dass wir nachts fasten und die Energiereserven im Nervensystem frühmorgens am Tiefpunkt sind“, erklärt die Neurologin und Kopfschmerzexpertin Dr. Nadine Vavra.


Migränegehirn braucht Energie

Genau diese Energiereserven im Nervensystem stehen im Fokus, wenn man den Zusammenhang zwi- schen Ernährung und Migräne erklären will. „Das Gehirn von Migränepatientinnen und -patienten re- agiert stärker auf Reize und verbraucht dadurch mehr Energie“, erklärt Vavra. „Alle Maßnahmen, die den Energiestoffwechsel stabilisieren, sind daher in der Behandlung wesentlich. Eine ausgewogene Ernäh- rung ist immer zu empfehlen, bei Migräne aber besonders lohnenswert.“ Diäten und Fastenkuren, sagt die Expertin, sollten von Betroffenen vermieden werden – „denn dabei bekommt das Gehirn zu wenig Nährstoffe zur Verfügung gestellt, wodurch es zu einer mangelnden Energieversorgung und vermehrten

Migräneattacken kommen kann.“ Spezielle Migräne-Diäten gibt es keine, betont Vavra: „Migräne ist kei- ne Nahrungsmittelallergie, die durch eine bestimmte Diät ‚geheilt’ werden kann.“

Komplexe Kohlenhydrate, wie sie in Vollkornprodukten, Haferflocken, Erdäpfeln und Gemüse zu finden sind, sind für Migränepatienten jedoch sehr wichtig. „Minderwertige Kohlenhydrate wie Süßwaren, Weißmehlprodukte oder Limonaden sollten allerdings reduziert werden.“


Kopfschmerz-Tagebuch

Trotzdem berichten viele Migräne-Betroffene von sogenannten „Trigger-Lebensmitteln“, also von Spei- sen und Getränken, nach deren Genuss nicht selten eine heftige Kopfschmerzattacke folgt. Solche Be- obachtungen dürfen nicht von der Hand gewiesen werden und sind ernst zu nehmen, meint die Ärztin. Sollten sich dabei bestimmte Nahrungsmittel eindeutig als persönliche Migräneauslöser herausstellen, kann sich eine Ernährungsumstellung lohnen. Ein striktes Vermeiden von allen möglichen Lebensmit- teln, die mögliche Auslöser sein könnten, hält Vavra jedoch nicht für zielführend, im Gegenteil: „Es gibt nicht den einen Trigger für Migräneattacken, es handelt sich meist um ein Zusammenspiel von mehre- ren Störfaktoren. Eine ‚Weglass-Diät’ führt also vordergründig zu Stress, der dann in weiterer Folge viel eher zu vermehrten Migräneattacken beiträgt, als das bestimmte Nahrungsmittel selbst.“ Um die

persönlichen und individuellen Triggerfaktoren zu bestimmen, raten viele Experten zu einem Kopf- schmerz-Tagebuch, in dem die Ernährungsgewohnheiten und das Auftreten von Migräneanfällen ge- nau festgehalten werden. Hier sollte man allerdings bedenken, dass zwischen der Aufnahme eines Nahrungsmittels und einer Attacke meist mehrere Stunden liegen, mitunter auch ein ganzer Tag.


Histamin & Tyramin

Einige Speisen und Getränke werden von Migräne-Betroffenen besonders häufig als Triggerfaktoren genannt: Die Nahrungsstoffe Histamin und Tyramin beispielsweise können in hoher Konzentration zu einer Störung der Gefäßregulation im zentralen Nervensystem führen. Die Stoffe sind unter anderem in Rotwein, Sekt, Bier, gereiftem Käse, Dauerwurst, geräuchertem Fleisch, Sauerkraut, Zitrus- und Tro- ckenfrüchten, Bananen und Schokolade enthalten. Bei der unkontrollierten Lust auf Schokolade sollte aber stets mitbedacht werden, dass es sich hierbei um einen Vorboten einer sich anbahnenden Migrä- neattacke handeln kann, womit der Heißhunger auf Süßes bereits Teil des Anfalls selbst ist. „Das Ge- hirn versucht damit, noch die Notbremse zu ziehen und die Energiespeicher aufzufüllen“, sagt Vavra. „Hilfreich kann sein, anstatt Schokolade beispielsweise eine Scheibe Vollkornbrot mit Honig zu essen, um die Attacke abzumildern oder in Einzelfällen vielleicht ganz abzufangen.“


Glutamat, Pökelsalze & Koffein

Auch der Geschmacksverstärker Glutamat, der unter anderem in asiatischen Gerichten, Fertiggerich- ten, Chips, und Salatdressings

enthalten ist, wird von vielen Betroffenen häufig als vermuteter Auslöser ihrer Kopfschmerzattacken ge- nannt. Das Gleiche gilt für Konservierungsstoffe, allen voran Nitrate (sogenannte „Pökelsalze“) sowie Eiscreme, die zu schnell und in zu großen Mengen gegessen wird. Koffein wiederum kann sowohl ei- nen positiven als auch negativen Einfluss auf Migräneattacken haben: „Koffein kann zu einer kurzfristi- gen Aktivierung von Energiereserven im Gehirn beitragen“, erläutert Vavra. „Ein Espresso mit zwei Löf- feln Zucker und dazu einem Glas Wasser kann helfen, Migräneschmerzen zu lindern beziehungsweise vorzubeugen. Auf den oft empfohlenen zusätzlichen Zitronensaft kann man verzichten, da diese Kom- bination entsetzlich schmeckt und keinen Nutzen bringt.“ Der plötzliche Entzug von Koffein kann hinge- gen auch Migräneanfälle auslösen. Prinzipiell rät Vavra dazu, ausreichend Wasser zu trinken. Mindes- tens zwei Liter täglich, am besten natürliches Mineralwasser oder ungesüßten Kräutertee.


Regelmäßigkeit

„Ausschlaggebend ist nicht nur, was die Betroffenen essen, sondern vielmehr, wie häufig und regelmä- ßig sie das tun“, fasst Vavra zusammen. „Ein konstant gehaltener Blutzuckerspiegel ohne große Schwankungen im Tagesverlauf kann die Häufigkeit von Migräneanfällen reduzieren und ihnen teilwei- se sogar vorbeugen.“ Daher die Empfehlung der Expertin: „Keine Mahlzeiten auslassen und nicht ohne Frühstück aus dem Haus gehen!“ Abseits der Ernährung ist ein ausbalancierter Lebensstil mit einem geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus und bewussten Auszeiten hilfreich, um das Gewitter im Kopf mög- lichst schnell vorbeiziehen zu lassen.


Stefan Stratmann

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2020