DIALYSE

Peritonealdialyse- Koordinatorin DGKP Michaela Mittelstrasser mit dem Gerät, das man für die Dialyse zu Hause braucht, wenn man sie nachts durchführen lassen will.

(v.l.) PD-Koordinatorin DGKP Michaela Mittelstrasser, DGKP Karin Pokorny, Prim. Assoc. Prof. Dr. Martin Wiesholzer, SL DGKP Michaela Lauda-Kobalter, DGKP Angelika Pieber, DGKP Eva Strakova, DGKP Karin Gastegger


Primarius Martin Wiesholzer wünscht sich, dass mehr Menschen die Vorteile der Dialyse zu Hause nutzen. Denn mehr als vier Mal am Tag mit derartigen Beuteln die Flüssigkeit im Bauchraum auszutauschen – natürlich nach gründlicher Anleitung und unter strengen Hygieneregeln – ist dafür nicht nötig.

fotoS: philipp monihart

Frei trotz Dialyse

Wer eine Nierenersatz-Therapie braucht, kann seine Dialyse auch zu Hause machen. So können Betroffene ein weitgehend normales Leben führen – trotz schwerer Erkrankung.Das Dialyse-Team im Universitätsklinikum St. Pölten unterstützt dabei.

Unsere Nieren leisten still ihren Dienst – so lange alles in Ordnung ist, bemerken wir diese etwa zehn bis zwölf Zentimeter langen bohnenförmigen Organe zwischen dem Beckenkamm und zwölf- ten Brustwirbel beidseits der Wirbelsäule gar nicht. Sind sie aber geschädigt, wird es lebensbe- drohlich: Ohne die Entgiftung durch die Nieren können wir nicht überleben. Arbeiten die Nieren problemlos, scheiden wir das, was sie aus dem Körper filtern und loswerden wollen, mit dem Harn aus. Doch wenn sie das nicht mehr können, brauchen wir eine Alternative, eine Nierenersatz-The- rapie, um leben zu können.

Es sind unter anderem Schädigungen der Nieren durch Typ-2-Diabetes, die in unseren Breiten eine Nierenersatz-Therapie notwendig machen, sagt Prim. Assoc. Prof. Dr. Martin Wiesholzer, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin 1 im Universitätsklinikum St. Pölten. Für Betroffene gibt es dann drei Möglichkeiten:

-die Hämodialyse oder Blutdialyse

-die Peritonealdialyse (PD) oder Bauchfelldialyse

-wenn man einen Spender findet, die Nierentransplantation


Blutaustausch im Klinikum

Seit 1977 gibt es die Hämodialyse in St. Pölten: Drei Mal pro Woche müssen Betroffene für die Ent- giftung ihres Körpers für vier bis fünf Stunden an ein Dialysegerät angeschlossen werden. Dabei wird ihr Blut abgepumpt, gereinigt und wieder dem Körper zugeführt. „Mit der Anreise brauchen unsere Patientinnen und Patienten dafür sechs bis sieben Stunden, und das drei Mal pro Woche“, weiß Martin Wiesholzer. „Das ist eine riesige Belastung und nur sehr schwer mit einem Berufsleben zu bewältigen.“ Im Dreischicht-Betrieb versorgt seine Abteilung die Betroffenen – so ausgelastet sind die 26 Behandlungsplätze – die letzten Patientinnen und Patienten verlassen das Klinikum ge- gen Mitternacht.

Doch viele seiner Patienten, die im Durchschnitt Anfang 70 sind, sind alt und gebrechlich und müs-

sen mit dem Rettungsdienst hin- und zurückgebracht werden, berichtet Wiesholzer. „Es ist eine ganz schöne Tortur für sie, denn viele sind herzkrank und haben auch noch andere Krankheiten – da ist neben der Anreise auch der Entzug von zwei bis drei Litern Flüs- sigkeit in vier Stunden für den Kreislauf ziemlich belastend.“


Dialyse zu Hause

Doch es gibt eine Alternative, und die soll in Niederösterreich nun deutlich ausgebaut werden: die Bauchfelldialyse. Deren beide Va- rianten bieten sich besonders für zwei Patientengruppen an:

-Für Menschen, die sich durch ihre Krankheit nicht so stark einschränken lassen wollen, wie es die Dialyse im Klinikum erfordert. Sie sind im Schnitt zwischen 50 und 60 Jahre alt und beruflich aktiv; unter ihnen ist auch eine junge Mutter, die so alle familiären Verpflichtungen gut unter einen Hut mit ihrer Krankheit bringen kann.

-Für sehr kranke Menschen. Diese ersparen sich durch die Dialyse zu Hause das Hin- und Herfahren und den vierstündigen Blut- austausch. Und damit auch die Belastungen, die ein Krankenhaus-Aufenthalt sonst mit sich bringt.


Medizinisch seien alle Formen der Dialyse gleichwertig, sagt Wiesholzer. Den größten Vorteil berichtet PD-Koordinatorin DGKP Mi- chaela Mittelstrasser: „Unsere Patientinnen und Patienten kommen nur alle vier bis sechs Wochen ins Klinikum. Der Großteil der Be- troffenen macht zu Hause alles Nötige selbst.“ Das gehe, solange die Betroffenen gut sehen können, nicht an Demenz leiden und die nötige Kraft haben, die Geräte zu bedienen. „Und wenn sie es nicht mehr alleine schaffen, kommt bei Bedarf unser Mobiles Team zu ihnen nach Hause und hilft.“

Und so funktioniert die Bauchfelldialyse: Betroffene haben einen Katheter fix in der Bauchdecke implementiert, durch den eine zu- ckerhaltige Lösung in den Bauchraum gepumpt wird. Die Giftstoffe, die sich im

Körper angesammelt haben, gelangen durch das Bauchfell in die Lösung, die nun in bestimmten Abständen gewechselt wird.

Etwa jede und jeder vierte Betroffene macht diesen Flüssigkeitsaustausch händisch, der vier Mal pro Tag nötig ist: Die Lösung befin- det sich in Beuteln, die man anschließt. Während sie in und aus dem Körper fließt, kann man in Ruhe lesen oder fernsehen.

Alle anderen Betroffenen arbeiten mit einem Gerät, das die Flüssigkeit über Nacht automatisch austauscht: Abends schließt man sich an das Gerät an und kann dann ruhig schlafen, morgens steckt man das Gerät ab und ist nun wieder fit und einsatzfähig für den Tag. Die älteren Menschen in dieser Gruppe brauchen teilweise Assistenz durch das mobile Team oder durch andere Pflegekräfte.

Das Besondere für beide Nutzer-Gruppen: Sie sind nicht örtlich gebunden und können auch auf Urlaub fahren, denn die nötigen Ma- terialien und Geräte lassen sich mitnehmen. Wichtige Voraussetzung: Man muss beim An- und Abschließen steril arbeiten – mit Mundschutz und gründlicher Händehygiene.


BauchfellDialyse-Initiative in NÖ

Seit 1985 bietet die Innere Med 1 in St. Pölten nun die Bauchfell- dialyse an und ist damit Vorreiter in Österreich. „Noch nutzen im Vergleich zu anderen Ländern nur wenige Menschen diese Möglichkeit. In Österreich sind es derzeit acht Prozent; anderswo arbeitet jede und jeder dritte dialysepflichtige Mensch mit dieser Möglichkeit“, zeigt Martin Wiesholzer auf, dass hier noch viel Spielraum für mehr Lebensqualität ist. Durch eine Niederösterre- ich-weite Initiative soll sie nun landesweit vermehrt angeboten werden. In St. Pölten kommen etwa 150 Menschen für die Dial- yse ins Klinikum, 50 nutzen die Möglichkeit zu Hause oder im Pflegeheim. Für alle gibt es regelmäßig umfassende Informa- tionsveranstaltungen, bei denen, wie auch bei der Behandlung, interdisziplinäre Teams referieren.

Wichtiger Partner der Menschen, die die Dialyse zu Hause nutzen, ist das mobile Dialyse-Team rund um Peritonealdialyse- Koordinatorin DGKP Michaela Mittelstrasser. Das Team schult alle Nutzerinnen und Nutzer und ihre Angehörigen und Betreu- ungspersonen und versorgt sie mit allen nötigen Unterlagen. „Wir schulen diese Nutzerinnen und Nutzer drei bis zehn Tage im Klinikum ein, bevor sie zu Hause selbstständig damit arbeiten“, zerstreut Mittelstrasser die Sorgen der Betroffenen, dass die Nutzung kompliziert sei. „Bei unseren Besuchen sehen wir dann sofort, ob alles passt und können auch entsprechend unter- stützen. Die Bauchfelldialyse ist eine wirklich gute Option für un- sere Patientinnen und Patienten!“


Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN 01/2020