KREBS

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DEM FEIND AUF DER SPUR

Kaum eine andere Krankheit schürt so viel Angst wie Krebs. Doch die Forschung arbeitet auf Hochtouren.

Statistiken und Medienberichte zeigen ein beängstigendes Bild: Mehr Menschen denn je scheinen heute an Krebs zu erkranken. Die Krankheit macht keinen Unterschied zwischen Geschlecht, Alter oder Herkunft, könnte de facto jede und jeden treffen. Oder nicht? „Ganz so einfach ist es nicht“, klärt Prim. Assoc. Prof. Dr. Martin Wiesholzer, Leiter der Klinischen Abteilung für Innere Medizin 1 am Universitätsklinikum St. Pölten, auf. „Das Entstehen von Krebserkrankungen ist ein komplexer Vor- gang und lässt sich oftmals nicht an einer einzelnen Ursache festmachen. Im Prinzip ist Krebs auf eine Fehlfunktion bei der Teilung und Vermehrung von Zellen in unserem Körper zurückzuführen: Jede Zelle wächst, teilt sich und stirbt nach einem vorgegebenen Plan, der in ihren Genen verankert ist. Fehler in diesem Plan, ausgelöst etwa durch Genmutationen, lassen Zellen entstehen, die sich uneingeschränkt vermehren und der Kontrolle des Körpers entziehen. Im Prinzip hat unser Körper eine Reihe von Reparaturmechanismen, um diese Fehler zu korrigieren und Krebsvorläuferzellen an der Ausbreitung zu hindern. Versagen diese Mechanismen aus unterschiedlichen Gründen, kann eine Krebserkrankung entstehen.“


VERBESSERTE THERAPIE

Die ersten Aufzeichnungen über Krebs stammen aus dem alten Ägypten: Im Papyrus Edwin Smith, einem medizinischen Text aus dem 16. Jahrhundert vor Christus, wird erwähnt, wie Brusttumore durch einen Feuerbohrer entfernt wurden. Allerdings heißt es darin, dass es keine Behandlung dafür gibt. Im Gegensatz zu damals stehen heute zahlreiche Therapieoptionen zur Behandlung von Krebs zur Verfügung. Das zeigt auch die Statistik: Dank der medizinischen Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten gibt es heute weltweit rund 28 Millionen Krebsüberlebende. „Tatsächlich ist es so, dass jedes Jahr mehr Menschen einem Krebsleiden erliegen. Betrachtet man das Risiko einer einzelnen Person an Krebs zu versterben, so nimmt dieses jedoch seit geraumer Zeit ab“, erklärt Wiesholzer. Wie sich diese Diskrepanz erklären lässt? „Krebserkrankungen treten vorwiegend im Alter auf. Die höhere Lebenserwartung und eine steigende Bevölkerungszahl bewirken somit mehr Todesfälle durch bösartige Erkrankungen. Demgegenüber stehen Verbesserungen im Bereich der Vorsorge, der Diagnostik und in der Therapie.“ In der Diagnostik, so der Experte, ermöglichen neuartige Me- thoden eine rasche, frühzeitige und individuelle Beschreibung jedes einzelnen Tumors und bilden die Grundlage für eine optimal auf den Tumor zugeschnittene Therapie. In interdisziplinären Tumor- boards wird jede Patientin und jeder Patient durch Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen besprochen und das Vorgehen gemeinsam festgelegt. „In der internistischen Krebs- therapie ist seit geraumer Zeit ein Trend festzustellen – weg von der klassischen Chemotherapie, die ungerichtet rasch teilende Krebszellen bekämpft, hin zu Therapien, die speziell auf einen Tumor ge- richtet sind – zum Beispiel Immuntherapien. Kombinationstherapien, bestehend aus chirurgischen Methoden, Strahlentherapie und medikamentöser Therapie, werden koordiniert in festgelegtem zeitli- chem Ablauf verabreicht und verbessern so die Heilungschancen“, erklärt Wiesholzer.


GENE ODER LEBENSFÜHRUNG?

Krebs wird oftmals als eine „Erkrankung der Gene“ bezeichnet. „Die Genetik spielt zweifelsfrei eine entscheidende Rolle bei der Entstehung“, sagt Martin Wiesholzer. So könne eine familiäre Häufung unter anderem bei Brust-, Darm- oder Eierstockkrebs auftreten und auch zu Erkrankungen in jungen Jahren führen. „Ergibt sich der Verdacht einer durch eine vererbbare Mutation begünstigten Krebs- erkrankung, können gezielte genetische Untersuchungen Aufschluss über das Risiko für Familien- mitglieder geben“, erklärt der Mediziner. Er betont, dass diese Untersuchungen nur in ausgewählten Fällen sinnvoll sind: „Ein generelles Screening ist nach heutigem Wissensstand nicht zu empfehlen.“ Die meisten Krebserkrankungen entstehen aufgrund einer Kombination aus vererbbaren und um- weltbedingten Faktoren, einschließlich Rauchen, Alkohol, Fettleibigkeit und ungesunder Ernährung.

Generell seien eine ausgewogene vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung und regelmäßige kör- perliche Bewegung wichtige Faktoren in der Krebsvermeidung. OÄ Dr. Verena Felsleitner-Hauer von der Abteilung für Innere Medizin, Hämatologie und internistische Onkologie am LK Wiener Neustadt betont auch die Rolle der Hormone bei der Entstehung von Brustkrebs: „Schwangerschaften und Stillen über einen längeren Zeitraum wirken sich protektiv aus, wohingegen eine Hormonersatzthera- pie über mehr als fünf Jahre oder auch ein frühes Einsetzen der Regelblutung und eine späte Meno- pause einen Risikofaktor darstellt.“


KAMPF GEGEN VIREN

Das Vorbeugen von Krebs durch Impfungen ist ein neues, dennoch vielversprechendes Konzept. Laut Weltgesundheitsorganisation werden 16 Prozent aller Krebsfälle von Infektionen ausgelöst, dar- unter Hepatitis B und C, das Bakterium Helicobacter pylori, das nicht nur zu Magenschleimhautent- zündungen führen, sondern auch Magenkrebs begünstigen kann, das Epstein-Barr-Virus, das in sel- tenen Fällen Lymphome verursachen kann, sowie die humanen Papillomaviren (HPV). Seit 2006 gibt es eine Impfung gegen HPV, die mittlerweile fix in den österreichischen Impfplan aufgenommen wur- de. Diese gilt als eine der ersten Impfungen gegen Krebs und ist ein unerlässlicher Baustein im Kampf gegen die Krankheit, denn HP-Viren sind für 99 Prozent aller Tumore am Gebärmutterhals verantwortlich, können aber auch bösartige Gewebeveränderungen an Vagina, Penis, After oder im Mund-Rachen-Bereich auslösen. Durch die HPV-Impfung, die für alle Mädchen und Buben ab dem vollendeten neunten Lebensjahr empfohlen wird, können diese Krebsarten weitestgehend verhindert werden. Daneben gibt es noch eine weitere Schutzimpfung, die Krebs verhindern kann, nämlich jene gegen Hepatitis B: Die Infektion gilt als einer der häufigsten Auslöser von Leberkrebs. Die Imp- fung ist im kostenfreien Kinderimpfprogramm enthalten und wird im Säuglings- beziehungsweise Kleinkindalter verabreicht.

Darüber hinaus wird derzeit an neuen Behandlungsmethoden geforscht, die auf dem Prinzip von Impfungen basieren und bei bereits erkrankten Patientinnen und Patienten zum Einsatz kommen sol- len. Ziel ist es, Erkennungsstrukturen von Tumoren zu identifizieren und Bruchstücke davon dem Pa- tienten zu injizieren – in der Hoffnung, dass die körpereigene Abwehr dazu veranlasst wird, Tumor- zellen zu vernichten.

„Trotz aller Fortschritte in Forschung und Therapie ist es wichtig, nicht auf die empfohlenen Vorsor- geuntersuchungen zu vergessen. Diese haben sich besonders bei Darm-, Brust-, Gebärmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs bewährt“, erinnert Wiesholzer. Welche Untersuchung ab welchem Lebens- alter und in welchem zeitlichen Ablauf sinnvoll ist, sollte man mit der Hausärztin oder dem Hausarzt absprechen.


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 10/2020