streitkultur

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Wie man einen Geschirrspüler

richtig einräumt

In einer Beziehung geht es nicht darum, Streit völlig zu vermeiden. Sondern so zu streiten, dass der andere nicht herabgewürdigt wird und beide das Gefühl haben, mit ihren Bedürfnissen gesehen zu sein.

Müslischalen oben, Teller unten, Besteck in den dafür vorgesehenen Korb und die scharfen Messer – ganz wichtig! – auf keinen Fall in den Geschirrspüler. Logisch, oder? Denkt jedenfalls sie. Er hingegen räumt die Müslischalen unten ein. Platz für die Teller bleibt somit wenig. Und die Messer? Um Himmels willen! Die scharfen Messer steckt er neben Gabeln und Löffeln in den Be- steckkorb. Dabei weiß er doch, dass Messer im Geschirrspüler stumpf werden! Oder: Zwiebel schneiden. Eine Zwiebel halbiert man zuerst längs, entfernt dann den Strunk und schneidet sie anschließend ganz fein. Sagt er. Und sie? Macht es ganz anders. Halbiert quer. Schneidet viel zu grob. Über die Frage, wie man den Geschirrspüler richtig einräumt oder eine Zwiebel am besten

schneidet, können sich Paare so richtig in die Haare kriegen. Über das abendliche Fernsehpro- gramm oder die richtige Aufsteckrichtung der Klopapierrolle auch. Es sind die Kleinigkeiten, die in Beziehungen oft für hitzige Wortgefechte sorgen. Nur: Sind diese Kleinigkeiten tatsächlich so klein? Hinter ihnen verbirgt sich oft ein tieferliegender Konflikt, auch wenn sich Paare dessen nicht bewusst sind.


Wer hat die Führung?

Dass es bei Konflikten wie diesen oft um viel mehr geht als um das Augenscheinliche, erklärt die Psychotherapeutin Brigitte

Moshammer-Peter: „Häufig steckt hinter solchen Auseinanderset- zungen ein Machtkampf. Da geht es darum, wer die Führung hat. Bewusst ist das den Paaren allerdings meistens nicht.“ Hat sich so ein Machtkampf einmal verfestigt, sei es schwierig, einen Kon- flikt für beide zufriedenstellend zu lösen. Über den eigenen Schatten zu springen helfe, die Fronten aufzuweichen.

Es sei faszinierend, was passiert, wenn einer der Partner von sei- nem Standpunkt abrückt, sagt Moshammer-Peter und veran- schaulicht das am Beispiel gestrandeter Socken mitten im Wohn- zimmer. „Wenn der, der sich über die Socken ärgert, sich einmal nicht beschwert, sondern diese ohne viel Aufsehen aufhebt, kann das beim anderen etwas auslösen. Dem fällt das nämlich auch auf und er denkt vielleicht das nächste Mal selber daran, seine Socken wegzuräumen.“


Respektvoll, nicht beleidigend

Streit in Paarbeziehungen dreht sich aber bei Weitem nicht immer um die Machtfrage. „Am Anfang einer Beziehung geht es beim Streiten oft darum, einen Beziehungsvertrag auszuhandeln. Dar- um, wie man die Beziehung gestalten will.“ Häufige Konfliktthe- men dabei: Wohin geht’s auf Urlaub? Wie feiern wir Weihnachten? Darüber hinaus erfülle Streit oft die Funktion des Blitzableiters.

„Stress in der Arbeit wird dann beim Partner ausgelassen, also bei dem Menschen, der mir am nächsten steht und von dem ich annehme, dass er mich deswegen nicht gleich verlässt“, sagt Moshammer-Peter.

Nicht in jeder Beziehung werde gestritten. In ihrer Praxis begegnet Brigitte Moshammer-Peter auch Paaren, die nie streiten. Was aber nicht bedeute, dass sie immer einer Meinung sind. „Sol-

che Paare haben Wege gefunden, mit ihren Meinungs- verschiedenheiten anders umzugehen. Wichtig ist nur, dass Konflikte nicht unter den Teppich gekehrt werden.“ Umgekehrt sei eine Partnerschaft nicht automatisch schlecht, weil das Paar viele und lautstarke Auseinan- dersetzungen hat. Ob laut oder leise: Partnerinnen und Partner sollten stets respektvoll und wertschätzend mit- einander umgehen. Den eigenen Ärger könne man arti- kulieren, auch ohne den anderen zu beleidigen. Zum Beispiel so: ‚Es ärgert mich, wenn du die scharfen Mes- ser in den Geschirrspüler räumst. Bitte mach das nicht!‘


Pizza oder chinesisch?

Für Brigitte Moshammer-Peter beinhaltet eine gute Kon- fliktkultur die Fähigkeit, etwas miteinander auszuhan- deln. „Chinesisch oder italienisch essen gehen? Bei der Frage gibt es keinen Kompromiss. Da sagt vielleicht ei- ner: Ich hab Lust auf Pizza! Gehen wir zum Italiener, ich verspreche dir, dass wir nächste Woche chinesisch es- sen.“ Wenn sich der Partner in seinem Bedürfnis gese- hen fühlt, sei er eher bereit, nachzugeben. Weil er weiß, dass er beim nächsten Mal auf seine Kosten kommt. „Wichtig ist, dass es ausgeglichen ist, und nicht nur im- mer einer zurücksteckt.“

Gehen die Emotionen hoch, kann es schon mal zu ver- balen Entgleisungen kommen. „Wenn jemand verletzt wird, muss diese Verletzung zuerst einmal gesehen und anerkannt werden“, sagt Moshammer-Peter. Dann brau- che es einen Ausgleich. „Das Maß der Wiedergutma-

chung bestimmt die Person, die gekränkt wurde.“ Beim stumpfgewordenen Messer im Geschirrspüler kann das ein neues Messer sein.

Eine beleidigende Bemerkung über die Figur der Partnerin, die ohnehin schon lange mit ihrem Gewicht kämpft, wird vielleicht nie wiedergutzumachen sein. Wie schnell sich ein Paar nach einem Streit körperlich wieder nahe kommt, sei individuell. „Versöhnungs- sex ist Geschmackssache. Manche Paare müssen zuerst wieder Vertrauen zueinander fassen, bei anderen ist es umgekehrt: Da wird über die Sexualität Nähe ausgedrückt.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2021