PORTRÄT

Wenn Leid zu Stärke wird

Michaela Fried ist Kinderpsychiaterin mit Leib und Seele.

In Gaza hilft Michaela Fried Familien dabei, aus der Ge- waltspirale zu entkommen.





Die Kinderpsychiaterin und Kinderärztin Dr. Michaela Fried ist seit 2015 ein paar Mal im Jahr im Einsatz in Gaza. Das Ziel der Seitenstettnerin: die Gewalt aus den traumatisierten Familien zu bringen.

FotoS: Daniela Rittmannsberger , privat

40 Grad im Schatten. Eine knappe halbe Stunde lang marschiert Michaela Fried durch einen „Schlauch“ aus Beton und Gittern. Über Lautsprecher immer wieder Anweisungen: „Gehe in der Mitte! Schaue geradeaus!“ Dann ist es geschafft – die Kinderärztin und Kinderpsychiaterin hat Erez Crossing überquert, den Grenzübergang von Israel nach Gaza. Und sieht 2015 das erste Mal Gaza vor sich.


Schwerer Start

Noch bevor Michaela Fried das Zimmer für das Interview betritt, hört man ihr unverkennbares Lachen. Zur weißen Hose trägt die Seitenstettnerin einen schwarzen Mantel, das graue Haar ist kurz geschnitten. Sie sei „bekennender Nikotinist“, sagt die 55-Jährige, zündet sich eine Zigarette an und feuert das Nachbarskind beim Fußballspielen an. Und erinnert sich zurück an ihren eigenen Start ins Leben, der sehr holprig verläuft: 1963 kommt Michaela Fried viel zu früh auf die Welt. Die Ärzte erklären ihren Eltern, dass sie nicht lebensfähig sei. Im Krankenhaus in Vöcklabruck kämpfen die

Krankenpflegerinnen um ihr Leben. Die Maßnahmen für frühgeborene Babys damals: Wärmebettchen mit Ziegelsteinen. Sie war ein entwicklungsverzögertes Kind. Ihre Mutter kämpft dafür, dass sie essen, gehen und schließlich lesen lernt. Nicht gera- de einfach, denn Michaela Fried sieht bis zu ihrem sechsten Lebensjahr nur 30 Prozent. Sie hat damals den Ruf, behindert zu sein. Und das, erinnert sich die Ärztin zurück, spürte sie auch.


„Ich will hinschauen“

Das Gefühl der Minderwertigkeit begleitet Michaela Fried und lässt sie zu einem „schlimmen Kind“ werden. In der Schule ver- sucht sie aufzufallen und sich so Aufmerksamkeit zu holen. Ein Schlüsselmoment in ihrem Leben ist, als sie nach mehreren Au- genoperationen sehen kann und nun anfängt, Bücher zu verschlingen. Und für sich selbst eines versteht: „Ich will sehen und genau hinschauen.“

Jahre später studiert Michaela Fried Medizin in Wien, Innsbruck und in Pennsylvania an der Thomas-Jefferson-University. Die lebensfrohe Frau möchte Pathologin werden. Das Fach fasziniert sie – und hat einen Vorteil: Sie muss nicht mit lebenden Men- schen arbeiten. Denn das traut sie sich damals noch nicht zu. Nach dem Tod ihres Lehrers und Mentors überdenkt Fried ihren Weg und beschließt: „Ich gehöre ins Krankenhaus.“ Ihr Wunsch, in die Hospizmedizin einzusteigen, führt sie nach London zu Cicely Saunders, der Begründerin der Palliative Care. Von ihr lernt Michaela Fried, Menschen in der Endphase ihres Lebens zu begleiten. Dieser „Schritt zu den Lebenden“ bringt sie zu ihrer nächsten Station, dem Turnus im Landesklinikum Mistelbach- Gänserndorf.


Kinderpsychiaterin

Dort arbeitet Michaela Fried auch auf der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde. „Die Kleinen berühren mich“, bemerkt die Ärztin, und beschließt: Ich werde Kinderärztin. Kurz darauf beginnt sie die Facharzt-Ausbildung. Bei einer Ultraschall-Unter- suchung erlebt Michaela Fried einen prägenden Moment: „Während ich im abgedunkelten Raum mit dem Schallkopf am Bauch eines Mädchens herumfahre, erzählt es mir von sexuellem Missbrauch. Zu einer Zeit, in der kaum darüber gesprochen wurde.“ Die Ärztin reagiert intuitiv richtig: Sie schaltet das Licht an, gibt dem Mädchen einen Keks und sagt: „Ich hör dir jetzt einfach mal zu und was du mir erzählst, das bleibt unter uns.“ Innerlich habe sie sich gefürchtet, erinnert sich die Ärztin. Nach diesem Erlebnis weiß Michaela Fried genau, was sie künftig machen möchte: „Es gibt genug Ärzte, die Lungenentzündungen und Kin- derkrankheiten behandeln. Aber vor den grausigen Dingen in der Seele schauen wir weg. Und das will ich nicht.“ Michaela Fried gehört daraufhin zur ersten Generation der in Niederösterreich ausgebildeten Fachärzte für Kinderpsychiatrie. Ihre Aus- bildung absolviert sie im Landesklinikum Mauer. Diesen Entschluss habe sie auch aus ihrem eigenen Leid und dem Gefühl der Minderwertigkeit heraus getroffen. Ihre Eltern haben ihr erzählt, dass sie sich immer schon für Schwächere interessiert hat, er- zählt Fried.


Zitternde Wände

Ihr Interesse an Israel entsteht, als Michaela Fried herausfindet, dass ihr Wiener „Opapa“ eigentlich Jude ist. Die letzten sechs Monate seines Lebens spricht sie mit ihm über sein Judentum. Jahre später reist sie nach Israel, um sich das Prinzip der „neu- en Autorität“, des gewaltlosen Widerstandes, anzueignen. Sie erlebt das Land, wie es wirklich ist. Und lernt in ihrer Ausbildung viel über sich selbst: „Ich kenne Gewalt und habe sie am eigenen Körper erlebt. Ich war als Kind sehr aggressiv und tempera- mentvoll, ich habe aus meiner Haut nicht herausgekonnt.“ Sie lernt, dass man Menschen auch fixieren kann, ohne Gewalt anzuwenden.

Jahre zuvor war Michaela Fried bereits einmal im Ausland als Ärztin tätig – im Kosovo. Zum 50. Geburtstag „schenkte“ sie sich einen Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ im Südsudan. Als sie einem israelischen Freund davon erzählt, meint er: Dein nächster Einsatz wird Gaza sein. Über diesen Freund lernt sie einen klinischen Psychologen in Gaza kennen, der dringend Hilfe benö- tigt. 2015 reist Michaela Fried mit Hilfe der WHO nach Gaza ein. Dort sieht sie zum ersten Mal das volle Ausmaß der Zerstö- rung. Fried will wissen, wie es den Menschen geht und lebt bei der Familie des Psychologen. Dort duscht sie mit der Taschen- lampe in der Hand, weil es keinen Strom und damit kein Licht mehr gibt. Kakerlaken wandern in ihrem Bett umher. Und wenn nachts in der Nähe ein Bombenangriff stattfindet, erzittern die Wände des Zimmers.


Ausweg aus Gewaltspirale

Michaela Fried ist auf Bitte des Psychologen nach Gaza gekommen, um den Menschen gewaltlosen Widerstand beizubringen. Denn Traumatherapie in einem Land, in dem die Menschen dem tagtäglichen Trauma nicht entfliehen können, sei zwecklos, er- klärt die erfahrene Ärztin. Hoffnungslosigkeit gepaart mit Hunger und Arbeitslosigkeit lässt die Menschen in Gaza gewalttätig werden: Der Mann schlägt seine Ehefrau aus Frust, weil er seine Familie nicht mehr ernähren kann, erzählt Fried. Die Frau wie- derum lässt ihren Ärger am Kind aus und das schlägt andere Kinder in der Schule. Michaela Fried kommt immer wieder nach Gaza und bildet Trainerinnen und Trainer nach dem Konzept der „neuen Autorität“ aus. Gemeinsam mit Dolmetschern arbeiten sie mit betroffenen Familien daran, wie sie aus dieser Gewaltspirale aussteigen und wieder selbstkontrolliert handeln können. Sie leitet Eltern an, mit ihren Kindern zu spielen, anstatt stumpf vor sich hinzuschauen. Das fällt den Kindern sofort auf: „Ein Bub sagte zu seiner Mutter: ‚Mama, warum hast du mich heute noch nicht geschlagen?‘ Die Mutter antwortete: ‚Weil ich gese- hen habe, dass es auch anders geht‘“, erzählt Michaela Fried.


Gewalt ist überall

Seit 2015 ist Michaela Fried drei- bis viermal im Jahr in Gaza. Jedes Mal ist es kurz zuvor ungewiss, ob sie überhaupt einreisen darf. Immer, wenn sie in Wien am Flughafen steht, packt sie die Angst. Doch mittlerweile ist es so, dass sie hingehen müsse. Und das hat wieder etwas mit dem Hinschauen zu tun, das sie schon ihr Leben lang begleitet: „Wenn man einmal genau hin- schaut, kann man nicht mehr wegschauen.“ Ihr eigentlicher Held ist ihr Ehemann, sagt Fried: Er bleibt zurück und muss ihre Ängste aushalten.

Neben ihren Einsätzen in Gaza ist Fried Ärztliche Leiterin des heilpädagogischen Zentrums in Rust/Burgenland und stellvertre- tende Leitung des psychosozialen Dienstes. Immer samstags empfängt sie Patienten in ihrer Ordination in Amstetten. Im Ver- gleich zu den Kindern in Gaza gehe es den österreichischen Kindern ähnlich, was Gewalt betrifft: „Die Kinder in Österreich kennen Gewalt auch sehr gut, und Eltern, die sich nicht um sie kümmern. Und in Gaza wie in Österreich gibt es Kinder, die kei- ne Grenzen haben“, weiß die Psychiaterin. Ihre Erlebnisse in Gaza begleiten Michaela Fried auch dann, wenn sie daheim in Seitenstetten ist – aber auf eine positive Art: „Jedes Mal, wenn ich unter der Dusche stehe, bin ich dankbar, dass ich duschen kann. Ich bin dankbar für eine Kühlkette und dass ein Flugzeug am Himmel nicht automatisch ein Angriff ist. In Gaza ist das an- ders, dort ist man ständig mit Gewalt und dem Tod konfrontiert.“ Ihren Mann sieht Michaela Fried, die keine eigenen Kinder hat, selten. Die wenigen Stunden, die sie miteinander verbringen, gehen sie gemeinsam spazieren. In ihrem Schwimmteich oder am Feuerplatz entspannt die Medizinerin. Generell, erzählt sie, lebe sie sehr bewusst. Aus ihrem Einsatz in Gaza ist mittlerweile die international tätige NGO „Bridges for hope and peace“ entstanden. Vor zwei Jahren gründete Michaela Fried gemeinsam mit dem Vorarlberger Martin Fellacher diese Organisation. Mittlerweile hält die Ärztin viele Vorträge über ihre Einsätze. Dabei sam- melt sie Spenden, um weiterhin die Menschen aus der Gewaltspirale zu befreien. Die Erinnerung an ihr eigenes Leid verbindet Michaela Fried mit den Menschen in Gaza. Aus diesem Leid, ist sich die Ärztin aber sicher, kann viel Stärke entstehen.



Daniela Rittmannsberger



Informationen:

Spendenmöglichkeit zum Einsatz in Gaza für „Bridges for hope and peace“: www.b4hp.org

Modell der „neuen Autorität“, des gewaltlosen Widerstandes: www.neueautoritaet.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019