WORK-LIFE-BALANCE

Foto: Istockphoto/ braun s., FotoS:istockphoto/ Tom Merton, istockphoto/ Tom Merton/ Imgorthand, zvg

Endlich in Balance

Job, Familie, Freizeit: Oft ist es gar nicht so leicht, alle Facetten des Lebens unter einen Hut zu bekommen. Wichtig ist, eine gute Balance zwischen Anspannung und Erholung zu schaffen.

Arbeite ich, um zu leben? Oder lebe ich, um zu arbeiten? Weder noch. Der Beruf gehört genauso zum Le- ben wie die Freizeit. Und damit auch die verschiedenen Rollen, die jeder Mensch in seinem Leben ein- nimmt. Die taffe Managerin. Die liebende Mutter. Die hilfsbereite Freundin. Wie aber bringt man all diese Rollen unter einen Hut?


Energie für die Freizeit

Wer Leistung erbringt, der muss sich auch erholen. Klingt simpel, stellt aber viele Menschen auf die Probe. Denn der Beruf nimmt oft eine sehr große Rolle ein: „Der Job ist bei vielen Menschen zu hoch gewichtet. Die Arbeit ist der zentrale Punkt im Leben, alles andere wird umhergruppiert“, sagt Dr. Norman Schmid, Kli- nischer und Gesundheitspsychologe in St. Pölten. Beruf und Leistung, Beziehung, Hobbys, Gesundheit und der Lebenssinn sind jene fünf Bereiche im Leben, die genährt werden wollen. Wer zu viel Energie in die Arbeit steckt, merkt das meist in den Stunden danach: Man ist zu müde, um Freunde zu treffen, zu müde, um sich seinen Hobbys zu widmen – und manchmal gar zu müde, um zu entspannen. Was kurios klingt, erlebt Norman Schmid immer wieder in seiner Praxis. Deshalb sei es zunächst bedeutsam, den Ar- beitstag so zu gestalten, dass nicht die gesamte Energie dabei drauf geht. Wer darauf achtet, gut arbeits- fähig zu bleiben und noch dazu Spaß am Job hat, der hat auch Energie für seine Freizeit. Denn auch mit Vollzeitjob bleibt noch genügend Zeit für Entspannung: „Neben acht Stunden Arbeit und Schlafen bleiben noch acht Stunden Wachzeit übrig. Das ist gar nicht so wenig“, sagt Schmid.


Individuell entspannen

Acht Stunden im Durchschnitt also, die man frei gestalten kann. Wären da nicht andere Aufgaben, wie etwa

der Haushalt. Und hier machen manche weiter wie im Büro – schnell und effizient. Oft aber lohnt es sich abzuwägen, was gera- de wichtiger ist: Muss ich an einem schönen Tag wirklich die Fens- ter putzen oder treffe ich mich lieber mit Freunden? Der

Psychologe empfiehlt letzteres. Wer trotzdem unaufschiebbare Dinge zu erledigen hat, sollte zuvor oder dazwischen regenerie- ren. Vielleicht bei einem Buch oder guter Musik. Da das

individuell ist, sollte man sich fragen: Wo lade ich mich wieder auf?


Wobei entspanne ich?

Wer aber braucht nun eine Work-Life-Balance? Wirklich jeder? Ja, ist der Psychologe überzeugt. Gerade jene Menschen, die in ihrer Arbeit aufgehen und wirklich viel Spaß daran haben, müssen auf einen guten Ausgleich achten, um nicht zum Workaholic zu mutie- ren. Selbstständige oder Menschen in Führungspositionen sind hier besonders gefährdet. Wer hingegen wenig Freude an seinem Job hat, der sollte sich eine andere Stelle suchen. Oder sich in der Freizeit verwirklichen. Das betrifft auch viele, die durch die Corona- Krise in Kurzarbeit sind und plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung haben. Wer unterfordert ist, läuft Gefahr, an Depressionen zu er- kranken. Daher sollte man sich auch in Zeiten wie diesen seinen Hobbys widmen oder das umsetzen, wofür man sonst keine Zeit hat. Generell, sagt der Psychologe, ist der Anspruch an eine be-

deutsame Arbeit gestiegen. War es früher von Bedeutung, einen sicheren und angesehenen Arbeits- platz zu haben, ist in den letzten Jahren vor allem ein erfüllender Beruf erstrebenswert geworden.


Jeder für sich

Wie die persönliche Work-Life-Balance aussieht, hängt natürlich auch stark davon ab, in welcher Fami- lienkonstellation man lebt. Singles fehlt oft eine Beziehung; sie haben das Bedürfnis nach mehr Sozial- kontakten. Diese gut zu gestalten, ist wichtig – aber nicht nur, sagt Schmid: „Man sollte das Leben für sich allein genießen und nutzen. Aus der Not eine Tugend machen und die Vorteile des Singlelebens ausnutzen.“ Der Tipp des Experten: Auch wenn es an einem nagt, dass man sein Leben alleine ver- bringt, sollte man einen anderen Blickwinkel einnehmen und sich vor Augen führen, was alles an der momentanen Situation gut ist. Anders gestaltet sich die Work-Life-Balance, wenn man ein Elternteil ist. Denn nach dem Job ist es längst noch nicht getan: Die Kinder spielen dann die Hauptrolle. Trotz der Verantwortung sollte man Zeit für sich selbst finden, betont der Psychologe.

Das gelinge am besten, wenn man sich aufteilt: So kümmert sich der Papa um die Kinder, während sich die Mama etwas Zeit für sich selbst nimmt. Danach wird getauscht. So tanken beide Elternteile Energie fürs Familienleben auf. Die Kinder profitieren auch anders von den Eltern, wenn sie Mama und Papa auch einmal für sich allein haben, sagt Schmid. Hatte dann jeder genug Zeit für sich selbst, steht wie- der das gemeinsame Familienleben auf dem Programm. Gemeinsame Mahlzeiten wie das Abendessen würden sich dafür anbieten. In der Realität isst heutzutage aber oftmals jeder für sich. Kompromisse können dabei helfen, wieder gemeinsam an einem Tisch zusammenzufinden und diese wertvolle Zeit zu nutzen.

Aber auch Eltern wollen nicht immer nur Eltern sein, sondern auch Paar. Hier hilft es, einen verlässli- chen Babysitter zu haben und miteinander zu reden. Denn wird der gemeinsamen Zeit keine Bedeu- tung zugemessen, kriselt es schnell. Regelmäßig miteinander auszugehen – zum Beispiel einmal im Monat zu zweit ins Restaurant oder ins Kino – hilft dabei, sich als Partner nicht aus den Augen zu verlieren.


Zeit für Neues

Die Corona-Krise verlegt viele Arbeitsplätze in die eigenen vier Wände. Homeoffice sorgt dafür, dass Menschen mehr arbeiten als in der Firma, sagt Schmid. Dabei gilt es, das Arbeiten zuhause gut zu strukturieren, sonst vermischen sich

Privat- und Arbeitsleben zu sehr. Und: Auch im Homeoffice sollte man Pausen machen. Das gelingt möglicherweise nicht so gut, wenn keine Kollegen da sind, mit denen man einen Kaffee trinken kann. Denn auf Dauer fehlen im Homeoffice die sozialen Kontakte. Daher ist für

Norman Schmid klar: „Homeoffice ist auf Dauer nicht die Lösung.“

Freizeit steht dann im Vordergrund, wenn man sich seinen wohlverdienten Urlaub nimmt. Zurück im Zu- hause kommt man schnell wieder in den alltäglichen Trott. Dabei braucht es nicht viel, um sich ein ge- wisses Urlaubsfeeling weiter beizubehalten: „Überall gibt es wunderbare Plätze, wo es sich wie im Ur- laub anfühlt. Dort herrscht eine andere Atmosphäre und man sieht etwas anderes. Ein eigener Garten ist super, aber man sollte auch ein bisserl rauskommen. Dafür muss man nicht weit fahren oder gehen“, sagt der Psychologe.

Büro, Erziehung, Haus – Arbeit hat viele Facetten. Viele Facetten hat aber auch das Leben an sich. Man muss sich nicht entscheiden, ob man Karriere machen will oder seine Zeit lieber in Hobbys inves- tiert. Beides sollte in einem guten Gleichgewicht zueinanderstehen. Dann bringt man auch alle Rollen in seinem Leben in Einklang – welche auch immer das sein mögen.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 09/2020