SCHULSTART


Schritt für Schritt sollten Eltern ihre Kinder beim Lernen in die Selbstständigkeit begleiten.

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Schulstart leicht gemacht

Pünktlich zum Schulstart zeigt GESUND & LEBEN, wie Eltern ihre Kinder beim Lernen unterstützen und den Druck re- duzieren können.

Zugegeben, etwas unerwartet ist es schon: Sobald Lerncoach Lisa Weiss Schule und Lernen zum Thema macht, spricht sie auch über Freizeit. Denn die sei immens wichtig. Sie sorge für inneres Gleichgewicht, Zufriedenheit und für mehr Motivation bei allem, was mit Schule zu tun hat. „Es ist nur möglich den Lernall- tag positiv zu gestalten, wenn Kinder wissen, dass sie später auch Freizeit haben“, betont Weiss, die in Wien und Niederösterreich Pädagogen, Eltern und Schüler rund um die Themen Schule und Lernen berät. Mit der Aussicht auf freie Zeit – auf ein Treffen mit dem besten Freund, aufs Fußballtraining oder aufs Spie- len – lernt es sich eben leichter. Und das gelte sowohl für den siebenjährigen Volksschüler als auch für den Jugendlichen, der mit rauchendem Kopf den Lernstoff für die nächste Schularbeit durchackert. „Struktur und Organisation haben deswegen einen hohen Stellenwert“, sagt Weiss. „Hier können Eltern sehr gut un- terstützen, indem sie sich gemeinsam mit ihrem Kind den Lernstoff anschauen, überlegen, was wann ge- macht werden soll und wann Zeit für Pausen ist. Es bringt ja nichts, stundenlang am Schreibtisch zu sitzen, sich aber nicht mehr konzentrieren zu können.“


Aufatmen nach der Schularbeit

Genügend freie Zeit? Gar nicht so einfach, wenn seitenweise Hausübungen zu erledigen sind und Schular- beiten oder Tests anstehen, weiß Magdalena Stumvoll aus Purgstall. Die 13-Jährige besucht die vierte Klas- se des Gymnasiums Wieselburg und schnauft manchmal ganz schön unter der schulischen Last. Den Druck mache sie sich zum Teil selbst, sagt Magdalena: „Aber auch die Lehrer erwarten teilweise zu viel.“ Magdalenas Mutter, Veronika Stumvoll, spürt, wenn eines ihrer Kinder in der Schule gerade stark gefordert wird: „In manchen Phasen merke ich, wie sehr die Kinder angespannt sind und nur die Schule im Kopf ha- ben.“ Mit einem Taferlklassler seit diesem Herbst, einem Sohn in der dritten Klasse Volksschule und zwei

Mädchen im Gymnasium, kennt Stumvoll die Herausforderung, Schule, freie Zeit und restliches Familienle- ben zu organisieren. Die vierfache Mutter und ihr Mann prüfen Vokabeln ab, erinnern die Großen daran, nicht zu spät mit dem Lernen zu beginnen undsetzen sich bei Bedarf zu den Volksschülern, wenn diese ihre Hausübung machen. Der Druck, dem die Kinder – vor allem im Gymnasium – ausgesetzt sind, sei mit- unter groß. Da wolle sie als Mutter nicht noch eins drauflegen. „Ich will den Kindern vermitteln, dass Schule nicht das Allerwichtigste ist. Noten sind nicht alles, auch Fehler dürfen sein.“ Nicht immer sei ihr das leicht- gefallen: „Es war ein wichtiger Lernprozess für mich, einzusehen, dass nicht alles immer perfekt sein muss.“ Was sie außerdem lernen musste: Vergleiche sind schlecht. „Jedes Kind lernt auf seine eigene Art und Weise. Ich bemühe mich, die Geschwister nicht miteinander zu vergleichen und auch nicht nachzufra- gen, welche Noten die Schulkollegen haben.“

Geht es nach Lisa Weiss, macht Veronika Stumvoll mit ihren vier Kindern intuitiv viel richtig: Altersentspre- chend beim Einteilen des Lernstoffes unterstützen, bei den Hausübungen für Fragen zur Verfügung stehen und eine Fehlerkultur leben. „Wir leben in einer extremen Leistungsgesellschaft. Kinder sind einem starken Perfektionismus ausgesetzt, dabei ist es wichtig, auch mal das Scheitern zuzulassen“, sagt Weiss. „Nur so lernen sie, was sie das nächste Mal besser machen können.“ Schritt für Schritt sollten Eltern ihre Kinder in die Selbstständigkeit begleiten. Das bedeute aber nicht, das Kind sich selbst zu überlassen. Nicht Lösun- gen anbieten, sondern Lösungswege, ist einer der Leitsätze, den Lisa Weiss Eltern diesbezüglich mitgibt: Für das Vorbereiten eines Referats bedeutet das zum Beispiel, dass nicht Mama oder Papa Inhalte suchen und zusammenschreiben, sondern dass zusammen mögliche Informationsquellen besprochen werden. Zum Vortragsüben können dann die Eltern als Publikum wieder zur Verfügung stehen. Was Lisa Weiss häu- fig beobachtet: „Es gibt Eltern, die machen fast alles für ihre Kinder. Wenn die Jugendlichen dann zu rebel- lieren anfangen, heißt es plötzlich: ‚So, ab jetzt machst du’s selber.‘ Dabei haben sie das nie gelernt.“


Kompetenzinseln schaffen

Schule und Noten nehmen im Leben von Schülern und ihren Familien viel Raum ein. Kein Wunder also, wenn Selbstwertgefühl und Leistung im kindlichen Selbstverständnis miteinander gekoppelt werden. Weiss‘ Rat: „Gerade wenn es in der Schule mal nicht gut läuft, kann man im Alltag sogenannte Kompetenzinseln schaffen. Also Bereiche, in denen das Kind Eigenverantwortung übernimmt. Das stärkt das Selbstwertge- fühl.“ Ein Kind, das jeden Tag den Hund füttert oder dem kleinen Bruder die Gute-Nacht-Geschichte vor- liest, erfahre sich als wirkmächtig. Auch das wöchentliche Schwimmen im Verein, der Kinderchor oder das Erlernen eines Instruments biete Kindern und Jugendlichen Gelegenheiten, auch außerhalb der Schule Er- folgserlebnisse und Glücksmomente zu sammeln. Gerade letzteres sei notwendig, um dem auf die Spur zu kommen, was man später einmal machen möchte: „Wo liegen die Talente des Kindes? Wo ist es am glück- lichsten? Eltern haben hier die Aufgabe, ihr Kind gut zu beobachten und dafür zu sorgen, dass es sich da- hingehend entwickeln kann.“

Bei den beiden älteren Mädchen der Familie Stumvoll sind es derzeit die Musikschule und das Turnen, die neben der Schule begeistern. Womit wieder deutlich wird, welch große Rolle Freizeit im Leben eines Schul- kindes spielt.

So sieht es auch die 13-jährige Magdalena: „Wenn man sich Zeit für andere Sachen nimmt, dann geht es auch wieder besser in der Schule.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 09/2020