KLIMASCHUTZ

Global denken – lokal handeln

Klimaschutz geht die gesamte Gesellschaft an. Auf allen Ebenen müssen wir aktiv sein, sagt der Vater des Klimaschutzes in Niederösterreich, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka.

fotoS: natur im garten, imre anta- l

GESUND&LEBEN bietet Ihnen ab der nächsten Ausgabe zahlreiche Anregungen, was Sie ganz persönlich für unser Klima tun können. Zum Auftakt gibt es ein Interview mit jenem Mann, der den Klimaschutz nach Niederösterreich brachte – zu einer Zeit, als er sonst kaum Thema war: Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka war in den Jahren 1989 bis 2016 Landesrat unter anderem für Umwelt, Lebensqualität, Finanzen, Wohnbau und Gemeinden in Niederösterreich und hat seit Beginn seiner Amtszeit im Land, rückblickend betrachtet, bahnbrechende Umwelt-Impulse gesetzt. So wurden in seiner Amtszeit durch gezielte Anreize zahlreiche Gemeinden zu Klimabündnis-Gemeinden, einige beteiligten sich erfolgreich am internationalen Klima-Wettbewerb „Climate Star“. Außerdem initiierte er die Aktion „Natur im Garten“, die mittlerweile weit über die Grenzen Österreichs hinaus wirksam ist und große Auswirkungen auf Klima und Gesundheit hat: Private und öffentliche Gärten werden zu ökologisch wertvollen Flächen, die Artenvielfalt und naturnahe Bewirtschaftung fördern. Leuchtturm-Projekt ist „Die Garten Tulln“, die europaweit erste Bio-Gartenschau, die Jahr für Jahr Menschen aus aller Welt anzieht. In Ihrem nächsten GESUND&LEBEN, ab Anfang Oktober, geht es übrigens ganz konkret auch um klimafreundliche Ernährung.


Man kann den Eindruck gewinnen, alle politischen Parteien haben in den letzten Monaten den Klimaschutz für sich entdeckt. Was hat es damit auf sich?

Der Klimaschutz ist für viele Menschen seit geraumer Zeit ein wichtiges Thema. Hier hat sich die Wahrnehmung und das Bewusstsein in der gesamten Gesellschaft verändert – und das nicht erst seit Greta Thunberg und der „Friday for Future“- Bewegung. Themen wie das ökologische Zusammenleben sind in die politische Mitte gerückt. Salonfähig sind sie aber schon seit vielen Jahren, dieser Umstand wird nur erst jetzt richtig erkennbar. Wir haben in Niederösterreich bereits 1998 begonnen, wichtige Maßnahmen zu setzen – die allerdings vorwiegend langfristig Wirkung zeigen. Ich meine vor allem die Klimaschutzgemeinden – mittlerweile sind es 352 Gemeinden geworden und es gibt 560 Energiebeauftragte in den Gemeinden. Viele Schulen sind im Klimaschutz aktiv – diese Tatsache stimmt mich vor allem für die Zukunft sehr positiv.


Beim Co2-Ausstoß war zuletzt ein Rückgang zu erkennen. Wie deuten Sie diese Entwicklung?

Klimaschutz ist ein Thema, das die gesamte Gesellschaft angeht. Wir müssen deshalb Lösungen gemeinsam erarbeiten – Politik, öffentliche Verwaltung, Bürgerinnen und Bürger und natürlich auch die Wirtschaft. Dieser Weg war in den letzten beiden Jahren auch auf Bundesebene klar zu erkennen. Natürlich sprechen wir hier von langfristigen Entwicklungen – wie zum Beispiel dem Umstieg auf erneuerbare Energie bis 2030.


In Niederösterreich ist der Klimaschutz seit 2007 in der Verfassung verankert. Was hat sich in diesen 12 Jahren konkret verändert?

Niederösterreich hat vorgezeigt, was alles möglich ist, wenn man Ziele hat und diese auch nachhaltig verfolgt. Eine 100- prozentige Abdeckung des Stromverbrauches in Niederösterreich durch erneuerbare Energie ist nur einer der Faktoren, die zur Veränderung geführt haben. Während meiner Zeit als Umweltlandesrat haben wir den Slogan geprägt „Mein Haus – ein Kraftwerk“. Knapp 38.000 Photovoltaikanlagen in Niederösterreich bestehen gegenwärtig – hier hat sich die Stromgewinnung vervielfältigt. Nicht zuletzt die Bebauungspläne mit der Ausrichtung der Wohnhäuser nach Süden, verbunden mit einer effizienten Beschattung, haben enorme Energieeinsparungen gebracht. Diesen Weg muss man fortsetzen und selbstverständlich die Entwicklungen der Zukunft im Auge behalten.


Niederösterreich setzt schon seit langem stark auf die Verantwortung der Gemeinden. Welche Maßnahmen helfen effizient?

Klimaschutz ist für viele Menschen ein sehr abstrakter Begriff – den man in die Praxis umsetzen muss. Das muss aber vor Ort geschehen und da sind vor allem die Gemeinden die wesentlichen Multiplikatoren. Ich denke hier vor allem an die Bebauungspläne. Klimaschutz ist zugleich auch Bodenschutz und hier haben die Gemeinden Kompetenz und Know-how.

Wir müssen die Ortszentren wieder stärken, um der Zersiedelung entgegen zu wirken. Das Schaffen neuer Siedlungsräume kann durchaus wichtig sein – wir müssen aber auch den Leerständen in Ortszentren entgegenwirken. Diese Entscheidungen müssen aber genau dort getroffen werden wo man das beurteilen kann – und das sind für mich die Gemeinden. Bürgerbeteiligung am Klimaschutz ist einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren, wie ich seit Beginn meiner Klima-Arbeit deutlich gespürt habe. Es beginnt hier schon im Kleinen, nämlich im eigenen Garten. Niederösterreich ist ein Land der Einfamilienhäuser und somit auch der Gärten. Gärten und Grünflächen sind entscheidende Parameter, um dem Klimawandel entgegen zu wirken. Und Bäume natürlich, auch in den Gärten: Durch das Pflanzen von standortgerechten Laubbäumen können wir das Mikroklima verbessern – Schatten im Sommer, im Winter werden wärmende Sonnenstrahlen hineingelassen, zudem die kühlende Wirkung der Transpiration oder das Filtern von Schadstoffen. All diese positiven Wirkungen steigern gleichzeitig unser Wohlbefinden. Auch aus ökologischer Sicht sind standortgerechte Bäume wertvoller Lebensraum für zahlreiche Nützlinge.

Diese einfachen Dinge müssen wir den Menschen näherbringen und bewusst machen – das ist für mich der entscheidende Faktor, um Nachhaltigkeit in unserem Zusammenleben zu gewährleisten.


Informationen:

www.naturimgarten.at, www.diegartentulln.at

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019