psychologie

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Liebe ohne Leiden

Was, wenn die Lust in der Partnerschaft abhandenkommt? GESUND & LEBEN macht sich auf die Suche nach Wegen aus der Liebeskrise.

Schmetterlinge im Bauch, Blumen und Komplimente, romantische Dates und lange Ge- spräche. So schön kann Liebe sein. Und irgendwann wird daraus Alltag. Man zieht zu- sammen, heiratet womöglich, bekommt eventuell Kinder, schickt statt Liebesnachrichten ein kurzes „Käse nicht vergessen“ und redet ansonsten über Probleme im Job oder die Kinder. Manche schweigen sich an, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben. Bei ande- ren wiederum wäre Schweigen Gold, da sie nur mehr streiten.

„Beziehungskonflikte sind fast immer auf fehlende Kommunikation und das Nicht-Wissen der Bedürfnisse des anderen zurückzuführen“, sagen die Psychotherapeuten Katja Gieb- ner, MSc, und Mag. Gregor Koch, die im Wiener Zentrum für Systemische Therapie „Mitte Mensch“ unter anderem Paartherapien anbieten. Fakt ist: Es braucht klare Botschaften, denn Gedankenlesen kann niemand. Es kommt allerdings darauf an, was und wie es ge- sagt wird, erklärt Giebner: „Sogenannte ‚Du-Botschaften‘ und Generalisierungen – bei- spielsweise ‚Du lässt immer das Licht brennen‘ – kommen bei der Partnerin, beim Partner als Appell oder sogar als Vorwurf an. Die typische Reaktion: Verteidigung und Rechtferti- gung, was oft im Streit endet. Manche schreien, andere schweigen. So oder so findet kei- ne Klärung statt.“

Faires Streiten kann man jedoch lernen. Und das ist wichtig, weil man ansonsten Gefahr läuft, in eine Spirale der gegenseitigen Verachtung und Respektlosigkeit zu geraten. In erster Linie gilt es, in „Ich-Botschaften“ zu kommunizieren und dadurch seine eigenen

Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Das mag banal klingen, führt aber nachweisbar dazu, dass die Partnerin bzw. der Partner besser versteht, warum sie oder er nun mit diesem oder jenem „konfrontiert“ wird. Eine faire Streitkultur ist also schlichtweg essen- ziell. Dazu gehört auch, dass man beispielsweise ein Handzeichen vereinbart, wenn es mal wieder zu viel wird, denn, so Koch, „in der Hitze des Gefechts hört die, der andere ein ,Stopp!‘ möglicherweise gar nicht mehr. Ein vereinbartes Zeichen indes verdeutlicht, dass das Thema vertagt werden soll.“


Mehr Streit, weniger Sex

Beziehungsprobleme machen vor dem Schlafzimmer natürlich nicht halt, selbst wenn Versöhnungssex für manche funktionieren mag. Manchmal aber beginnen die Probleme im Bett. Soll heißen: Wenn Frau oder Mann nicht kann oder möchte, fühlt sich die, der andere zuweilen vor den Kopf gestoßen. Und wiederum gilt es, darüber zu reden, wie Sexualberaterin Bettina Schwung erklärt: „Sexuelle Probleme haben unterschiedliche Gründe und es muss nicht die aktuelle Partnerin, der aktuelle Partner daran schuld sein. In erster Linie gehört durch eine Fachärztin, einen Facharzt abgeklärt, ob eine rein körperliche Ursache vorliegt. Ist das nicht der Fall, schauen wir uns die Biographie an: Was hat man in der Vergangenheit erlebt? Wie ist man im Elternhaus mit dem Thema Sexualität umgegangen? Hat man in seinem bisherigen Leben Übergriffe erlebt? Gibt es aktuelle Ereignisse, die dazu führen könnten?“

Viele Männer kommen mit Erektionsproblemen in Schwungs Praxis – von „ich kann nicht“ bis „ich will nicht“ sei alles dabei. Nicht selten ist es beim Mann allerdings auch ein gesellschaftliches Thema, immerhin wird dem „starken Geschlecht“ nachgesagt, überall und jederzeit zu können. Eine Behauptung, die schlichtweg nicht stimmt. Viel- mehr sei es ganz normal, dass jeder Mann zumindest einmal im Leben eine Phase hat, in der es nicht „funktioniert“, wie man sich das vorstellt. Wichtig sei, so die Expertin, „dass man nicht in eine Angstspirale abdriftet. Wenn sich die Sorge um die Standfestig-

keit im Kopf manifestiert, wird aus dem Mann schnell mal eine Maus.“ Die Lösung liegt oft in der Entspannung, sei es durch autogenes Training oder andere Techniken. Wenn Mann nämlich unter Druck und der ganze Körper unter Spannung steht, lässt die Erektion nach. Überdies ist es wichtig, wie die Partnerin bzw. der Partner reagiert: Zusätzlicher Druck von dieser Seite ist freilich kontraproduktiv.


Schmerz, lass nach!

Frauen plagt ebenso sexuelle Unlust. Mitunter aber haben sie zum Teil auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr: Manche verspüren ein Brennen oder sogar Krämpfe im Genitalbereich, bei anderen kommt es zu einer unwillkürlichen Verkramp- fung oder Verspannung des Beckenbodens sowie des äußeren Drittels der Vaginalmuskulatur. In beiden Fällen ist Sex so gut wie keine Option, sogar gynäkologische Untersuchungen oder das Einführen eines Tampons können schmerzhaft bis unmöglich sein.

Wieder andere leiden unter Vulvodynie: Dabei kommt es zu Missempfindungen und Schmerzzuständen im Bereich der äu- ßeren Geschlechtsorgane, sodass Frau nicht einmal Unterwäsche tragen kann – von Sex kann keine Rede sein.

Es dauert oft recht lang, bis Betroffene sich trauen, offen darüber zu sprechen – ob mit dem Partner, der Partnerin, einer gu- ten Freundin oder einer Therapeutin wie Bettina Schwung: „Tun sie es doch, schauen wir uns miteinander an, wo die Ursa- che liegen könnte. Durch verschiedene Übungen wird versucht, zu ‚entschärfen‘ und dadurch den Teufelskreis zu durch- brechen. Außerdem gilt es, im Kopf eine Art Landkarte des Intimbereiches zu erstellen, sich dadurch selbst kennen und lie- ben zu lernen, sich selbst zu berühren und herauszufinden, was geht und was nicht geht.“

Wann bzw. ob man sich professionelle Hilfe sucht, ist individuell: Die einen – vorwiegend Männer – machen alles mit sich selbst aus. Die anderen – darunter eher Frauen – wissen, dass man sich helfen lassen darf. Beide Wege sind richtig. Wenn man aber spürt, dass es ohne Hilfe nicht mehr geht, ist es auf jeden Fall an der Zeit. In diesem Sinne: Alles Liebe!


Christiane Mähr

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021