augenheilkunde



Die Spaltlampe ist ein wichtiges Instrument zur Diagnose ver- schiedener Augenerkrankungen. Sie besteht aus einem

Mikroskop, kombiniert mit einer spaltförmigen Lichtquelle.


fotoS: philipp monihart

Gesundheit im Blick

Augenerkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität. Doch mit modernen Verfahren können viele von

ihnen geheilt werden.

Die grünen Blätter des Waldes, Sonnenstrahlen, winzige Ameisen auf dem Boden, Zeitungstexte, Beipackzettel, Verkehrstafeln oder die Gesichter unserer Liebsten – all das und noch viel mehr können wir dank unseres Sehsinns erkennen. Mehr als 80 Pro- zent unserer Sinneseindrücke werden von den Augen geliefert. Sie helfen uns dabei, die Informationsströme, die über das visu- elle System eintreffen, zu filtern, zu bewerten und mit unseren Gedächtnisinhalten so zu verknüpfen, dass wir uns scheinbar mü- helos in unserer komplexen Umgebung zurechtfinden. Wie sehr wir wirklich auf den Sehsinn angewiesen sind, merken wir aber meist erst spät: „Das Tückische bei vielen Augenerkrankungen ist, dass sie lange überhaupt keine Beschwerden verursachen“, erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Sebastian Waldstein, PhD, Vorstand der Abteilung für Augen-heilkunde im Landesklinikum Mistelbach-

Gänserndorf. Erst wenn das Sehvermögen erheb- lich beeinträchtigt ist und das Lesen oder Autofah- ren schwerfällt, schrillen bei vielen die Alarmglocken.

Besonders häufig treten diese Probleme bei älteren Menschen mit Grauem Star, auch Katarakt genannt, auf. Dabei handelt es sich um eine Trübung der Au- genlinse, die dazu führt, dass die Sehstärke nach- lässt und Betroffene ihre Umwelt nur noch ver- schwommen wahrnehmen können. „Fast jeder Mensch leidet früher oder später daran, denn der Graue Star ist im engeren Sinn eine Alterserschei- nung“, sagt Waldstein. Typischerweise entwickelt sich diese Trübung ab der sechsten Lebensdekade.

Diagnostiziert wird der Graue Star durch die Unter-

suchung mit einer Spaltlampe: Sobald die Pupille medikamentös erweitert ist, wird durch eine spezielle Lichtführung ein „opti- scher Schnitt“ durch das Auge gelegt. So lässt sich gut erkennen, welche Regionen der Augenlinse von der Trübung betroffen sind. Ist man durch den Grauen Star in der Sehfunktion eingeschränkt, raten Augenärztinnen und -ärzte zu einer Operation, die das Sehvermögen wieder normalisiert. Die gute Nachricht: Der tagesklinische Eingriff erfolgt kurz und schmerzlos. Nach einer lokalen Betäubung mit Augentropfen wird die eingetrübte Augenlinse entfernt und durch eine künstliche ersetzt. „Nach ungefähr

15 Minuten ist die Ope- ration geschafft und die Patientin oder der Pati- ent kann noch am sel- ben Tag nachhause ge- hen“, sagt Waldstein. Ein besonderer Vorteil: Nicht nur der Graue Star ist mit dem Eingriff besiegt, auch eine be- stehende Fehlsichtig- keit – also eine Kurz- sichtigkeit, Weitsichtig- keit oder Hornhautver- krümmung – kann da- bei häufig mitkorrigiert werden, sodass die Pa- tientinnen und Patien- ten künftig wesentlich brillenunabhängiger sind.


Augen auf bei Diabetes

Schleichend beginnt auch der Grüne Star (Glaukom), für den übli- cherweise ein zu hoher Augeninnendruck ver- antwortlich ist. Wird dieser nicht nachhaltig mithilfe von Augentrop- fen, Lasertherapien oder minimal-invasiven Operationen wieder ge- senkt, kann der betrof-

fene Sehnerv dauerhaft Schaden nehmen. Umso wichtiger ist auch hier die Früherkennung.

Besonders Menschen mit Diabetes mellitus, warnt Waldstein, sollten regelmäßige Screenings wahrnehmen: „Für sie besteht ein erhebliches Risiko, Netzhauterkrankungen zu entwickeln, denn Diabetes schädigt die Blutgefäße in den Augen.“ Die als diabeti- sche Retinopathie bekannte Krankheit kann bis zur Erblindung führen. „Die meisten Betroffenen merken gar nicht, dass die Netzhaut schon schwer beeinträchtigt ist; daher sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen besonders wichtig.“ Probleme beim Lesen wie zum Beispiel verzerrte Buchstaben sind oft das erste Anzeichen einer Netzhautschwellung. Um diabetischen Augen- erkrankungen entgegenzuwirken, ist eine gute Einstellung des Blutzuckers und die Regulierung des Blutdrucks die beste Vor- beugung. Sind Netzhautveränderungen bereits vorhanden, können spezielle Injektionstherapien, die direkt ins Auge verabreicht werden, das Fortschreiten der Krankheit effektiv bremsen und das Sehvermögen zurückbringen.

Dieselbe moderne Injektionstherapie ist auch Mittel der Wahl bei altersbedingter Makuladegeneration, die oft als „Netz- hautverkalkung“ bezeichnet wird. „Makuladegeneration be- trifft sehr viele ältere Menschen, es handelt sich um eine re- gelrechte Volkskrankheit“, sagt Waldstein, der auf die Be- handlung von Netzhauterkrankungen spezialisiert ist. Wird die Injektionstherapie konsequent durchgeführt, können schwere Sehschäden in der Regel verhindert werden. Doch es sind nicht nur chronische Erkrankungen, die Patientinnen und Patienten in die Abteilung für Augenheilkunde führen: Netzhautablösungen, die bei Kurzsichtigen gehäuft vorkom- men, geschehen plötzlich und führen unbehandelt zur Erblin- dung. Betroffene sehen im Anfangsstadium helle Lichtblitze oder sich bewegende dunkle Punkte. Wenn die Ablösung fortschreitet, wird das Gesichtsfeld wie durch einen dunklen Vorhang eingeengt. Eine minimal-invasive Operation, die Waldstein als einer von wenigen Chirurgen in Österreich un- ter lokaler Betäubung durchführt, legt die abgehobene Netz- haut wieder an und bewahrt vor irreparablem Sehverlust.


Zukunftsvision

Die Untersuchung der Augen kann jedoch noch weitaus mehr, als nur Auskunft über mögliche Augenerkrankungen zu geben, weiß Primarius Waldstein, der dank langjähriger wissenschaftlicher Tätigkeit ein international angesehener Fachexperte im Einsatz künstli- cher Intelligenz in der Augenheilkunde ist: „Das Auge ist sozusagen ein Spiegel der sys- temischen Prozesse des Körpers. Viele Krank- heiten wie Bluthochdruck, Nieren- oder Leber- krankheiten, Autoimmunerkrankungen sowie Tumoren hinterlassen Spuren in und an den Augen. Im Mittelpunkt neuester Forschungen steht die Analyse von Netzhautscans mit lern- fähigen Algorithmen, die im Augenhintergrund nicht nur sämtliche Netzhautprobleme, son- dern auch Hinweise auf kardiovaskuläre, neu- rologische und metabolische Krankheiten ge- ben. So können Ärztinnen und Ärzte ihren Pa- tientinnen und Patienten bei der Augenunter- suchung auch ein breiteres Screening anbie- ten. Diese Entwicklung, ist Waldstein über- zeugt, wird die Augengesundheit in Zukunft auf ein neues Level heben.


Michaela Neubauer

Prim. Priv.-Doz. Dr. Sebastian Waldstein, PhD, Augenheilkunde-Vorstand

Die Augenabteilung des Landesklinikums Mistelbach-Gänserndorf ist auf moderne chirurgische und medikamentöse Netzhauttherapien sowie Operationen

des Grauen und Grünen Stars spezialisiert.

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021