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RÜCKZUG

Mein Ruhepol

Retreat-Aufenthalte bieten einen Rückzug aus dem hektischen Alltag und ein Eintauchen in die innere Gelassenheit.

Beruflicher Stress und Alltagszwänge, die den zeitlichen Takt vorge- ben, lassen Wochen und Monate fast spurlos vorbeiziehen. Das kann ein Gefühl innerer Leere und Unausgeglichenheit hervorrufen. Auch die Tatsache, sich materiell und privat viele Ziele erfüllt zu haben, führt oft nicht in eine dauerhafte Zufriedenheit. Denn es gibt immer weitere Ziele oder Anschaffungen, die das private Glück vermeintlich vollkom- men machen. Die Wertschätzung für das bereits Erreichte, aber auch für scheinbare Selbstverständlichkeiten wie den eigenen Partner oder eine stabile Gesundheit bleiben auf der Strecke. Daraus entsteht ein negativer Kreislauf, in dem ständig Neues erworben wird, was aber nur noch kurze Glücksgefühle auslöst. Wenn dann der Wunsch immer stärker wird, wieder zu sich selbst zu kommen und eine innere Zufrie- denheit zu erlangen, kann die regelmäßige Praxis von Meditation, Yoga oder Entspannungsübungen wie Qigong die richtige Antwort sein.


Einkehr in Stille

Bei einem Retreat-Aufenthalt werden an einem ruhigen Ort in der Na- tur körperliche und geistige Übungen nach einem strukturierten Ta- gesablauf durchgeführt. Das Programm kann Yogaübungen, Meditati- onstechniken, bestimmte Atem- und Körperübungen sowie Entgif- tungsmethoden beinhalten. Der Begriff „Retreat“ leitet sich aus dem englischen Sprachgebrauch ab und bedeutet „Rückzug“.

Die Dauer einer solchen Auszeit kann von ein paar Tagen über einige Wochen bis zu mehreren Monaten reichen und findet meistens in der Gruppe statt. Ein wichtiger Bestandteil ist das Vermeiden von Zer- streuungen wie etwa durch Handy, soziale Medien, Zeitungen oder Fernsehen. In manchen Retreats nimmt das bewusste Schweigen ei- nen besonderen Stellenwert ein. Interessierte sollten sich daher vor- her fragen, ob ein Retreat auch zumutbar ist.

„Meditationsretreats eignen sich ganz sicher nicht für jeden Men- schen! Die meisten tun sich in diesem Rahmen leichter, wenn sie be- reits eine Zeitlang täglich üben. Aber natürlich gibt es immer auch Ausnahmen“, meint der Psychotherapeut Harald Erik Tichy, der im Waldviertel Retreats leitet.


Innere Ruhe

Mithilfe der aus der buddhistischen Tradition stammenden Achtsam- keitsmeditation wird der Geist trainiert, den gegenwärtigen Moment bewusst zu erleben. Das kann die Lebensqualität und die persönliche Ausgeglichenheit enorm steigern. „In einem Retreat ist es mir nach ein paar Tagen leichter möglich, in einer tiefen Bewusstheit zu verwei- len und so zur Ruhe zu kommen. In dieser Ruhe, dieser Stille des Geistes habe ich immer wieder wichtige Einsichten gehabt, die mir entscheidend dabei halfen, mich weiterzuentwickeln“, erläutert der Achtsamkeitsexperte. Der Tagesplan seiner Retreats in Bad Traun- stein ist relativ straff: Von morgens bis abends wird im Sitzen, Gehen oder Liegen meditiert – über die Meditationsdauer entscheidet man selbst.

Rund zwanzig Autominuten entfernt dreht sich bei den von Mia Ro- novsky geleiteten Retreats im Waldviertler Ort Sprögnitz beim Gewürz- und Kräuterhersteller Sonnentor alles um das Thema Yoga. „Das Re- treat steht ganz im Zeichen der Natur, des Entspannens und des Wohlfühlens“, sagt Ronovsky. „In den Yoga-Einheiten verbinden wir Atmung und Bewegung, wir schulen unsere eigene Körperwahrneh- mung und kommen körperlich und geistig zur Ruhe. Es ist sowohl für Yoga-Anfänger als auch für Erfahrenere geeignet.“ Für die Yogalehre- rin liegen die positiven Effekte einer solchen Auszeit auf der Hand: „Die eigenen Batterien werden wieder aufgeladen und wir fühlen uns danach voller Energie, um im Alltag wieder durchzustarten. Das Yoga- Retreat ist ein Kurzurlaub für Körper, Geist und Seele.“


Jacqueline Kacetl

erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020