Schmerzen

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Kaltes Wetter, mehr Schmerzen?

Gelenke, Muskeln, Bänder: Im Winter scheinen die Schmerzen größer zu sein. Warum das so

ist und was Sie dagegen tun können, verrät GESUND & LEBEN.

Sobald der Herbst sich verabschiedet, es zusehends dunkler, feucht und kalt wird, spüren wir sie wieder vermehrt: die Schmerzen in Gelenken, Mus- keln und Sehnen. Bis in die Knochen hinein fährt einem der eisige Wind und statt aufrecht zu sitzen, sich ausreichend zu bewegen und forschen Schrit- tes draußen eine Runde zu drehen, zieht der Mensch seine Schultern nach vorne, beugt den Kopf Richtung Rumpf – er rollt sich zusammen, als wäre er eine Katze. Und genau das sollte er nicht tun, weiß Dr. Clemens Felsing, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie/Sportorthopädie in St. Pölten: „Die Beschwerden kommen oft von der Verspannung durch die ge- beugte Haltung und haben ursächlich nichts mit den Temperaturen zu tun. So liegt auch der Grund für die Probleme mit unserem Bewegungsapparat in den meisten Fällen darin, dass wir zu viel sitzen und uns zu wenig bewe- gen.“ Es sind nicht nur die Gelenke, die uns zu schaffen machen, sondern auch die Muskulatur, die Sehnen und die Bänder. Und wiederum ist es al- lem voran unser Lebensstil, der diese Schmerzen begünstigt. Wir essen zu viel und nicht ausgewogen. Wir trinken zu wenig Wasser und zu viel Alko- hol. Wir sitzen tagsüber stundenlang am Computer und abends am Sofa. „Dafür ist der Bewegungsapparat, wie schon der Name impliziert, nicht ge- schaffen“, sagt der Experte. „Wir spüren die Verspannungen, die durch den Lebensstil sowieso da sind, im Winter nur stärker, weil wir uns wegen der niedrigen Temperaturen noch mehr verspannen. Deswegen wird auch die Durchblutung vermindert. Wodurch sich der Druck, der auf den Gelenken lastet, durch Reibungsschmerzen verstärkt.“ Hinzu kommt: „Auch die Mus- kulatur braucht, um schmerzfrei zu funktionieren, eine gute Durchblutung,

was in der Wärme im Normalfall problemlos passiert.“ Um die ziehenden Schmerzen in den Muskeln, die durch die Kälte verstärkt werden, zu verhindern, schont sich der Mensch und bewegt sich so wenig wie möglich. Ein

Teufelskreis, denn: Wer sich weniger bewegt, verstärkt die Schmerzen. Bewegungsmangel wirkt sich jedoch nicht nur auf die Durchblutung aus, sondern führt auch dazu, dass weniger Gelenksflüssigkeit produziert wird. „Wenn es zudem kalt ist, wird auch die Flüssigkeit zäher, die Schmierung läuft nicht so gut, was zusätzlich Schmerzen verursacht“, sagt Felsing.


Bewegen, bewegen, bewegen

Es sind, außer bei Verletzungen, nicht unsere Knochen an sich, die Beschwerden verursachen. „Der Knochen hat im In- neren keine Nerven“, erklärt Felsing: „Dem Knochen selbst wird nicht kalt, er liegt weit im Körperinneren und die Kerntem- peratur beträgt hier immer zwischen 31 und 36 Grad. Die empfundene Kälte ist eher eine Frage der Feuchtigkeit als der Temperatur.“ Menschen mit Rheuma geht es in der trockenen Kälte besser, weil sich „entzündliche Erkrankungen durch Käl- te verbessern. Sobald es jedoch feucht ist, leiden auch Rheu- matikerinnen und Rheumatiker bei Kälte verstärkt unter den Beschwerden. Bei Menschen mit Arthrose indes verstärkt sich das Leiden tatsächlich durch die Kälte. Besserung tritt ein, so- bald sich die Gelenksflüssigkeit durch Bewegung auf Be- triebstemperatur erwärmt, wodurch das Reiben vermindert wird. Besonders zu empfehlen sind nebst ausreichend warmer Kleidung auch Pulswärmer.“ Bewegung sei generell – sowohl zur Vorbeugung als auch zur Schmerzlinderung – allen Men- schen jeden Alters empfohlen. „Das gilt auch für Patientinnen und Patienten mit altersbedingten Abnützungserscheinungen, die oft schon im Alter von fünfzig Jahren beginnen.“


Claudia Grass

Stütz- und Bewegungsapparat


Der Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen besteht aus rund 200 Knochen, etwa 100 beweglichen Gelenken sowie Muskeln, Sehnen und Bändern. Zu den Erkrankungen des Bewegungsapparates gehören alle Krankheiten, die Knochen, Gelenke und Muskeln betreffen, also etwa auch Bandscheibenvorfall, Gicht, Arthrose, Osteoporose sowie Rücken- schmerzen, die mittlerweile zu den Volkskrankheiten zählen. Beschwer- den des Bewegungsapparates sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den Industrienationen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Hauptursache für Krankenstand, Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige Pen- sionierung. So gut wie jeder Mensch hat mindestens einmal im Leben mit Schmerzen des Stütz- und Bewegungsapparates zu tun. Jeder Vier- te leidet unter massiven Beeinträchtigungen. In Österreich geht man da- von aus, dass etwa zwei Millionen Menschen davon betroffen sind – al- tersbedingte Abnützungen sind jedoch nicht der Hauptgrund für diese Erkrankungen. Laut Statistik Austria sind mit über einem Drittel (36 Pro- zent; Frauen: 42 Prozent, Männer: 31 Prozent) Krankheiten des Bewe- gungsapparates der häufigste Grund für Rehabilitations-Aufenthalte.

erschienen in GESUND & LEBEN 11/2020