Frauengesundheit


Dass es bei Frauen öfter zu einem Harnwegsin- fekt, einer sogenannten Zystitis, kommt,

ist anatomisch bedingt.

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Typisch Frau. Typisch Mann.

Männer sind anders. Frauen auch. Für unsere Gesundheit bedeutet das: Dort wo die körperlichen Gemeinsamkeiten enden, fangen medizinische Besonderheiten an.

Männer sind das stärkere Geschlecht. So sagt es jedenfalls der Volksmund. Und die Wis- senschaft gibt ihm recht. Mutter Natur war in puncto Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer bei den Herren der Schöpfung tatsächlich etwas großzügiger. „Das liegt schon darin begrün- det, dass Frauen im Schnitt zehn Zentimeter kleiner und etwa zwölf Kilogramm leichter sind als Männer. Kürzere Extremitäten und ein breiteres Becken machen ebenfalls nicht nur optisch, sondern auch in Fragen der Leistungsfähigkeit einen wichtigen Unterschied aus“, erklärt Gynäkologe und Buchautor Dr. Christian Matthai aus Wien. Für die Muskel- masse gilt übrigens Ähnliches: Männer besitzen nicht nur mehr Muskeln, sie verfügen auch über eine höhere Anzahl an Mitochondrien, den Energiekraftwerken der Muskelzel- len. Rund 22 Prozent geringer ist dieser Wert bei der Damenwelt. Auch der Umfang der Muskelfasern, die für deren Kraftleistung entscheidend ist, fällt bei Frauen schmaler aus.


Frauen-Power

In gewisser Weise stimmt es also tatsächlich, dass Männer das starke Geschlecht sind. „Das heißt aber nicht, dass nicht auch die Damenwelt ihre ganz eigenen Stärken hat“, sagt der Experte und nennt ein Beispiel: „Weibliches Bindegewebe ist nicht netzartig, son- dern faserig angeordnet. Nicht nur für die Beweglichkeit, sondern auch als Verletzungs- prävention ist dieser Umstand vorteilhaft.“ Einen weiteren biologischen Unterschied konn- te die Wissenschaft im Bereich der Hirnleistung feststellen. Frauen verfügen über eine bessere Vernetzung der linken und rechten Hirnhälfte.

„Doch letztlich geht es nicht um einen Wettkampf, sondern um eine Feststellung – nämlich die, dass Männer und Frauen in einigen Bereichen körperlich unterschiedlich beschaffen

sind. Und das ist nicht nur in Fragen der Fitness von Bedeutung, sondern vor allem für gesundheitliche Belange“, sagt Matt- hai. Denn Fakt ist: Männer und Frauen unterscheiden sich hinsichtlich allgemeiner gesundheitlicher Risiken, typischer Krank- heitsbilder und Symptomatik.


Herzinfarkt bei Mann & Frau

Ein berühmtes Beispiel aus der Gender-

Medizin ist der Herzinfarkt. Das Herz der Frau ist durch ihren hohen Östrogen-Anteil im Allgemeinen recht gut geschützt. Sta- tistisch betrachtet leiden Frauen daher oft erst acht bis zehn Jahre später an Herzgefäßerkrankungen als Männer. Und auch die Anzeichen für einen Herzinfarkt unterscheiden sich.

„Während die Herren einen Infarkt meistens an starken Schmerzen in der Brust und im linken Arm erkennen, kündigt er sich bei Frauen oft durch Übelkeit und Schwindelgefühl an“, sagt der Experte.

Nicht bei jedem Krankheitsbild kann von einer typischen Unterscheidung zwischen den Geschlechtern gesprochen werden.

Dennoch ist die Liste „typischer Männer- und typischer Frauenkrankheiten“ nicht allzu kurz. So bedingen genetische und/oder hormonelle Unterschiede beispielsweise

genderspezifische Risiken für Osteoporose (häufiger bei Frauen) oder Nieren- und Leberfunktionsstörungen (häufiger bei Männern). „Darüber hinaus sind Frauen öfter von Autoimmunerkrankungen betroffen. Außerdem konnte nachgewiesen wer- den, dass Männer und Frauen eine komplett unterschiedliche Schmerzempfindlichkeit haben“, zählt Christian Matthai weitere Unterschiede auf.


Lebensweise spielt eine Rolle

Gene und Hormone lassen Risiken und Verlauf mancher Krankheitsbilder also auseinanderdriften. Doch sie sind längst nicht der einzige Indikator für solche Verschiedenheiten. Auch der genderspezifische Lebensstil spielt eine Rolle. Ein plakatives Beispiel hierfür: Das höhere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die gemeinhin kürzere Lebenserwartung der Herren wurde lange Zeit auch damit in Zusammenhang gebracht, dass bei Männern ein stärkerer Konsum von Nikotin und Alkohol

statistisch erfasst werden konnte.

In den letzten zehn bis 20 Jahren haben  Frauen aber aufgeholt. Das Krankheitsrisiko gleicht sich damit wieder an. Einen Unter- schied gibt es aber dennoch: Frauen sind biologisch vulnerabler für Nikotin und Rauchinhaltsstoffe als Männer. So ist das Risiko

für Herzinfarkt ebenso wie für Lungen- und Blasenkrebs bei Rau- cherinnen höher als bei Rauchern. Am Ende lässt sich nichts über einen Kamm scheren. Forschung und Medizin werden sich dieser Besonderheiten immer bewusster. Das Gleiche gilt auch für die Arzneimittelentwicklung. Bei der Durchführung von Anwen- dungstests und Studien werden Genderdetails immer besser be- rücksichtigt. „Das ist gut so. Denn nur, wenn wir die jeweiligen Besonderheiten der Geschlechter kennen, kann für jede und je- den die beste Vorsorge, Behandlung und damit Lebensqualität gewährleistet werden“, sagt der Mediziner.

Und was können Sie tun? Sie können sich immer wieder darauf besinnen, dass jeder Körper einzigartig ist – egal, ob Frau oder Mann. Wer sich selbst gut zuhört und lernt, in sich hinein zu füh- len, kennt sich selbst am besten.


Linda Freutel

Harnwegsinfekt: Dass es bei Frauen öfter zu einem Harnwegsinfekt, einer sogenannten Zystitis, kommt, ist anatomisch bedingt. Die Harnröhrenöffnung liegt näher am Darmausgang, zudem ist die Harnröhre kürzer, so dass sich Bakterien leicht einnisten können. In den meisten Fällen ist eine Blasenentzündung harmlos und gut selbst zu behandeln. So wirkt vor allem vermehrtes Trinken von Cranberrysaft sowie Goldrute- und Bärentraubenblättertee lindernd. Auch Salzlakritz kann den pH-Wert des Urins so verändern, dass Bakterien keine Chance mehr haben, sich auszubreiten. Einen ähnlichen Effekt sagt man Backpulver nach: Ab dem ersten Ziehen in der Blase eine Messerspitze Backpulver in einem Glas Wasser auflösen und trinken. Sofern sich die Sym- ptome nicht innerhalb der nächsten ein bis zwei Tage bessern, sollten Sie zur Ärztin, zum Arzt gehen.


Osteoporose: Frauen verlieren vom 40. bis zum 70. Lebensjahr durchschnittlich 40 Prozent ihrer Knochenmasse. Bei Männern sind es in diesem Zeitraum nur etwa zwölf Prozent. Grund ist der bei Frauen verstärkte Abfall des Östrogenspiegels nach der Menopause. Vollständig heilbar ist die Krankheit zwar nicht.

Eine gezielte Therapie lässt ihr Fortschreiten aber deutlich verlangsamen. Eine gesunde Lebensweise spielt dabei eine wesentli- che Rolle. In Absprache mit einer Medizinerin, einem Mediziner können Ernährungspläne erstellt und die Einnahme von Vitamin- präparaten besprochen werden. Auch Sport ist eine wichtige Unterstützung für die Knochenvitalität.


Depressionen: Dass Depressionen als eine vorwiegend bei Frauen vorkommende Erkrankung gelten, wird gemeinhin auf den Hormonhaushalt zurückgeführt. Doch man vermutet eine hohe Dunkelziffer bei Männern. Wie unterscheidet man eine leichte emotionale Verstimmung von einer ernsthaften Depression? Laut Expertinnen und Experten macht vor allem die Dauer und die Intensität der Missstimmung den Unterschied aus. Bei Depressionen kommen neben Niedergeschlagenheit oft Schuldgefühle, Müdigkeit und Appetitlosigkeit hinzu. Was die Behandlung einer Depression angeht, sollten sich aber beide Geschlechter nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.


Harninkontinenz: Von einer Harninkontinenz spricht man bei jeglichem unfreiwilligen Urinabgang. Grund ist die übermäßige Be- anspruchung der Beckenbodenmuskulatur – bedingt durch Geburten, eine altersbedingte Absenkung des Binde- und Muskel- gewebes oder hormonelle Faktoren. Vorbeugend und lindernd wirkt regelmäßiges Beckenbodentraining.


 was frauen krank macht

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021