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KLIMA

„Wir dürfen

mitbestimmen“

„Nachhaltigkeit bedeutet für mich, zu überlegen, was man wirklich braucht.“


Susanne Wolf, Autorin und Journalistin

Bio, Fairtrade oder Green-washing: Die Autorin und Journalistin Susanne Wolf geht in ihrem neuen Buch „Zukunft wird mit Mut gemacht“ dem Klimaschutz

auf den Grund. Im Interview spricht sie über ihr schlechtes Gewissen, Politik und

Achtsamkeit.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, dieses Buch zu schreiben?

Weil jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Ursprünglich hatte ich eine Neu- auflage meines Buches „Nachhaltig leben“ geplant. Weil ich aber

so viele neue Ideen hatte, wollte der Verlag ein neues Buch. Die Umwelt- und Klimakrise beschäftigt mich schon länger. Und vor einem Jahr habe ich dann das erste Mal Greta Thunberg in ihrem Ted-Talk gesehen.


Es ranken sich viele Mythen um Bio, Fairtrade & Co. Wie gelingt es, an die Wahrheit zu kommen?

Ich befasse mich seit Jahren damit, habe zwei Bücher geschrieben und viel und intensiv recherchiert. Zum Thema Fairtrade war ich auch auf Pressereisen – es beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, diese engagierten und visionären Menschen zu treffen. Auch das Thema Bio ist etwas, womit ich mich privat und beruflich viel beschäftige. Es ist einfach die ständige Ausein- andersetzung mit diesen Themen, die einem mit der Zeit immer mehr Sicherheit und Klarheit gibt.


Was waren die größten Erkenntnisse im Zuge Ihrer Recherchen?

Meine größte Erkenntnis war, dass uns schon viel zu lange vermittelt wird, dass wir alleine für die Weltrettung verantwortlich sind. Ich habe das selbst lange geglaubt und auch in meinen Büchern vermittelt. Es ist natürlich wichtig, nachzudenken, was wir brauchen und was wir kaufen. Aber müssen wir uns überall auskennen? Wir sind nicht nur Konsumenten, wir sind auch po- litische Bürger, und die Politik ist dafür zuständig, die Rahmenbedingungen für Lösungen zu schaffen.


Was hat Sie während der Arbeit an Ihrem Buch am meisten berührt?

Es berührt mich immer wieder, wie mit Tieren umgegangen wird. Zum Beispiel mit den männlichen Küken, die einfach getötet werden, weil sie keinen Gewinn bringen. Und auch Greta Thunberg berührt mich, vor allem diese Angriffe gegen sie. Ich sehe an meiner Tochter und meinem Sohn, dass sie sich wirklich Sorgen machen und nehme deshalb auch selbst regelmäßig an den „Fridays for future“-Demonstrationen teil.


Was kann man selbst tun?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich zu überlegen, was man wirklich braucht. Es wird uns in der Werbung vermittelt, dass man dauernd irgendetwas kaufen muss. Hier geht es viel um Bewusstmachen: Was brauche ich denn tatsächlich zum Glücklich- sein? Deshalb habe ich das Thema Achtsamkeit in das Buch aufgenommen. Es gehört für mich einfach zum Leben dazu, mich zu fragen, was ich in und mit meinem Leben machen möchte. Und: Wir müssen unsere Rechte und auch unsere Pflichten wahrnehmen. Wir können mehr tun, als alle vier Jahre wählen zu gehen. Es ist auch schön zu sehen, wenn sich Menschen zu

Gemeinschaften zusammenschließen, wie bei Foodcoops oder Gemeinschaftsgärten.


Am Ende des Buches erzählen sie davon, wie Sie als Vegetarierin der Verlockung nachgeben und eine Bratwurst essen. Setzen wir uns mit dem Klimaschutz mittler- weile nicht schon zu sehr unter Druck?

Wahrscheinlich schon. Ich überlege mir zum Beispiel gut, wann ich das nächste Mal flie- gen werde. Ich bin reiselustig und gerne unterwegs. Aber ich liebe auch das Bahnfahren. Mit dem schlechten Gewissen muss jeder für sich umgehen. Es hat keinen Sinn, auf je- manden loszugehen, der in einer ländlichen Gegend auf sein Auto angewiesen ist. Hier ist die Politik gefragt.


Sie sind intensiv und tief in die Thematik eingetaucht. Sind wir auf einem guten Weg?

Ich bin Optimistin und sage: Wir sind auf einem guten Weg. Ich bin aber auch ungedul- dig – und weiß gleichzeitig: Es kann sich nicht alles von einem Tag auf den anderen än- dern. Ich konzentriere mich lieber auf Lösungen statt auf negative Nachrichten, denn sonst spürt man Angst und Hoffnungslosigkeit und ist auch nicht mehr in der Lage, sei- nen Beitrag zu leisten. Deshalb hat mein Buch auch diesen schönen Titel mit dem Mut. Ob wir genug Zeit haben für den Mittelweg, weiß ich nicht. Aber im Grunde genommen bin ich optimistisch.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 11/2019