RUNDER TISCH

Wir müssen uns stärker auf eigenständige und regionale Produktion konzentrieren.

fotoS: istockphoto/ valentin russanov, weinfranz, philipp monihart

Neue Wege schneller beschreiten

Seit Mitte März kämpft das ganze Land gegen das Coronavirus. Inzwischen ist die erste Welle überstanden. Jetzt gilt es, die nächsten Herausforderungen zu meistern.

Normalität – eine Sache, nach der sich seit dem 16. März die meisten Menschen sehnen. Denn an diesem Tag traten in Öster- reich beträchtliche Einschränkungen in Kraft und forderten die Menschen in allen Bereichen. Die Maßnahmen verfolgten zwei we- sentliche Ziele: die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu überlasten. Im Gespräch mit GESUND & LEBEN ziehen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf und Landes- rätin Christiane Teschl-Hofmeister nun Bilanz.


Wie haben die Menschen in Niederösterreich auf die Einschränkungen in ihrem Alltag reagiert?

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: Die Situation war insbesondere zu Beginn sehr herausfordernd. Man hat deutlich gespürt, dass die Menschen verunsichert sind. Die Angst um Versorgungsknappheit hat sich aber schnell wieder eingependelt. Die Nie- derösterreicherinnen und Niederösterreicher sind sehr diszipliniert mit den Maßnahmen umgegangen. Das hat das Abflachen der Ansteckungs-Kurve gezeigt.


Welche speziellen Maßnahmen hat Niederösterreich im Gesundheitswesen gesetzt?

LH-Stv. Stephan Pernkopf: Wir haben einen Stufenplan erarbeitet, damit wir Corona-Patientinnen und -Patienten in allen Regionen gut betreuen können. In einem ersten Schritt im Landesklinikum Melk, dann noch in weiteren Kliniken. Dadurch konnten wir zu je- der Zeit genügend Kapazitäten und Intensivbetten freihalten, um für einen weiteren Anstieg gerüstet zu sein. Dabei hat sich unse- re Struktur und Strategie mit Kliniken in allen Regionen und mit topqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als absolut rich- tig herausgestellt. Viele Gesundheitsökonomen haben jahrelang gemeint, dass wir zu viele

Kliniken und Betten hätten. Das wurde eindeutig Lügen gestraft – wir brauchen diese hohe Kompetenz und Spitzenmedizin in all unseren Regionen!


Haben sich die neuen Strukturen der Landesgesundheitsagentur bewährt?

Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister: Ja, denn die Landesgesundheitsagentur erlaubt uns ein gemeinsames Planen und Durchführen aller relevanter Maßnahmen, was besonders in herausfordernden Zeiten viel Überblick gewährt und die Zusammen- arbeit enorm erleichtert. Besonders deutlich ist das etwa bei der Organisation von notwendiger Schutzausrüstung geworden. Dar- über hinaus ist gewährleistet, dass im Anlassfall weiteres geschultes Personal zur Unterstützung bereitgestellt werden kann.

Pernkopf: Durch die Landesgesundheitsagentur können wir uns viele Abstimmungswege sparen und sind schneller und effizien- ter. Drei Beispiele: Wir haben 50 zusätzliche Beatmungsgeräte angeschafft und dorthin verteilt, wo sie gerade gebraucht werden. Unsere Spezialisten im Einkauf haben die notwendigen Stoffmasken für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken und Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren zentral angekauft und verteilt. Und wir haben es in unseren Logistikzentren in Wiener Neustadt und St. Pölten geschafft, dass gebrauchte Schutzmasken wiederaufbereitet werden.


Wie sieht der weitere Fahrplan für die Kliniken und die Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren aus?

Teschl-Hofmeister: Wir wissen, wie wichtig den Betroffenen der persönliche Kontakt zu den Liebsten ist und so versuchen wir, die- sen Bedürfnissen mit den ersten Lockerungen zumindest ein Stück weit nachzukommen. Seit dem 4. Mai dürfen die Bewohnerin- nen und Bewohner der niederösterreichischen Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren wieder Besuch empfangen, wenn auch nur einzeln und mit dem nötigen Sicherheitsabstand. In den Einrichtungen gelten allgemeine Hygienemaßnahmen, wie etwa Zu- tritts- und Austrittskontrollen mit Fiebermessungen oder auch das Tragen von Mund-Nasen-Schutz sowie die Desinfektion der Hände. Für die Sterbebegleitung gibt es selbstverständlich Ausnahmeregelungen.

Pernkopf: In den Kliniken haben wir Anfang Mai schrittweise wieder mit geplanten Operationen begonnen. Vorrang haben dabei die medizinische Dringlichkeit sowie Behandlungen, die nur kurze Aufenthalte und keine Intensivkapazitäten erwarten lassen. Die Akutversorgung war natürlich zu jeder Zeit aufrecht. Das Besuchsverbot müssen wir aufrechterhalten, da viele unserer Patientin- nen und Patienten aufgrund verschiedenster Erkrankungen stark geschwächt sind. Ausnahmen gibt es nur bei Palliativ, Kindern und Geburten. Seit kurzem dürfen auch wieder Begleitpersonen in den Familienzimmern der Geburtshilfe aufgenommen werden.


Wie ist man in Niederösterreich auf eine mögliche zweite Covid-19-Welle vorbereitet?

Mikl-Leitner: Die Krise hat bislang gezeigt, dass unser Gesundheitssystem in Niederösterreich wahrlich eines der besten weltweit ist. Dort, wo es noch Handlungsbedarf gab, haben wir in der Zwischenzeit aufgerüstet. Dass die Maßnahmen mittlerweile gelo- ckert wurden, haben wir dem Verhalten von jeder und jedem Einzelnen zu verdanken. Es gilt aber weiterhin diszipliniert zu blei- ben und die notwendigen Schutzmaßnahmen einzuhalten. Denn die Gefahr vor einer zweiten Welle ist noch lange nicht gebannt. Fest steht, dass ein Leben nach Corona erst in Sicht ist, wenn wir wirkungsvolle Therapien und geprüfte Impfstoffe haben.


Was hat Niederösterreich aus der Krise gelernt?

Pernkopf: Die Krise hat gezeigt, dass wir uns auf unsere Gesundheitsversorgung verlassen können. Wir haben aber auch gelernt, dass wir absolut wichtige medizinische Güter wie Masken, Schutzausrüstung oder Medikamente jederzeit selbst in Europa vorrä- tig haben und auch selbst produzieren müssen, damit wir nicht von Übersee und Asien abhängig sind.

Mikl-Leitner: Mit unseren 27 Klinikstandorten und 50 Pflege-, Betreuungs- und Förderzentren ist es uns möglich, für alle Landsleu- te die beste Betreuung und Versorgung sicherzustellen. Wir haben auch gesehen, wie wichtig und wertvoll es war, Gesundheit und Pflege unter ein gemeinsames Dach zu stellen, durch die neue Landesgesundheitsagentur gemeinsam zu planen und zu steuern. Dieser mutige und innovative Schritt ist uns jetzt in der Krise zugute gekommen und wird auf dem Weg in die Zukunft noch viele Verbesserungen mit sich bringen.


Michaela Neubauer


erschienen in GESUND & LEBEN 06/2020