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Genuss-Reich

Noch vor kurzem drehte sich Irene Schrammels Welt um Paragrafen und Recht. Heute stellt die Niederösterreicherin Bio-Teigwaren her.

Ambitioniert ist Irene Schrammel schon ihr ganzes Leben lang: „Als ich mit drei Jahren im Kroati- en-Urlaub mit meinen Eltern die Oper ‚Nabucco‘ besuchte, habe ich zum ersten Mal eine Geige gesehen. Ich war sofort fasziniert von der schönen Musik, die dieses elegante Instrument macht.“ Mit sieben Jahren beginnt sie, Geigenunterricht zu nehmen und maturiert schließlich am musikali- schen Zweig des BORG in Wiener Neustadt. „Ich wollte unbedingt ein Geigenstudium beginnen, doch ohne internationale Kontakte ist es schwierig, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdie- nen“, erinnert sich die heute 36-Jährige an den Moment, als die Realität sie einholt. Also widmet sie sich einer weiteren Leidenschaft, studiert Jus in Wien und absolviert nach Abschluss des Studi- ums und im Anschluss an das Gerichtsjahr ein Praktikum bei der renommierten Rechtsanwalts- kanzlei Stephen Harnik in New York. Im Juli 2008 schrillt in Irene Schrammels Büro im zehnten Stock des Chrysler East Buildings das Telefon. Ein Notar aus Wiener Neustadt macht ihr das Ange- bot, ab Oktober desselben Jahres bei ihm als Notariatskandidatin anzufangen. Dem Ruf in die Hei- mat folgt sie, arbeitet hart und legt die zwei Notariatsprüfungen mit Bravour ab.

Inzwischen tut sich auch in ihrem Privatleben einiges: Gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard kauft sie 2011 den Harrathof, einen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb in Bad Erlach. „Wir wollten et- was ganz Neues machen: eine Online-Plattform, bei der Landwirte virtuell Flächen bewirtschaften konnten, mein Mann und ich wollten den landwirtschaftlichen Prozess real mitgestalten. Leider ist es aufgrund privater Umstände nicht zur Umsetzung gekommen. Die Idee hat mich jedoch nie los- gelassen; auch weil viel an Wissen um die Herkunft und Herstellung unserer Produkte heute verlo- rengeht und die Rückverfolgbarkeit immer wichtiger wird.“


WOHER KOMMEN NAHRUNGSMITTEL?

Mit der Geburt ihrer beiden Kinder setzt sich Irene Schrammel noch intensiver mit der Herkunft von Lebensmitteln auseinander. Die Flächen rund um ihren Hof werden schon seit Jahren biologisch bewirtschaftet. „Das hat meinen Entschluss noch mehr gefestigt, unser ‚Schrammels Projekt‘ um- zusetzen. Und beim Besichtigen eines Teigwarenherstellers wurde mir klar, auf welche Weise ein Konsument eigentlich hintergangen wird. Eier werden als eigene Produkte verkauft, obwohl sie von

einem großen Händler bezogen werden. Bei bunten Teigwaren wird Pulver verwendet, dessen Herkunft unklar ist. Das hat mich dazu bewogen, Bio-Teigwaren in nachhaltigen Verpackungen herzustellen, deren Herkunft zu 100 Prozent rückverfolgt werden kann.“

Ihr Herzensprojekt setzt Irene Schrammel anfangs neben Familie und ihrem Job in der Kanzlei um. Doch: „Irgendwann wurde mir alles zu viel, denn auch die Nachfrage nach meinen Produkten stieg. Mir wurde klar: Es ist an der Zeit, mich für etwas Neues zu öffnen“, erinnert sich die junge Frau. So trifft sie eine bedeutsame Entscheidung: Sie hängt den Juristinnen-Beruf an den Nagel und stürzt sich mit Leidenschaft, Kreativität und Eifer in einen neuen Lebensabschnitt als Bio-Landwirtin.


NOCH VIELE IDEEN

Seit Sommer 2018 geht Irene Schrammel in ihrer Backstube am Harrathof ihrer Passion nach. Sie verarbeitet biologische Pro- dukte wie Mehl aus einer burgenländischen Mühle, Dinkel- und Roggenmehl aus Zöbern, Eier aus Krumbach und formt damit Nudel-Kreationen. Daneben baut sie selbst Kräuter und Gemüse an, die ihre Kreativität beflügeln: „Vor kurzem habe ich Pasti- naken, Karotten, Zwiebel und Petersilie aus meinem Garten zu einer Suppenwürze vereint.“ Einen großen Vorteil sieht Irene

Schrammel darin, dass sie ihren Beruf nun optimal mit der Familie vereinbaren kann: „Meist produziere ich vormittags, stehe früh auf, versorge zunächst die Kinder und koche mittags für die Familie. Nachmittags und abends nehme ich mir ebenfalls Zeit für die Kinder, wir haben einen guten Rhythmus.“ Seit 2018 führt Irene Schrammel Bienenstö- cke und konnte so auch Bio-Honig in ihr breit- gefächertes Sortiment aufnehmen. Aus den vielen Apfel- und Birnensorten, die am Hof wachsen, presst sie naturbelassenen Saft. „Ich möchte vor allem der urbanen Bevölke- rung die Tätigkeiten auf einem landwirtschaft- lichen Betrieb, aber auch die Herstellungsver- fahren wieder näherbringen. Zum Beispiel, welche Möglichkeiten es gibt, die Kräuter, die rund ums Haus wachsen, zu verarbeiten. In unserer Natur ist das Potenzial enorm und die Ideen mannigfaltig.“ Das Ergebnis von Irene Schrammels kreativen Phasen kann sich se-

hen lassen: rote Pasta in besonderen Formen, grüne Bärlauchnudeln – vom selbst geernteten Vorrat – in Form eines Häs- chens oder gelbe Nudeln mit Kürbispüree. Die Ideen für kulinarische Kreationen gehen der taffen Frau noch lange nicht aus.


Doris Simhofer

erschienen in GESUND & LEBEN 10/2020